Jugend forscht: Jack, 16, Krebsforscher

Von Julia Herrnböck

Teenager als Wissenschaftler: Ich bin Krebsforscher Fotos
Jane Andraka

Für Schule hat der 16-jährige Jack Andraka im Moment gar keine Zeit: Er schickt sich an, die Krebsmedizin zu revolutionieren. Er hat einen Test für Bauchspeicheldrüsenkrebs entwickelt, der viel schneller und günstiger sein soll als übliche Verfahren.

Er hat dem Präsident der USA die Hand geschüttelt, vor zwei Wochen im Kapitol in Washington. Barack Obama hielt dort seine Rede zur Lage der Nation und Jack Andraka, 16, war als Ehrengast geladen. Nervös sei er gewesen, sagt der Nachwuchswissenschaftler aus dem US-Staat Maryland. In derselben Woche hielt Jack in London vor der Royal Society of Medicine einen Vortrag. "Jetzt stehe ich am Flughafen auf dem Weg zurück nach Maryland", sagt er aufgeregt am Telefon.

Jack hat etwas entwickelt, was ihn sehr gefragt macht: einen Früherkennungstest für Bauchspeicheldrüsenkrebs. Der soll nicht nur 168-mal schneller und 26.667-mal günstiger sein als übliche Verfahren, sondern auch bis zu 400-mal empfindlicher, behauptet Jack. Wenn sich das bewahrheitet, könnte das viele Leben retten.

In den Rang eines Jungstars in der Medizinforschung hat ihn auch der Hype im Internet erhoben. Innerhalb einer Woche gewann er neulich gut 2000 neue Fans auf seiner Facebook-Seite. "Du bist mein Held", schrieb ein Mädchen. "Mach, dass es wahr wird! Und lass nicht zu, dass dich irgendwer als Kind abstempelt!" postete ein Fan.

Ein Streifen aus gewöhnlichem Filterpapier

Jährlich erkranken in Deutschland etwa 15.000 Menschen an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Weil die Krankheit meist zu spät erkannt wird, überleben neun von zehn Patienten die ersten fünf Jahre nach der Diagnose nicht. Auch ein enger Freund von Jacks Familie starb an Bauchspeicheldrüsenkrebs. "Ich fing an, mich darüber zu informieren und war schockiert, dass das Diagnoseverfahren älter ist als mein Vater und wenig präzise", sagt Jack.

Die zündende Idee kam dem damals 14-Jährigen im Biounterricht, als er über Antikörper lernte und außerdem einen wissenschaftlichen Artikel über Kohlenstoffnanoröhren las. Er erdachte einen Teststreifen, der das Protein Mesothelin, das bei manchen Krebsarten verstärkt auftritt, im Blut oder Urin nachweisen kann.

Der Streifen sollte aus gewöhnlichem Filterpapier bestehen, getränkt mit einer Flüssigkeit aus Antikörpern und Kohlenstoffnanoröhrchen, die das Mesothelin binden. Ist Mesothelin vorhanden, verändert sich die Leitfähigkeit, je größer die Menge des verräterischen Proteins, desto weniger leitet der feuchte Papierstreifen. Ausprobieren konnte Jack seine Idee erst, als ihn nach vielen Absagen der Krebsmediziner Anirban Maitra von der Johns-Hopkins-University in Baltimore einlud und Jacks Mentor wurde.

75.000 Dollar für eine geniale Idee

Nach der Schule und in den Ferien, oft bis Mitternacht, experimentierte Jack im Labor der Universität. Mehr als sieben Monate verbrachte der Schüler fast jeden Abend in der Forschungsstation, sogar an seinem 15. Geburtstag. Seine Mutter, eine Anästhesistin, fuhr ihn oft nach der Schule an die Uni, bis Jack ihr eines Tages strahlend entgegenlief. "Da wusste ich, dass er den Durchbruch geschafft hat", erzählt sie.

Bis dahin hatte Jack nur an künstlichen Proben getestet, dann schlug das Verfahren auch bei Mäusen mit menschlichen Tumorzellen an. Heraus kam ein Test, der laut Jack drei Cent kostet, fünf Minuten dauert und in mehr als 90 Prozent der Fälle erkennt, ob jemand an Bauchspeicheldrüsen-, Lungen- oder Eierstockkrebs erkrankt ist.

Die Jury der Intel International Science and Engineering Fair (ISEF) verlieh ihm im vergangenen Mai den mit 75.000 Dollar dotierten Gordon-E.-Moore-Preis in der Kategorie Medizin. Als er auf die Bühne gerufen wurde, flippte er vor Freude aus und kreischte hysterisch. Das Video seines Jubelschreis verbreitete sich schnell übers Internet.

Für Mobilnutzer: Hier geht's zum Video von Jacks Ausraster

Bald wird sich zeigen, ob die Aufregung übertrieben und die Hoffnungen womöglich doch verfrüht waren. "Es ist noch schwer zu sagen, ob der Test wirklich die Ergebnisse bringt", sagt Rienk Offringa, Professor am deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Die Frage sei, wie genau der Test zwischen Krebs und anderen Krankheiten unterscheiden könne. "Es wäre fatal, wenn zu viele falsche Diagnosen erstellt würden." Derzeit läuft ein Patentverfahren, in etwa drei Monaten sollte es dann einen wissenschaftlich fundierten Bericht mit Testergebnissen geben, meint der Biologe.

Jack ist vor kurzem 16 geworden und fühlt sich oft nicht ernst genommen. "Auch heute noch, wenn ich mit meiner Mutter zu Kongressen fahre, glauben die Leute, dass meine Mutter einen Vortrag halten wird und ich sie begleite." Dabei vermarktet Jack nicht nur die Idee seines Tests, sondern auch sich selbst recht erfolgreich: Er postet bei Facebook viele Events oder Videos, die ihn - inzwischen weniger ungestüm - im Anzug und mit Ansteckmikrofon auf einer Bühne zeigen.

Seit dem Wettbewerb jettet Jack zwischen Konferenzen und Vorträgen hin und her. "Mein Leben hat sich total verändert", gluckst er ins Telefon. Er klingt sehr jung und kichert viel. In der Highschool ist er kaum noch, will aber unbedingt den Abschluss machen. "Wenn ich jedoch eine eigene Firma zur Vermarktung gründen sollte, mache ich eine Pause von der Schule", sagt er. Das ISEF-Preisgeld hat er schon für sein Studium beiseitegelegt.

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insgesamt 82 Beiträge
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1.
jjh76 02.03.2013
Menschen wie Jack machen Hoffnung in einer Zeit in der man wenig Hoffnung um die Menschheit haben kann. Meine uneingeschränkte Hochachtung!
2. Nein, danke!
LuiW 02.03.2013
So etwas wollen wir in Deutschland auf gar keinen Fall - wir wollen ja nicht die Akzeptanz für Gentechnik und Schulmedizin erhöhen. Wir machen lieber unsere Schulen gen- und atomfrei und sorgen dafür, dass auf keinen Fall der kalte, kapitalistische Leistungsgedanke in die Schulen einzieht. Unsere deutschen Kinder haben, darauf sind wir stolz, der Moderne und ihren Ikonen Fortschritt und Wachstum gefälligst skeptisch und kritisch gegenüber zu stehen und sollen sich vor Genen, Atomen, Handystrahlung und Pharamindustrieerzeugnissen fürchten. Wir erziehen im Geist von Bio und Alternativ und brauchen bei richtiger Ernährung keine Krebstests.
3. Respekt !
shran 02.03.2013
DAS sind Leute die die Gesellschaft braucht. Zu empfehlen sind auch andere Videos von ihm auf Youtube. Statt seine Kinder mit den eigenen Vorstellungen zu indoktrinieren und mit frühkindlicher Bildung voll zu pumpen sollte man ihnen lieber (wie in diesem Fall) Freiheiten einräumen selbst auf Entdecker Reise zu gehen und selbst Erkenntnisse zu erlangen. Auf diese Weise wird ihnen nicht der Spaß am Lernen genommen sondern ihre Eigenverantwortung und Kreativität gestärkt. In Deutschland ist sowas wegen grünen Politikern in ihrem Bildungs Einheitsbrei, Anti-Technologiewahn und Verbotskultur leider immer weniger möglich.
4.
atech 02.03.2013
Warum so etwas in den USA möglich ist, aber bei uns in Deutschland eher nicht, das sieht man wenn man Artikel wie diesen hier aus Deutschland: Gentechnik-Unterricht in Niedersachsen: Rot-Grün macht Schullabor dicht (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/gentechnik-unterricht-in-niedersachsen-rot-gruen-macht-schullabor-dicht-a-886140.html) liest. Und das dazugehörige Forum dazu, in dem die Foristen empfehlen, die Schüler sollten doch lieber etwas Vernünftiges wie Lesen, Schreiben, Rechnen lernen, anstatt im Schullabor Experimente durchzuführen, für die sie an der Universität noch genug Zeit hätten. Unsere Kinder sind unsere Zukunft. Wir sollten sie ihren Begabungen entsprechend fördern anstatt sie an der kurzen Leine zu halten.
5. Die Frage sei, wie genau der Test zwischen Krebs und anderen Krankheiten unterscheide
hdudeck 02.03.2013
Ich finde, dass das dann nur noch zweitrangig ist. Wenn der Test anschlaegt, wenn eine Krankheit vorliegt, egal welche, ist das doch schon ein Durchbruch. Danach kann man dann geziehlt weiterforschen, um welche Krankheit es sich dann handelt. Das wuerde die Vorsorge revolutionieren
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