Schüler-Videoüberwachung: "Wir werden alle kriminalisiert"

Von Raphael Geiger

Willkommen auf dem Big-Brother-Schulhof: Die Leiter mehrerer Wiener Schulen wollen Kameras an die Wände schrauben, um Vandalismus zu verhindern. Muss das sein? Schüler fühlen sich pauschal verdächtigt und wehren sich gegen eine Schule mit 1000 Augen.

Das Sir-Karl-Popper-Gymnasium in Wien ist eigentlich eine gute Adresse: Als Schulversuch für Hochbegabte 1998 gegründet, fortschrittliche Lehr- und Lernmethoden - "Schule", heißt es in ihre Leitlinien, "ist auch ein Mikrokosmos, in dem geprobt werden kann, wie eine veränderte Gesellschaft funktionieren könnte".

Gerade ist das Gymnasium aber aus einem anderen Grund in der Diskussion: Schulleiter Günter Schmid will Überwachungs-Kameras in der Schule aufhängen. Mehr und mehr Schulen in Österreich wollen ihre Gebäude mit elektronischen Augen überwachen lassen. Ziel: weniger Diebstahl, Vandalismus und Gewalt auf dem Schulgelände.

Für die Kameras muss Schmid einen Antrag bei der Österreichischen Datenschutzkommission stellen, aber sobald der bewilligt ist, werden die Kameras an die Wände geschraubt, sagt er: "Ich sehe keine andere Möglichkeit mehr."

Die Gründe: Ein explodierender ein Feuerwerkskörper beschädigte eiine Toilette, Wände wurden durch Fußtritte auf Bauchhöhe beschmutzt, ein Beamer wurde gestohlen. Die Schüler finden das lächerlich: "Wegen sowas Kameras an die Wände zu montieren, ist doch übertrieben", sagt eine Schülerin. "Wir werden alle kriminalisiert. Und bringen wird es überhaupt nichts."

"Alles im Alleingang"

Mit ihrem Wunsch ist die Sir-Karl-Popper-Schule nicht allein: Auch an anderen Wiener Schulen sollen bald Kameras aufgehängt werden - aber ihr Image leidet. Für Wiener Medien ist das Popper-Gymnasium nun der Ort der "Kapitulation der Pädagogen", so die Zeitung "Der Standard".

Die Schule ist ein öffentliches Gymnasium, das sich das Privileg erkämpft hat, seine Lehrer und Schüler selbst aussuchen zu dürfen. Sie gilt europaweit als eine der besten Schulen für Hochbegabte - nicht gerade eine Problemschule mit einem Gewalt- oder Vandalismusproblem.

Der Direktor habe alles im Alleingang beschlossen und "niemanden nach seiner Meinung gefragt, sondern das einfach autokratisch durchgezogen", sagt eine Schülerin. Sie sitzt in der Kantine und schlürft an einem Eis. Erst drei Wochen, nachdem Schmid seinen Antrag einreichte, sei sein Vorhaben ans Licht gekommen.

"Wenn ein Schulklo gesprengt wird, dann ist das eine schwere Gefährdung der körperlichen Sicherheit von Schülern", sagt Direktor Schmid. Und Exkremente auf Toilettenboden zeugten von einer "menschenverachtenden Haltung gegenüber dem Putzteam."

Andreas Salcher, einer der Schulgründer, sagt, Schmid habe bisher exzellente Arbeit geleistet, es gebe keinen Anlass, seiner Entscheidung zu misstrauen. "Er sagte mir, dass er die Verantwortung nicht mehr tragen kann und keinen anderen Ausweg sieht."

"Ein Pilot lässt seine Passagiere auch nicht abstimmen"

Anders als der Schulleiter sieht Salcher die Kameras nur als "Symptombekämpfung". An fast allen Schulen würden doch "die Bedürfnisse der Schüler seit Jahren negiert." Da müsse man sich nicht wundern, wenn sie zu Schule und Schuleigentum eine schlechte Einstellung hätten. "Wir müssen eine Schule schaffen, an der sich die Schüler wohlfühlen", sagt Salcher.

Mit Kameras?

Die Schüler wehren sich gegen diese Idee: Sie starteten eine Unterschriftenaktion, luden zu einer Protestveranstaltung in den Festsaal des Gymnasiums. Lokale Medien wurden aufmerksam und schrieben über die störrischen Schüler. Damit war der Streit an der Schule offen entbrannt: Wer nichts Unrechtes tut, dem passiert auch nichts, sagten die Befürworter - wir fühlen uns pauschal verdächtigt, konterten die betroffenen Schüler.

Der Protest sei schließlich "von oben abgewürgt" worden, so die Schülerin in der Kantine. Stimmt nicht, sagt Schulleiter Schmid: "Die Schüler wurden über den Antrag an die Datenschutzkommission informiert." Außerdem habe er die alleinige Verantwortung für seine Schüler. "Ein Pilot, der die Passagiere darüber abstimmen ließe, ob er eine gefährliche Gewitterfront durch- oder lieber umfliegen soll, würde sofort vom Dienst suspendiert."

Schulgründer Andreas Salcher deutet den Protest der Schüler als Beweis für die gute Arbeit der Schule, die ihnen Selbstbewusstsein vermittelt habe: "Dass ihre Protestaktion solch einen Widerhall in der Presse findet, freut mich." Auch eine Meinung.

Die Anträge der Popper-Schule wie aller anderen Schulen, die ihre Kameravisionen offiziell absegnen lassen, landen bei Waltraut Kotschy, die Österreichs Datenschutzkommission leitet. In ihrem Büro hinter vielen Türen und Gängen des Bundeskanzlersamts stapeln sich Aktenberge.

"Schulen sind die neueste Dimension der Überwachung"

Kotschy seufzt. Immer mehr Schulen wollten Kameras anbringen - allein in den letzten Wochen hätten neun die Überwachung beantragt: "Es geht nicht um totale Überwachung allerorten, manchmal betrifft es nur Eingangsbereich oder Fahrradständer". Oft sollen aber auch die Schulgänge überwacht werden, was Schüler besonders schlimm finden - dann muss jeder an den Kameras vorbei, der ein Klassenzimmer verlässt.

"Banken oder Museen werden überwacht, weil wir wissen, dass es dort vernünftig ist." Waltraut Kotschy sieht einen generellen Trend zur Videoüberwachung, Kameras würden als Lösung aller Probleme gesehen. "Aber gerade Schulen haben doch die Aufgabe, ihre Schüler so zu erziehen, dass sie von selbst auf Gewalt oder Diebstahl verzichten." Dass selbst dort elektronische Augen von den Wänden schauen sollen, "das ist die neueste Dimension".

Ein anderes Gymnasium in Wien, das "Sacre Coeur". Die Tür fällt ins Schloss, "der Herr Direktor" sei nicht zu sprechen, sagt die Dame, die sich hinter Glas in ihrer Pforte versteckt. "Der Herr Direktor" ist Reinhard Hallwirth Leiter der Schule, über die das Gerücht kursiert, dass sie Kameras aufhängen will - oder gar schon ohne Genehmigung aufgehängt hat. Das berichtete zumindest die Zeitung "Der Standard" und beruft sich auf einen Sacre-Coeur-Schüler, der zugleich Präsident der "Wiener Schülerunion ist und von positiven Erfahrungen mi der Überwachung erzählt habe.

Eine falsche Information, teilt der Rektor per E-Mail mit - an seiner Schule gebe es "keine Überwachung mit Kameras". So oder so, Reinhard Hallwirth hält die Überwachung von Schülern für überhaupt nicht schlimm: "Im Verkehr fahren Sie doch auch nur 50, weil Sie sich vor einer Radarfalle fürchten und nicht aus Rücksicht auf Lärmgeschädigte," sagt er. "So sind wir halt."

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