Austausch-Log: Kind, warum nur Brasilien?

Vera auf dem Weg nach Brasilien: Ich packe meinen Koffer Fotos
Vera Eirich

USA und England kann jeder, findet Vera Eirich, 15, und geht darum für ein Jahr nach Brasilien. Ihr Portugiesisch ist noch lückenhaft, trotzdem bleibt sie vor der Abreise locker. Letzte Frage: Wie packe ich Koffer für ein ganzes Jahr?

Manchmal habe ich das Gefühl, die Zeit kriecht. Allerlangsamstes Schneckentempo. Fast kam es mir mitunter so vor, als laufe die Zeit bis zum meinem Abflug nach São Paulo rückwärts statt vorwärts. Doch ab und an empfand ich auch das glatte Gegenteil: Dann rast die Zeit so schnell, dass ich mich am Stuhl festhalten will.

Wie wenig Zeit mir nur noch bleibt, merkte ich zum Beispiel, als ich meine Unterlagen zur Gastfamiliensuche bekommen habe und mit gefühlt Hunderten Zetteln ständig zum Arzt rennen musste. Ich musste mich impfen lassen, gegen Gelbfieber beispielsweise, ich musste nachweisen, dass ich gesund bin, physisch und psychisch.

Viel zu schnell verging auch die Orientierungswoche in Mühlhausen, wo ich mit anderen Austauschschülern viel über mich selbst gelernt habe, über meine Herkunft, Kultur, das politische System in Deutschland. Durch unser gemeinsames Ziel haben wir uns in einer sehr intensiven Woche wirklich lieb gewonnen. Die Aussicht, dass wir uns so schnell wohl nicht wiedersehen werden, hat am Ende viele überfordert. Wir haben uns unter Tränen verabschiedet.

Seit einem Jahr steht fest, dass ich das kommende Schuljahr in Brasilien verbringen werde, doch genau wie mir ist das den meisten erst jetzt klar geworden. Als das Land, in dem ich leben werde, wurde Brasilien erst real, als sich meine Gastfamilie vor gut sechs Wochen bei mir gemeldet hat.

"Vera, hast du schon die Unterlagen besorgt?"

"Kind, bist du dir ganz sicher, dass du ausgerechnet nach Brasilien willst?"

"Weißt du schon, wie du leben wirst?"

Diese drei Fragen musste ich in den vergangenen Monaten immer wieder beantworten. Ich werde in einem Vorort von São Paulo leben: in Nova Odessa. Dort gehe ich auf eine öffentliche Schule und lebe bei Gastvater Silvio, einem Studenten, der dieses Jahr seinen Master in Ingenieurswesen macht und bei einer deutschen Firma arbeitet. Meine Gastmutter heißt Simone, sie ist Kantorin und Friseurin. Kinder haben die beiden nicht.

Angst hab ich nur vor Straßenhunden

Häufig werde ich auch gefragt, ob ich Angst habe. Schwer zu sagen. Ich fürchte mich vor Hunden, und in meiner neuen Heimat leben davon wohl ziemlich viele auf den Straßen. Aber das ist meine einzig greifbare Sorge vor dem Auslandsjahr. Auch wenn es naiv klingt: Angst, dass ich keine Freunde im Gastland finde und keinen Anschluss, habe ich nicht. Ich fliege da relativ gelassen rüber.

Im Moment beschäftigen mich eher organisatorische Probleme: Wie packe ich meinen Koffer für ein ganzes Jahr? Wie verabschiede ich mich von meinen Freunden? Das Kofferproblem versuche ich mit Vakuum-Beuteln zu lösen, mit denen ich Luft absauge, um meine Klamotten zu komprimieren. Und die Freunde? Da müssen Abschiedpartys helfen.

In Brasilien suche ich das Unbekannte. Viele Austauschschüler gehen in die USA, nach England, aber da wollte ich nicht. Ich will eine richtig fremde Kultur erleben. Bislang habe ich viel Negatives über Brasilien gelesen und gehört. Korruption, Armut, Drogenbanden - das gefällt mir natürlich nicht, aber kein Land sollte darauf reduziert werden, davon bin ich überzeugt.

Was mich außerdem reizt, ist die neue Sprache. Meine momentanen Portugiesisch-Kenntnisse beschränken sich auf Standardsätze über Deutschland, ich kann mich vorstellen und sagen, dass ich kein Portugiesisch spreche. Daneben habe ich viele Vokabeln über Getränke gelernt; ich hatte eine Portugiesisch-App auf meinem Handy, und in der ersten Lektion lernte ich unter anderem "Leite" ("Milch") und "Suco" ("Saft"). Ich werde also nicht verdursten. Immerhin.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Naja
bepekiel 26.08.2013
Zitat von sysopUSA und England kann jeder, findet Vera Eirich, 15, und geht darum für ein Jahr nach Brasilien. Ihr Portugiesisch ist noch lückenhaft, trotzdem bleibt sie vor der Abreise locker. Letzte Frage: Wie packe ich Koffer für ein ganzes Jahr? Schüleraustausch Brasilien: Vorbereitung für die Abreise - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/schueleraustausch-brasilien-vorbereitung-fuer-die-abreise-a-916076.html)
Sampa ist ja nicht so viel anders als alle großen Megastädte weltweit. Das ist 1. Welt. Da wäre es schon interessanter entweder ins Interior von Sao Paulo zu gehen oder eine andere Stadt oder region (bis auf dem Süden, denn da ist es als ob man in den Schwarzwald etc. fährt). Amazonien oder Nordosten, das wärs.
2. Leichtsinn
Europa! 26.08.2013
Zitat von sysopUSA und England kann jeder, findet Vera Eirich, 15, und geht darum für ein Jahr nach Brasilien. Ihr Portugiesisch ist noch lückenhaft, trotzdem bleibt sie vor der Abreise locker. Letzte Frage: Wie packe ich Koffer für ein ganzes Jahr? Schüleraustausch Brasilien: Vorbereitung für die Abreise - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/schueleraustausch-brasilien-vorbereitung-fuer-die-abreise-a-916076.html)
Deutschland ist zum Glück eine der sichersten und friedlichsten Länder der Welt. Leider führt das dazu, dass die jungen Leute sich gar nicht vorstellen können, dass es andere Länder auf der Welt gibt, wo es brutal und gewalttätig zugeht. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man überall "spannende Abenteuer" erleben kann, die am Ende gut ausgehen wie im Fernsehen und Kino.
3. Gute Entscheidung
jploesch 26.08.2013
Vera, gute Entscheidung etwas anderes als der Mainstream zu machen. Natürlich ist Sao Paulo ein Moloch und hat seine gefährliche Seiten - aber dies können auch Städte in England und den USA sein. Wenn Du das Brasilianisch Portugiesisch erlenst, wirst Du eine schöne Sprache können, welche viel Potential bietet. Eine schöne Zeit und viel Erfolg.
4.
tbxi 26.08.2013
Zitat von sysopUSA und England kann jeder, findet Vera Eirich, 15, und geht darum für ein Jahr nach Brasilien.
Brasilien kann auch so ziemlich jeder. Anspruchsvoll wären Fernost (wegen Sprache) oder Afrika/Vorderasien (politische und soziale Situationen).
5. was ist
sitiwati 26.08.2013
in Fernost so problematisch ? und wer schickt sein Kind in ein Kriegsgebiet, ich hatte auch mal für meinen Sohn so ein Jahr ins Auge gefasst, aber es scheitert an den Kosten, ziemlich teuer, was kostet das Jahr in Brasilien ??
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Querweltein
RSS
alles zum Thema Austausch-Log
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 52 Kommentare
  • Zur Startseite
Austausch-Log: Die Autoren
Vera in Brasilien
Vera Eirich

Vera Eirich, 15, besucht eigentlich ein Gymnasium im niedersächsischen Rhauderfehn. Ein Jahr geht sie in Brasilien zur Schule. Danach möchte sie eine echte Latina sein und ihre fünfte Sprache fließend sprechen können.

Hier geht's zu allen Austausch-Logs.
Alina in Amerika
Daniel Noglik

Die Gymnasiastin Alina Buxmann, 16, reist aus einem niedersächsischen Dorf in die USA. Sie verlässt sich nicht darauf, was Filme und Bücher erzählen, sie will die amerikanische Kultur erleben. Auch wenn das bedeutet, auf ihre Lieben und deutsches Brot zu verzichten.

Hier geht's zu allen Austausch-Logs.
Caroline in Frankreich
Caroline Körner

Caroline Körner, 15, tauscht ihr Gymnasium im hessischen Taunusstein für fünf Monate gegen eine Schule in Frankreich, 1200 Kilometer von zu Hause entfernt. Ihre Austausch-Erfahrungen notiert sie in ihrem Tagebuch und für den SchulSPIEGEL.

Hier geht's zu allen Austausch-Logs.
Arzucan in Hongkong
A. Askin

Arzucan Askin, 17, kommt aus Berlin und hat bereits ein Austauschjahr in den USA verbracht. Als sich das Fernweh wieder meldete, bewarb sie sich an einer internationalen Schule in Hongkong. Im Internat des "United World College" wird sie für zwei Jahre leben.

Hier geht's zu allen Austausch-Logs.
Jana in Malaysia
Jana Reyer

Aus einem Dorf in der Oberpfalz reist Jana Reyer, 18, nach Malaysia und tauscht ihr heimisches Gymnasium gegen die Deutsche Schule in Kuala Lumpur. Zuvor hat sie bereits ein Jahr lang in Japan gelebt. Nun freut sie sich auf heißes Wetter, Tempel und Wolkenkratzer.

Hier geht's zu allen Austausch-Logs.
Fotostrecke
Anna zurück in der Schweiz: Bye-bye Texas

Fotostrecke
Junge Brasilianer erzählen: Wir sind Kriegsreporter, Model, Opern-Star


Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...