Austausch-Log Finnland: Es werde Licht

Viel Schnee und selten Sonne: Austauschschülerin Henrike Rathje gefällt der finnische Winter, nur an die Dunkelheit hat sie sich noch nicht gewöhnt. Auch nicht an die Grammatik und die vielen Fälle - heißt es jetzt Seinäjoella, Seinäjoelle oder Seinäjoelta?

Henrike in Finnland: Wo ist nur die Sonne hin? Fotos
DDP

Finnland überrascht mich ständig: An einem Tag regnet und stürmt es, und die Temperaturen liegen um die null Grad, am nächsten überzieht eine Zehn-Zentimeter-Schneedecke die Landschaft und das Thermometer zeigt minus 20 Grad.

Derzeit liegt Schnee und Finnland sieht noch viel schöner aus als vorher. Im September machte ich Witze, wenn ich mit dem Zug durchs Land gefahren bin: Wald, Stein, Wald, See, Wald, Haus, Wald, See, Wald, Feld, Haus, Wald. Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, reichen zwei Wörter: alles weiß.

Noch sehr viel gewöhnungsbedürftiger als die Temperaturen finde ich die Sonne, die sich derzeit nur selten blicken lässt: Sie geht irgendwann während meiner zweiten Schulstunde auf, unter geht sie, wenn ich nach der Schule nach Hause fahre. Am Nachmittag und Abend verliere ich jedes Zeitgefühl: Ist es jetzt 17 Uhr oder 22 Uhr?

An Nikolaus haben die Finnen ihr eigenes Fest, das aber nichts mit Weihnachten zu tun hat: Sie feiern itsenäisyyspäivä, den finnischen Selbständigkeitstag. Sie hissen an dem Tag die Nationalflagge und viele schauen sich auch im Fernsehen die offizielle Feier an, die in der Hauptstadt Helsinki stattfindet. Über tausend Gäste sind eingeladen, Politiker, Künstler, verdiente Bürger. Da ich immer noch nicht so viel Finnisch verstehe, habe ich mich auf die Gäste konzentriert: Wie viele erkenne ich?

Heimweh hält sich in Grenzen

Wobei ich mit der Sprache zumindest im Alltag inzwischen schon recht gut zurechtkomme, die meisten Situationen kann ich auf Finnisch meistern. Wobei ich noch immer Probleme mit den 15 Fällen habe: Seinäjoella (in der Stadt Seinäjoki), Seinäjoelle (nach Seinäjoki), Seinäjoelta (von Seinäjoki), Seinäjoen (Seinäjokis). Wer kann sich das schon merken?

Weihnachten haben wir so ähnlich gefeiert wie in Deutschland: Die Großeltern sind zu Besuch gekommen, wir haben ein bisschen gesungen und Geschenke ausgepackt, sind zur Kirche gegangen und haben viel gegessen. Wobei das Essen ganz anders war: Schon in der Vorweihnachtszeit gab es überall Schinken und verschiedene Versionen des laatikko, einer Art Brei oder Auflauf bestehend vor allem aus Karotten und Kartoffeln.

Den joulupukki, den richtigen Weihnachtsmann (Ja, den gibt es!), werde ich leider erst im Februar treffen. Meine Austausch-Organisation veranstaltet einen Trip nach Lappland, unter anderem werden wir uns auch das Weihnachts-Dorf angucken und dort den offiziellen Weihnachtsmann treffen. Der soll acht Sprachen sprechen, habe ich gehört.

Oft heißt es: Austauschschüler haben zur Weihnachtszeit besonders viel Heimweh. Ich muss sagen: Bei mir war es nicht so. Ich vermisse zwar meine Familie und Freunde in Deutschland, manchmal wünsche ich mir auch, dass ich für eine Woche zurück fliegen und alle wiedersehen könnte. Aber mein Heimweh hält sich insgesamt in Grenzen, wenn ich es mit dem anderer Austauschschüler vergleiche.

Mir hilft, dass ich mich in meiner finnischen Familie und auch in der Schule schon richtig eingelebt und Freunde gefunden habe. Ich fühle mich wirklich wohl hier. Wenn ich zur Schule fahre, den Weg, den ich schon längst in und auswendig kenne, vorbei an schneebedeckten Bäumen, dann fühle ich mich schon sehr zu Hause.

Und wenn ich an Deutschland denke, erinnere ich mich daran, dass ich schneller wieder in der Heimat sein werde als mir lieb ist. Dann werde ich viel Zeit haben all das nachzuholen, was ich jetzt vermisse.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. lesenswert
truereader 14.01.2013
Ein lesenswerter Eindruck aus dem Hohen Norden. Hier geht einem das Einheitsgrau beim Wetter auch auf den Keks. Wenn denn immerhin mal Schnee da wäre... so könnte man auch gleich nach Finnland auswandern
2.
verpiler 14.01.2013
Ich frage mich immer, warum man schon so während seiner Schulzeit ein Austauschjahr macht. Ein Semester Studium in einem anderen Land ist doch viel interessanter. Die Persönlichkeit ist weiter entwickelt; man lässt mehr zurück, und nimmt noch mehr mit.
3. Lieber 15 Fälle
michaelXXLF 14.01.2013
als ca. 35 Präpositionen im Deutschen. Einige gibt es sowohl mit Dativ als auch mit Akkusativ aber es gibt keinerlei Merkmale, woran man das festmachen könnte. Außerdem benutzt man nicht alle 15 Fälle; 6 oder so werden normalerweise durch Postpositionen umschrieben. Das kann man alles lernen.
4. kleiner Übersetzungsfehler ;-D
smilesuomi 15.01.2013
als alter Besserwisser...hier noch ein Vorschlag... Es ist nicht der Selbständigkeitstag, wie es direkt übersetzt heißt, sondern der Unabhängigkeitstag... Die Finnen feiern an diesem Tag, dass ihr schönes kleines Land von Russland unabhängig wurde... Aber trotz allem Respekt, als Austauschschüler ins Ausland zu gehen. Die Sprache ist aber einfacher, als man denkt ;-D. Ein großer Vorteil ist, dass man alles so spricht wie man es schreibt.... Das mit den Fällen ist doch noch das geringste Finnisch-Deutsche Problem.... Für die erheiternde Unterhaltung beiderseits.. 1. Sollte man den Finnen nach einer großen Tüte Chips fragen 8ja ich weiß, hört sich vulgär an... 2. umgekehrt erhät man grinsende Blicke, wenn man erzählt, das man einen Bekannten hat der Pascal heißt 3. und da wirds dann ungemütlich. Bitte einfach mal eine Verabredung ausmachen ...das kann auch komisch ankommen...richtig ausgesprochen tapaan (ich treffe z.B. dich)...falsch ausgesprochen tappan (ich töte z.B. dich) p.s. vielleicht ist ja die Autorin noch während der Eishockey-WM in FInnland...das kann auch spaßig werden. Bei uns hat die Pastorin sogar darum gebeten, die Taufe um eine Stunde zu verschieben...weil Finnland spielte :-D oder auf das Mämmi bei Ostern...auf Geschmackskommentare uaaah
5.
meinnameistschonvergeben 07.02.2013
@verpiler : ich als austauschschuelerin habe auch erst ueberlegt nach der schule /studium zu gehen. Aber ich bin so froh jetzt mit 15 gegangen zu sein! Wenn ich weiter in meiner normalen umgebung gelebt haette haette ich nie andere sachen gelernt haette ich nie mich so gut kennengelernt und habe so ein ganz anderes zunkunftsbild gefunden. Wenn ich nicht gegangen waere wuerde ich meinen weg ohne diese erfahrungen waehlen und haette es vielleicht spaeter sehr bereut. Ausserdem hat eine studie ergeben dass man zwischen 15 und 16 am meisten aus diesem jahr erntet. Also ich kann nur emfehlen das jahr mit 15/16 zuu machen.
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