Finnland überrascht mich ständig: An einem Tag regnet und stürmt es, und die Temperaturen liegen um die null Grad, am nächsten überzieht eine Zehn-Zentimeter-Schneedecke die Landschaft und das Thermometer zeigt minus 20 Grad.
Derzeit liegt Schnee und Finnland sieht noch viel schöner aus als vorher. Im September machte ich Witze, wenn ich mit dem Zug durchs Land gefahren bin: Wald, Stein, Wald, See, Wald, Haus, Wald, See, Wald, Feld, Haus, Wald. Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, reichen zwei Wörter: alles weiß.
Noch sehr viel gewöhnungsbedürftiger als die Temperaturen finde ich die Sonne, die sich derzeit nur selten blicken lässt: Sie geht irgendwann während meiner zweiten Schulstunde auf, unter geht sie, wenn ich nach der Schule nach Hause fahre. Am Nachmittag und Abend verliere ich jedes Zeitgefühl: Ist es jetzt 17 Uhr oder 22 Uhr?
An Nikolaus haben die Finnen ihr eigenes Fest, das aber nichts mit Weihnachten zu tun hat: Sie feiern itsenäisyyspäivä, den finnischen Selbständigkeitstag. Sie hissen an dem Tag die Nationalflagge und viele schauen sich auch im Fernsehen die offizielle Feier an, die in der Hauptstadt Helsinki stattfindet. Über tausend Gäste sind eingeladen, Politiker, Künstler, verdiente Bürger. Da ich immer noch nicht so viel Finnisch verstehe, habe ich mich auf die Gäste konzentriert: Wie viele erkenne ich?
Heimweh hält sich in Grenzen
Wobei ich mit der Sprache zumindest im Alltag inzwischen schon recht gut zurechtkomme, die meisten Situationen kann ich auf Finnisch meistern. Wobei ich noch immer Probleme mit den 15 Fällen habe: Seinäjoella (in der Stadt Seinäjoki), Seinäjoelle (nach Seinäjoki), Seinäjoelta (von Seinäjoki), Seinäjoen (Seinäjokis). Wer kann sich das schon merken?
Weihnachten haben wir so ähnlich gefeiert wie in Deutschland: Die Großeltern sind zu Besuch gekommen, wir haben ein bisschen gesungen und Geschenke ausgepackt, sind zur Kirche gegangen und haben viel gegessen. Wobei das Essen ganz anders war: Schon in der Vorweihnachtszeit gab es überall Schinken und verschiedene Versionen des laatikko, einer Art Brei oder Auflauf bestehend vor allem aus Karotten und Kartoffeln.
Den joulupukki, den richtigen Weihnachtsmann (Ja, den gibt es!), werde ich leider erst im Februar treffen. Meine Austausch-Organisation veranstaltet einen Trip nach Lappland, unter anderem werden wir uns auch das Weihnachts-Dorf angucken und dort den offiziellen Weihnachtsmann treffen. Der soll acht Sprachen sprechen, habe ich gehört.
Oft heißt es: Austauschschüler haben zur Weihnachtszeit besonders viel Heimweh. Ich muss sagen: Bei mir war es nicht so. Ich vermisse zwar meine Familie und Freunde in Deutschland, manchmal wünsche ich mir auch, dass ich für eine Woche zurück fliegen und alle wiedersehen könnte. Aber mein Heimweh hält sich insgesamt in Grenzen, wenn ich es mit dem anderer Austauschschüler vergleiche.
Mir hilft, dass ich mich in meiner finnischen Familie und auch in der Schule schon richtig eingelebt und Freunde gefunden habe. Ich fühle mich wirklich wohl hier. Wenn ich zur Schule fahre, den Weg, den ich schon längst in und auswendig kenne, vorbei an schneebedeckten Bäumen, dann fühle ich mich schon sehr zu Hause.
Und wenn ich an Deutschland denke, erinnere ich mich daran, dass ich schneller wieder in der Heimat sein werde als mir lieb ist. Dann werde ich viel Zeit haben all das nachzuholen, was ich jetzt vermisse.
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