Austausch für Grundschüler: Mit neun allein nach Frankreich

Von

Sie möchten nur das Beste für ihren neunjährigen Sohn. Also sagten Kaspars Eltern ja, als er allein für einen Schüleraustausch nach Frankreich wollte. Jetzt ist er für ein halbes Jahr weg. Geblieben sind die Zweifel, ob die Entscheidung richtig war.

SPIEGEL ONLINE

Kaspar sollte nicht so früh gehen. Dann erlaubten seine Eltern ihm doch, nach Frankreich zu fliegen. Sechs Monate lebt er in Saint-Philibert, ein Küstendorf in der Bretagne, in einem alten Haus aus Naturstein, mit großem Esszimmer und Hortensien im Garten. Bei einer Gastfamilie, die er bis vor kurzem nicht kannte, in einem Land, dessen Sprache er nicht spricht. Eigentlich geht Kaspar in die dritte Klasse einer Berliner Grundschule. Er ist neun Jahre alt.

Kaspars Reise nach Frankreich begann vor über einem Jahr auf einem See in Berlin. Beim Eislaufen trafen seine Eltern alte Bekannte, sie erzählten von einem Schüleraustausch für Grundschüler, eines ihrer Kinder nahm gerade daran teil. Interessant, dachte Kaspars Mutter. Aber viel zu früh. Kaspar hörte zu und sagte nichts. Erst auf dem Rückweg sagte er: Das will ich auch.

Das verunsicherte seine Mutter Wiebke Hennig, verletzte sie auch ein bisschen. Er will weg von uns, dachte sie. Will er uns gefallen? Glaubt er, wir wünschen uns ein Kind, das im Ausland zu Hause ist? Das haben sie ihm schließlich vorgelebt.

Als sie mit Freunden und Bekannten über den Austausch für Grundschüler sprach, sagten die: Traumatisiert ihr euer Kind nicht, wenn ihr es so früh wegschickt? Auch Wiebke Hennig fragt sich das oft. So wie sich viele Eltern oft fragen, ob sie alles richtig machen. Handelt der Lehrer ungerecht oder übertreibt mein Kind? Kann es zur Schule gehen oder ist es wirklich krank? Ist es ein normaler Streit unter Freunden oder sollte ich mich einschalten?

Fremde Gasteltern würden ein halbes Jahr für Wiebke Hennig und ihren Mann entscheiden, und sie müssten aus der Ferne zuschauen. Würden sie das aushalten? Und noch wichtiger: Würde ihrem neunjährigen Kind das gut tun?

Fotostrecke

7  Bilder
Schüleraustausch: Kaspar und Matéo, Brüder auf Zeit
Wiebke Hennig, 38, lebt mit ihrem Mann Christian Schaich, 42, und ihren drei Kindern in einer Berliner Maisonette-Wohnung, Altbau mit Holzdielen. Zuvor wohnten sie in Moskau, er studierte in der Ukraine, sie ging ein Jahr in Chile zur Schule. In der Wohnung reiht sich Bücherregal an Bücherregal, daneben steht ein Klavier, an dem die Kinder üben, wenn sie nicht gerade beim Tennis oder zur Christenlehre in der Gemeinde sind. Der Vater, ein promovierter Jurist, groß, ruhig, gemütlicher Bauch und dunkle Locken, arbeitet bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die Mutter Wiebke, eine promovierte Juristin, schlank, herzlich, blonde, lange Haare, als Richterin. Traumatisiert wirken ihre Kinder Kaspar, Nele, 7, und Juri, 4, nicht. Dafür lachen, kichern, toben und singen sie zu viel.

Wiebke Hennig sagt, sie habe sehr dafür kämpfen müssen, dass sie nach Chile durfte. Ihr Sohn sollte es leichter haben.

Also schaute sie sich mit ihrem Mann ein paar Wochen nach dem Eislaufen den Verein Allef im Internet an. Dahinter stecken Eltern, die sich ehrenamtlich engagieren. Sie wollen kein Geld verdienen, sagen sie, sondern den Grundschulkindern eine einmalige Erfahrung ermöglichen. Etwa 24 Kinder zwischen acht und zehn Jahren vermittelten sie jährlich nach Frankreich und umgekehrt, bei rund 70 Bewerbungen. Etwa alle zwei Jahre bräche ein Kind den Austausch ab.

Die Familie schrieb eine Bewerbung, und bekam nach langen Gesprächen mit dem Verein die Unterlagen von einer potentiellen französischen Austauschfamilie. Es folgte ein Besuch mit der ganzen Familie in Frankreich und umgekehrt. Durch das anstrengende Bewerbungsverfahren versucht der Verein, jene Eltern auszusortieren, die verbissen an der Karriere ihrer Kinder arbeiten, jene Eltern, für die polyglotte Kinder ein must have sind. Bei Kaspars Eltern ist das gelungen. Sie haben ihren Sohn nicht weggeschickt, sondern ihn gehen lassen.

"Der Austausch bringt das Familienmobile durcheinander"

Im vergangenen Sommer brachte jene Familie, bei der Kaspar nun lebt, ihren neunjährigen Sohn Matéo nach Berlin. Hier teilten sich die beiden ein Zimmer. Kaspars Eltern schraubten ihr Ehebett auseinander, stellten es im Kinderzimmer Kopf an Kopf, Schreibtisch stand an Schreibtisch. Damit Kaspar und Matéo nicht zu sehr aneinander klebten, gingen sie in verschiedene Klassen.

Für Matéo lief es gut in der Schule, obwohl er bei seiner Ankunft kein Wort Deutsch sprach. Er bekam eine 2+ im Vorlesen und eine 1 im Deutschtest. "Ich finde das total verrückt", sagte Wiebke Hennig, als sie den Test damals unterschrieb. "Woher kann er das?" Ihr Mann legte ihm kurz die Hand auf den Kopf: "Gut gemacht, Matéo", sagte er. Sie behandelten ihn wie einen Sohn, er sagte Mami und Papi zu ihnen - nachdem seine französische Mutter ihm versichert hat, dass sie das nicht stört.

"Der Austausch hat das Familienmobile durcheinander gebracht", sagt Wiebke Hennig. Jeder habe zusehen müssen, dass er trotzdem genug Aufmerksamkeit bekomme. Ihr Jüngster Juri rannte in den ersten Wochen zehn Minuten vor den anderen an den Frühstückstisch, damit er neben Matéo sitzen konnte. "Es war anstrengend, wie um ihn gebuhlt wurde", sagt Christian Schaich.

Auch in der Schule war Matéo sehr beliebt, besonders den Mädchen gefielen seine braunen Locken, seine Stupsnase, sein Lachen. Er sei ein lebensfrohes und glückliches Kind, sagt seine Lehrerin, aber manchmal, gerade am Anfang, sei er auch traurig gewesen. Er habe gesagt, am Freitag könne er wieder mit seinen Eltern telefonieren. Darauf freue er sich. Matéo hingegen behauptet, er habe in Berlin nie Heimweh gehabt.

"Was ist in der Kinderziehung kein Risiko?"

Der Verein Allef gibt für den Schüleraustausch strikte Regeln vor, so sollen die Kinder komplett in die andere Familie, deren Sprache und Kultur eintauchen - bestenfalls ohne Heimweh zu bekommen. Matéo durfte kein französisches Buch einpacken, nicht Französisch reden - und nur einmal in der Woche mit seinen Eltern telefonieren. Auch Kaspar darf jetzt kein Deutsch reden, es sei denn er telefoniert mit seinen Eltern.

Die Telefonate täten ihr gut, sagt Wiebke Hennig - weil es Kaspar gut gehe. Sie denke täglich an ihn.

Ist er nicht doch zu jung?

Wiebke Hennig antwortet nicht sofort, sie setzt an, bricht ab, denkt nach. Sie vermisse ihren Sohn, sagt sie. Trotzdem gefalle ihr der Austausch. Sie wünsche sich ein glückliches und zufriedenes Kind, sie wolle nicht klammern. Trotzdem habe sie Angst, dass er sich entfremdet, dass etwas passiert. Sie wisse, dass es ein Risiko ist. "Aber was ist in der Kinderziehung kein Risiko?"

Im Mai lebt Kaspar seit drei Monaten in Frankreich. Am Telefon wirkt er etwas genervt, hat wenig Zeit, will wieder mit Matéo spielen. "Ganz am Anfang hatte ich ein bisschen Heimweh", sagt er. Dann habe er sich selbst alles aufgezählt, was ihm gefalle, dass er gerade mit seinen Gasteltern im Skiurlaub ist, dass Matéo da ist, dass er in seinem neuen Heimatort in der Bretagne surfen kann. "Irgendwann habe ich mich gefragt: Warum bin ich überhaupt traurig?"

Es klingt nicht so, als wüsste er, worauf er sich eingelassen hat, als wüsste er, wie viele Gedanken sich seine Eltern machen. Es klingt nach einem Abenteuer.

Start der Audio-Slideshow: Was Kaspar und Matéo zum Austausch sagen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Leichtfertig
Antoninus 15.05.2012
"Ihr Sohn sollte es leichter haben." - Ein ziemlich leichtfertiger Satz in der Erziehung. Leider durchschaut man Familien-Bilder nie; weder beim Recherchieren, noch beim Nachlesen. Wahrheiten sollte man bei diesem Liquid-Verfahren nie erwarten: Wenn die Familie übermorgen auseinander geht - na, auch kein Drama.
2. Interessant
willi2007 15.05.2012
Ich halte den freiwilligen Aufenthalt eines Kindes bei einer Gastfamilie in einem anderssprachigem Land für förderlich. Wichtig scheint mir zu sein, dass in der Gastfamilie ein gleichaltriges Kind lebt. Kinder sind in der Lage, sich auch ohne Sprache verständlich zu machen. Gemeinsam zur Schule zu gehen und die Freizeit zu verbringen, verbindet nicht nur, es ist auch die ideale Hilfestellung. Kinder desselbe Alters haben im Grunde genommen die gleichen Interessen. Ich finde diese Art von Schüleraustausch gut.
3. Gegen Titelzwang
Ollie_ 15.05.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESie möchten nur das Beste für ihren neunjährigen Sohn. Also sagten Kaspars Eltern ja, als er allein für einen Schüleraustausch nach Frankreich wollte. Jetzt ist er für ein halbes Jahr weg. Geblieben sind die Zweifel, ob die Entscheidung richtig war. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,816494,00.html
Die Zweifel kann ich gut nachvollziehen! Nie käme ich auf die Idee, unseren Großen (8) mit neun allein in die weite Welt zu schicken.
4. :-)
maddin19912 15.05.2012
Ein schöner Artikel und ein tolles Video!
5. Klingt doch gut !
postmaterialist2011 15.05.2012
Ich glaube wenn ich mit 8 oder 9 von meinen Eltern zur "Christenlehre" geschickt worden wäre, dann wäre ich auch gerne ein Jahr ins Ausland gegangen um der Indoktrination zu entgehen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Querweltein
RSS
alles zum Thema Schüleraustausch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 45 Kommentare

Fotostrecke
Austausch-Log Japan: Schillerndes Tokio, ländliches Shikoku

Social Networks