Austausch-Log China: Willkommen im Wettbewerb

Auf dem Stundenplan stehen Kung-Fu, Kalligrafie, chinesische Kultur, und im Supermarkt gibt's eingeschweißte Hühnerfüße: Austauschschülerin Lea Kiehne, 15, ist in China angekommen. Die erste Woche war schrecklich, doch dann ging die Schule los - und der Konkurrenzkampf.

Austausch-Log China: Auf der Mauer, auf der Lauer Fotos
Lea Kiehne

Ich war vorher noch nie weiter weg als auf den Azoren, und daran kann ich mich nicht einmal mehr erinnern. Und plötzlich stand ich auf der Chinesischen Mauer! Wir machten mit den anderen Austauschschülern einen Ausflug dorthin, bevor wir zu unseren Gastfamilien reisten. Für die Seilbahn, die zur Mauer hinaufführt, hatte ich zu wenig Geld dabei. Also musste ich endlos viele Treppen hochsteigen, puh. Dafür war die Aussicht supertoll, auch wenn es dunstig war und man nicht so weit gucken konnte.

Vier von uns fuhren danach weiter nach Tangshan - zwei Italiener, ein Japaner und ich. Wir verschliefen die zweite Hälfte der Fahrt, und ich weiß noch, dass wir plötzlich in der Schule ankamen, wo unsere Familien auf uns warteten, aber ich war zu schläfrig, um das richtig mitzukriegen. Meine Gastschwester umarmte mich und schob mich ins Auto. Als ich mich anschnallen wollte, brach die ganze Familie in lautes Lachen aus und erklärte mir, dass es ohne Gurt sicher genug sei. Wenn ich mir den Verkehr hier anschaue, bin ich davon nicht so überzeugt.

Anfangs habe ich mich über mein Zimmer gewundert. Genauer: über mein Fenster. Das war offen und hatte nur ein Mückengitter davor und ein paar Gitterstäbe. Meine Schwester sagte, dass manche Häuser noch keine Fensterscheiben hätten, aber dass darin trotzdem Leute wohnen. Also hoffte ich, dass es noch eine Weile warm bleibt und ich bis zum Winter weiß, was mit meinem Fenster passiert ist. Zwei Wochen später sagte meine Gastmutter, dass ich Bauchschmerzen bekommen würde, wenn ich das Fenster ständig offen ließe - und schob es einfach zu. Ich hatte die ganze Zeit eine Scheibe und habe sie nicht gesehen.

Die erste Woche war schrecklich. Meine Schwester war von morgens bis abends in der Schule und musste danach Hausaufgaben machen, und meine Gastmutter wollte nicht mit mir rausgehen, weil sie kein Englisch kann und ich kein Chinesisch. Also saß ich zu Hause, langweilte mich und bekam Heimweh.

Grünes Eis gefüllt mit Bohnen

Als die Schule anfing, ging es mir sofort besser. Ich bin mit den anderen Austauschschülern in einer Klasse. Wir haben 41 chinesische Klassenkameraden, sie haben uns sofort gut aufgenommen. In die Schule gehen etwa 4000 Schüler, die Hälfte wohnt auch auf dem Gelände. Es gibt drei Gebäude mit Schlafräumen, drei mit Klassenräumen, eine fünfstöckige Bibliothek, einen Lehrertrakt mit Büros, ein Haus für die Chemie-, Physik- und Biologielabore und eine riesige Kantine.

Nach dem Gong stürzen die Schüler in die Kantine und schubsen und drängeln an den mehr als 20 Essensausgaben. Wer es nicht mehr schafft, ein Essen zu bekommen, geht in den Supermarkt. Dort kann man alles kaufen, von Stiften über Taschentücher bis zu Keksen, Nudeln und eingeschweißten Hühnerfüßen. Es gibt auch grünes Eis gefüllt mit einer Paste aus roten Bohnen, süße Fleischstreifen und Bonbons, die so sauer sind, dass man anfängt zu zappeln.

Der Unterricht beginnt offiziell um 7 Uhr, aber die Schüler sitzen immer schon um 6.45 Uhr da und lernen leise. Oft haben wir nur zu fünft Unterricht: wir Austauschschüler und ein Mädchen aus Kanada, das mit seiner Familie hergezogen ist. Wir lernen jeden Tag mindestens vier Stunden Chinesisch und außerdem Kung-Fu, Musik, Kalligrafie und etwas über chinesische Kultur.

Mit der ganzen Klasse haben wir nicht immer Unterricht, vor allem Englisch, Mathe, Musik und "Self Study". Mathe und Musik sind auf Chinesisch, wie auch die Englischstunden, wenn der Lehrer die Grammatik erklärt. In "Self Study" ist meist kein Lehrer in der Klasse, die Schüler lernen oder machen Hausaufgaben. Eine Art Klassensprecher sorgt für Ruhe, aber er hat nicht viel zu tun, die Schüler sind von sich aus still. Sie wissen, wenn sie nicht lernen, haben sie ein Problem.

Letztens hatte eine Freundin heftige Bauchschmerzen. Es war ein Freitagnachmittag und ich schlug ihr vor, in ihr Zimmer zu gehen und sich hinzulegen, sie wohnt in der Schule. "Das geht nicht. Ich muss in den Unterricht, sonst verliere ich den Anschluss", sagte sie. Dabei ist sie die Drittbeste der Klasse. Das wissen wir so genau, weil an einer Wand eine Liste hängt, auf der der Rang jedes Schülers steht. Und die Lehrer lassen keine Gelegenheit aus, die Schüler anzustacheln. In China ist echt alles ein großer Wettbewerb.

Lea Kiehne hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Wololooo 09.11.2012
Langweilig!
2.
der_pascal 09.11.2012
Zitat von WololoooLangweilig!
Spannender als Ihr Kommentar.
3. Gähn!
Niamey 09.11.2012
Zitat von sysopLea Kiehne Auf dem Stundenplan stehen Kung-Fu, Kalligrafie, chinesische Kultur, und im Supermarkt gibt's eingeschweißte Hühnerfüße: Austauschschülerin Lea Kiehne, 15, ist in China angekommen. Die erste Woche war schrecklich, doch dann ging die Schule los - und der Konkurrenzkampf. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/schueleraustausch-in-china-austauschschuelerin-trifft-gastfamilie-a-865526.html
China wird immer lanweiliger, je öfter der Spiegel darüber berichtet. Was kratzt es eine deutsche Eiche wenn ein Schwei..., ne, wenn in China ein Sack Reis umfällt? Echt, lasst es sein!
4.
Meckermann 09.11.2012
Zitat von NiameyChina wird immer lanweiliger, je öfter der Spiegel darüber berichtet. Was kratzt es eine deutsche Eiche wenn ein Schwei..., ne, wenn in China ein Sack Reis umfällt? Echt, lasst es sein!
Solange man keinen Unfall hat, ist es ja auch sicher. Da brauchts auch keinen Airbag, keine Knautschzone usw. Wenns knallt ist es aber leider zu spät den gurt anzulegen.
5. Erfahrungsbericht
impeerator 09.11.2012
Ich persönlich finde Erfahrungsberichte von Auslandsaufenthalten immer interessant. Es müssen doch nicht immer nur Schreckensmeldungen mit Belherungen, Mord & Totschlag und/oder Panikmache sein! Wen's nicht interessiert, der soll es halt nicht lesen. Fertig. Sie gehen ja auch nicht in den Buchladen und erklären der Verkäuferin, welche Bücher Sie alle uninteressant und überflüssig finden. Sondern Sie ignorieren diese Bücher (falls Sie überhaupt mal einen solchen Laden betreten) und suchen sich die heraus, die sie interessieren. Ich schlage vor, das auch auf Nachrichtenportalen genauso zu machen. Dann müssen Sie Ihre (hoffentlich) wertvolle Zeit auch nicht mit solch nutzlosen Kommentaren verschwenden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Querweltein
RSS
alles zum Thema Austausch-Log
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 20 Kommentare
Fotostrecke
Austauschjahr in China: Max und Moritz müssen mit

Austausch-Log: Die Autoren
Lea in China
Die Hamburger Gymnasiastin Lea Kiehne, 16, freute sich vor dem Abflug nach China besonders auf ihre Gastfamilie. In der Stadt Tangshan bei Peking will sie ihre ersten chinesischen Wörter pauken.

Hier geht's zu allen Austausch-Logs.
Laura in Panama
Laura Heidemann, 16, möchte in Panama ein zweites Zuhause auf der anderen Seite der Welt finden. Ihre erste Heimat ist Hamburg, wo sie ihre Gitarre zurücklassen musste, die sie in Südamerika vermissen wird.

Hier geht's zu allen Austausch-Logs.
Anna in Amerika
Anna Sophia Burch, 17, besucht in Sarnen, einem Städtchen in der Schweiz, das Gymnasium. Seit August geht sie ein Jahr in Texas, USA, zur Schule. Sie freut sich darauf, kopfüber in eine fremde Kultur einzutauchen.

Hier geht's zu allen Austausch-Logs.
Henrike in Finnland
Henrike Rathje, 15, besucht ein Gymnasium in Niedersachsen. Seit August geht sie im finnischen Südösterbotten zur Schule, im Pisa-Wunderland. Worauf sie vorher besonders gespannt war? Die Sprache zu lernen.

Hier geht's zu allen Austausch-Logs.
Fotostrecke
Als Schülerin in China: Kaltes Wasser, brennendes Herz

Fotostrecke
Austausch-Logger Tim: Daumen hoch für Taipeh


Social Networks