Als Schülerin in China: Hart, aber herzlich

Fahnenappell, brutale Paukerei und Schule von früh bis nachts: Jing Wu, 16, lebt eigentlich in Dortmund, ging aber für ein halbes Jahr zurück in ihre alte Heimat China. In einer 68-köpfigen Klasse lernte sie vor allem, hart zu büffeln - aber auch, wie gut sich wahre Freundschaft anfühlt.

Als Schülerin in China: Kaltes Wasser, brennendes Herz Fotos
Jing Wu

An meinem ersten Schultag in China war ich etwas erschrocken. Die chinesische Schule war riesig! Es gab ein Gebäude für die Mittelstufe und eins für die Oberstufe. Vor dem Haupteingang wehte die chinesische Nationalflagge auf einem Marmorsockel. Einige besonders starke Jungen durften sie montags hissen, freitags kam sie wieder herunter. Aus Platzgründen stand meine Jahrgangsstufe nur jeden dritten Montag vor der ersten Stunde in geraden Reihen auf dem Schulhof und schaute dabei zu, während ein Orchester die Nationalhymne spielte. Als der letzte Ton der Hymne verklang, gingen wir in den Klassenraum zum Unterricht.

Ich war aufgeregt, als wäre ich in einem unbekannten Land. Seit ich mit vier Jahren nach Deutschland kam, war ich nur alle paar Jahre zu Besuch in China. Nun wollte ich mein Chinesisch verbessern und endlich mal wieder meine ganze Familie besuchen. Deshalb begann mein erstes Halbjahr der zehnten Klasse auf einem Schulhof in der Provinz Shanxi, Nordchina.

Der Schultag startete um halb acht. Nach vier Stunden Unterricht hatten wir zwei Stunden Mittagspause. Ich aß mit den anderen Schülern in der Mensa oder bei meiner Tante im Büro, die an der Schule unterrichtet. Nach dem Essen ging ich in mein Zimmer im Internat. Ich gewöhnte mich schnell daran, wie die anderen mittags kurz zu schlafen, um für den Nachmittagsunterricht gegen halb drei fit zu sein. Nach drei Stunden eine halbe Stunde Pause, danach noch zwei Stunden Unterricht.

Schulschluss um halb elf abends

Ab acht Uhr abends saßen wir alle im Klassenraum und machten unsere Hausaufgaben. Die meisten Schüler durften um halb zehn nach Hause. Die Internatsschüler mussten eine weitere Stunde lernen, so lautete die Regel. Es war also halb elf, als für mich die Glocke zum Schulschluss läutete. War ich wirklich mal mit meinem deutschen Stundenplan unzufrieden?

Samstags hatten wir auch Schule, bis sechs Uhr abends. Am Anfang war es echt schwer, den ganzen Tag dazusitzen und Gedichte zu analysieren, Formeln herzuleiten oder Daten des Opium-Kriegs auswendig zu lernen. Zum Glück waren die meisten Lehrer sehr freundlich und halfen mir, wenn ich etwas nicht verstand. In meiner Klasse saßen 68 Schüler und wir waren wie eine große Familie. Jeder half jedem und alles wurde geteilt. In den sechs Monaten lernte ich die chinesische Jugendsprache, Penspinning und wie man Rosen aus Papier faltet.

Abends kamen wir ziemlich müde in unserem Zimmer an. Ich wohnte dort mit fünf anderen Schülerinnen, vier waren in meiner Klasse. Einige erledigten noch schnell den Rest ihrer Hausaufgaben, andere machten sich bettfertig. Um halb zwölf war Nachtruhe. Meistens plauderten wir in unseren Hochbetten noch ein wenig miteinander, bevor wir einschliefen. Manchmal brachten wir uns auch gegenseitig ein Lied bei, mal ein deutsches und mal ein chinesisches. Oder ich erzählte ihnen etwas über Deutschland. Sie konnten sich gar nicht vorstellen, wie schön es wäre, nachmittags Schulschluss zu haben.

Ein Kerzenherz zum Geburtstag

Mein Geburtstag im Dezember war besonders toll. Um Mitternacht gaben mir meine Freundinnen aus unserem Zimmer mehrere Blätter voller Glückwünsche von Schülern meiner Jahrgangsstufe. Am Nachmittag ging ich mit einer Freundin in die Mensa. Sie bestand darauf, dass wir lange dort blieben. Als ich zurück in die Klasse kam, wurde ich mit einem Happy-Birthday-Chor begrüßt. Mein Tisch war mit Zeitungen bedeckt. Als ich die Zeitungen wegnahm, kamen lauter kleine Klebezettelchen zum Vorschein, auf denen meine Klassenkameraden Glückwünsche geschrieben hatten.

Am Abend gingen zwei aus meinem Zimmer mit mir zum Wasserhäuschen nebenan und holten heißes Wasser. Im Internatsgebäude gab es das nicht, auch zum Duschen mussten wir in ein anderes Gebäude. Und jeden zweiten Tag füllten wir im Wasserhäuschen unsere riesigen Thermoskannen nach. Mit dem heißen Wasser wuschen wir uns morgens das Gesicht und tranken es zwischendurch, wie man in Deutschland Sprudel trinkt.

Als wir zurückkamen, war das Zimmer abgedunkelt. Auf dem Boden brannte ein riesiges, rotes Herz aus Kerzen, das die anderen für mich gelegt hatten. Auf dem Tisch stand eine große Torte. Viele Freunde aus den Nachbarzimmern kamen an diesem Abend zu uns, um meinen Geburtstag zu feiern.

Inzwischen laufe ich wieder durch die Gänge meines Gymnasiums in Dortmund. Ich komme um drei nach Hause, mache Hausaufgaben, spiele Klavier, treffe Freunde und lese. Ich habe mich gut wieder eingelebt und genieße die ganze freie Zeit. Doch oft denke ich daran, wie schön es war, mit meinen Freunden Lieder zu singen. Wie viel Spaß die Klasse bei der Silvesterfeier hatte. Wie durchgefroren wir nach der Schneeballschlacht auf dem Schulhof gewesen waren. Und wie viel ich in der Zeit gelernt habe.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Sehr lehrreich!
hermie9 11.05.2012
Der Artikel zeigt, warum China in absehbarer Zeit die Weltherrschaft erringen wird. Respekt vor der jungen Dame, die sich auf dieses Abenteuer eingelassen hat und, wie ich finde, eine große Reife und Objektivität zeigt. Sie wird ihren Weg gehen!
2. Bitte nicht schon wieder ...
Kleinunternehmer 11.05.2012
"Der Artikel zeigt, warum China in absehbarer Zeit die Weltherrschaft erringen wird." Das chinesische Bildungssystem ist anders - aber nicht unbedingt besser. Ich bin froh, dass ich genug Freizeit hatte, um selbst zu entdecken, anstatt vorgekaut zu bekommen. Das ernährt jetzt nämlich mich, meine Familie und fünf weitere Arbeitnehmer. Und ich bin froh, dass meine Kinder auch einfach das machen können, was sie möchten. Wer sich mal mit chinesischen Absolventen der dortigen Unis unterhalten hat, dem ist nicht wirklich bange. Auch dort wird nur mit Wasser gekocht. Angeblich werden wir ja schon seit 10 Jahren von der "gelben Gefahr" überrollt - ich merke davon nichts. Im Gegenteil: meine Absätze nach China haben sich mehr als verdoppelt - trotz oder gerade wegen der chinesischen Konkurrenz ;-) Übrigens findet in China gerade ein Umdenken bzgl. Drill und Schule statt. Man merkt langsam, dass man so zwar brave Staatsbürger formt, aber kaum kreativ denkende. Respekt vor China - ja. Aber bitte keine Angst :-)
3.
axel_roland 11.05.2012
Zitat von hermie9Der Artikel zeigt, warum China in absehbarer Zeit die Weltherrschaft erringen wird. Respekt vor der jungen Dame, die sich auf dieses Abenteuer eingelassen hat und, wie ich finde, eine große Reife und Objektivität zeigt. Sie wird ihren Weg gehen!
Oh nee wie ich das schon nicht mehr hören kann: "Die sind so fleißig, sie werden die Weltherrschaft erringen usw. usf." Ich finde es klasse, und begrüße es, dass China so ein rasantes Wachstum hinlegt. Aber unabhängig vom Schulsystem ist Fleiß und Ehrgeiz etwas sehr persönliches und kann kaum auf Landes-Ebene erzwungen werden. Genau wie hier gibt es auch in China viele fleißige, faule, erfolgreiche und erfolglose Menschen, wobei ich Fleiß und Erfolg noch nicht mal zwangsläufig verbinden möchte. Im Endeffekt gibt es nur einen gesamt-Pool "Menschheit" und es ist Job jedes Einzelnen damit klar zu kommen - egal aus welchem Land er kommt.
4. Was könnten die Deutschen daraus lernen?
sushi18 11.05.2012
...das der gemeinsame Wille und die Notwendigkeit zu Lernen eine Gemeinschaft schafft, die heutzutage in Dunstkreis des allgemeinen Egoismus nicht mehr erwünscht. Manchmal wünsche ich mir, dass die Schüler in Deutschland das Lernen und den Respekt wieder lernen. Und Respekt für den Mut in der "alten" Heimat das System zu erkunden.
5. optional
oaonorm1 11.05.2012
Wenn man einen Japaner fragt, sagte der über Chinesen als erstes das die faul sind ;) Ist aber nicht wichtig... Der Kleinanleger hat da vollkommen recht. Mir fällt allerdings auf das mir mehr und mehr Leute berichten, das sie inzwischen auf von China Designs klauen. Das ist kein Scherz! Ein bekannter kam von einer Messe und erzählte mir das die Vertreter der Firma aus China, von denen Sie das Design kopiert und leicht verbessert haben ihm höchsten Respekt für die Verbesserung entgegengebracht hatte. Er hatte nämlich bei dem Design ein Teil weggelassen, wes durch eine leichte Änderung möglich war. Dieses Teil war hochproblematisch, weil das einzige Verschleißteil. Die haben vorher ein anderes exakt genauso übernommenes Design gesehen und sich für die Kopie bedankt ^^ Von dem verbesserten Teil machten sie begeistert Fotos. Mein Freund bedankte sich höflichst für den Respekt. Man kann sich durchaus mit China arrangieren, sollte halt die Gepflogenheiten kennen und mithalten kann die Firma meines Bekannten auch weil man sich konstant über Verbesserungen gedanken macht. Die bestehen nicht darin immer weniger leuten immer weniger zu bezahlen, was man hier noch lernen muss.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Querweltein
RSS
alles zum Thema Volksrepublik China
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 37 Kommentare
Fotostrecke
China: Jacko gegen Fließbandteaching

Fotostrecke
Schülerdoping in China: Fitspritzen für den Aufnahmetest

Dein SPIEGEL digital
Social Networks