Austausch-Log Japan: Ohne Sojasoßen kann ich nicht mehr sein

Austauschschüler Max Larson hat in Japan viel gelernt, zum Beispiel an unmöglichen Orten ein- und durchzuschlafen. Fehlen wird ihm der morgendliche Duft von frittiertem Huhn. Zum Abschied gab es einen Brief vom Lehrer, reichlich Tränen - und eine überraschende Umarmung.

Ende eines Japan-Austauschs: Raus aus Kyoto, rein nach Berlin Fotos
Yuka Tagawa

Wir verabschiedeten uns am Bahnhof in Kobe und es war ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Mein Gastbruder weinte fast, bevor der Zug einfuhr. Wir redeten ununterbrochen, als könnte das meinen Abschied nach meiner Austauschzeit in Japan und vor meinem Heimflug nach Berlin hinauszuzögern.

Dann umarmte mich meine Gastmutter, was ich nie erwartet hätte. Ich drückte noch meinen japanischen Bruder, gab dem Vater die Hand und stieg in den Schnellzug Shinkansen ein. Im Zug schaute ich aus dem Fenster und grübelte. In dem Moment war ich nicht wirklich traurig, irgendwie fühlte ich mich fast befreit, so ganz allein. Ich dachte an die tolle Zeit, die ich mit meiner japanischen Familie und Freunden verbracht hatte.

Dann öffnete ich den Brief meines Klassenlehrer. Von ihm hatte ich mich schon zwei Tage zuvor verabschiedet. In dem Umschlag fand ich Fotos von mir, ihm, und der Klasse, und ein Omamori. Das sind japanische Glücksbringer, und dieser soll mir gute Noten bescheren. Der Lehrer hatte mich oft nach meinen Zukunftsplänen gefragt und gesehen, dass ich jeden Tag in deutschen Büchern über Politikwissenschaft und Geschichte geblättert hatte, um mich auf meine Rückkehr nach Deutschland vorzubereiten.

Am vorletzten Schultag hielt ich vor der ganzen Schule auf Japanisch eine Rede, in der ich allen dankte und von den Erlebnissen erzählte, die ich mit meinen Klassenkameraden hatte. Wir feierten auch eine Abschiedsparty während des Unterrichts, was fast nie vorkommt. Und jeder Schüler stand auf und hielt eine kurze Ansprache darüber, wie er das Jahr mit mir empfunden hat. Eine Freundin überreichte mir ein Buch, in dem meine Klassenkameraden und viele Lehrer einen kurzen Brief und ein paar Fotos geklebt hatten. Am Ende waren fast alle den Tränen nah, mich eingeschlossen. Ich versprach, nächstes Jahr wiederzukommen.

"Man sollte alles in sich hineinsaugen"

Als ich endlich im Flugzeug saß, nutzte ich meine neu erlernte Fähigkeit, an engen und ungemütlichen Orten sofort einzuschlafen. Ich habe den Großteil der 16 Stunden in der Luft wirklich durchgeschlafen. In meinem Gepäck hatte ich meine Teetasse und die Schüssel, aus der ich zehn Monate lang jeden Tag den Reis gegessen habe, den Verwandte meiner Gastfamilie in der Nähe unseres Dorfes anbauen. Verschiedene regionale Sojasoßen, ohne die ich nicht mehr sein mag, hatte ich schon per Post vorausgeschickt.

Auch wenn ich meine japanische Familie nicht sofort vermisste, jetzt, zurück in Berlin, fehlen mir alle sehr. Ich vermisse die Tage, an denen morgens der Duft von frittiertem Gemüse und Hühnchen in mein Zimmer zog. Meine japanische Mutter stand jeden Morgen ab halb sechs in der Küche, um köstliche Dinge fürs Bento, unser Mittagessen für die Schule, zuzubereiten.

Ich habe einige Austauschschüler kennengelernt, die sich nicht recht an das Leben in Japan anpassen konnten und erleichtert nach Hause zurückkehrten, ohne viel Schönes erlebt zu haben. Ich finde, man sollte alles in sich hineinsaugen und sich schnell Freunde suchen, denn ohne Leidensgenossen kann der japanische Schulalltag erdrückend sein. Man sollte es sich nicht leicht machen und sich auf seinem Sonderstatus als Ausländer nicht ausruhen.

Wenn man sich an das Leben in Japan gewöhnt hat, hält Deutschland manchen Kulturschock bereit. Am ersten Tag im Zug nach Berlin erlebte ich einen. Vor 24 Stunden erst war ich in einem Shinkansen in drei Stunden von Kobe nach Tokio gerast, umgeben von übermäßig höflichen Fahrscheinkontrolleuren und einer fast durchgehenden Stille. Jeder Fahrgast bemühte sich, niemand anderem Unannehmlichkeiten zu bereiten. Der ICE nach Berlin hatte dann 23 Minuten Verspätung und das Bahnpersonal entschuldigte sich nicht einmal dafür. In Japan wäre das unvorstellbar.


Max Larson hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

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insgesamt 14 Beiträge
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1.
Wololooo 26.07.2012
In Japan, sowie in Deutschland gilt: Man zieht keine pinken Tshirts an.
2. quatsch
aeiou11235 26.07.2012
auf jeden fall immer pinke tshirts anziehen und sich nichts sagen lassen! abgesehen davon: toller bericht! schade, dass du weg bist!
3. Austausch-Log Japan
Inuk 26.07.2012
Zitat von sysopAustauschschüler Max Larson hat in Japan viel gelernt, zum Beispiel an unmöglichen Orten ein- und durchzuschlafen. Fehlen wird ihm der morgendliche Duft von frittiertem Huhn. Zum Abschied gab es einen Brief vom Lehrer, reichlich Tränen - und eine überraschende Umarmung. Schüleraustausch in Japan: Abschied mit Tränen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,845582,00.html)
Ich freue mich für den jungen Mann, dem es so gut gelang während seines achtmonatigen Japan-Aufenhaltes die Sprache so gut zu erlernen, dass er sogar vor der Klasse eine Rede halten konnte. Emotionen zu zeigen ist in Japan wirklich außergewöhnlich, deshalb finde ich es als große Geste von der Mutter der Gastfamilie umarmt zu werden, was für sie bei so einem großen Jungen sicherlich nicht einfach war. Es ist besser wenn sich Menschen umarmen statt sich gegenseitig zu beschimpfen (Deutsche-Griechen). Ich hoffe dass die Sojasoßen gut in Berlin eingetroffen sind und der Zoll keine Schwierigkeiten machte. Es wäre schön, wenn SPON öfters solche menschlichen Erfahrungsberichte veröffentlichen würde. Der Artikel war nett zu lesen.
4. Japan
anne63 26.07.2012
Zitat von sysopAustauschschüler Max Larson hat in Japan viel gelernt, zum Beispiel an unmöglichen Orten ein- und durchzuschlafen. Fehlen wird ihm der morgendliche Duft von frittiertem Huhn. Zum Abschied gab es einen Brief vom Lehrer, reichlich Tränen - und eine überraschende Umarmung. Schüleraustausch in Japan: Abschied mit Tränen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,845582,00.html)
ist auch für die viel- und weit gereisten Deutschen ein eher selten angesteuertes Ziel. Solche Berichte können das ändern, ich zumindest bin jetzt neugierig geworden.
5. Offen auf Meschen zugehen
ManRai 26.07.2012
nicht verletzen, aber auch nicht ducken oder sich gewaltsam anpassen. Ich lebe in Asien und erlebe aehnliche Situationen, obwohl ich keine lokale Sprache spreche. Die Menschen respektieren, mit ihnen lachen und essen (und trinken), das Leben kann so einfach sein. Ich habe mehr Probleme mit Kaukasiern die sich hier aufspielen muessen als mit Chinesen, Japanern, Koreanern, Malayen und anderen Voelkern die treffen durfte. Selbst die Religion spielt oft nur eine Nebenrolle, hier sind einige Regeln zu beachten, was aber oft recht einfach ist. Wir sollten unsere Politiker und restlichen Besserwisser mal fuer ein paar Monate in eine asiatische Stadt schicken, ohne Luxushotel, ohne Bodyguard, ohne Auto, unsere Politik wuerde sich drastisch aendern und die Querelen zwischen den Laendern auf andere Weise geloest werden. Augen auf und geniessen und lernen, es ist nie zu spaet.
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