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11. Juni 2012, 06:38 Uhr

Austauschschüler Max in Japan

Respekt! Sonst zieht der Sensei blank

Sprechende Waschmaschinen und streunende Staubsauger machten Austauschschüler Max Larson anfangs das Leben in Japan schwer. Inzwischen läuft es rund. Seine größte Sorge: Mögen meine deutschen Freunde den Japaner in mir?

So kurz vor der Heimreise wäre es vielleicht angemessen, ein paar meiner japanischen Gewohnheiten wieder abzulegen, um nicht auch noch in Deutschland als Ausländer wahrgenommen zu werden. Dieser Gedanke kam mir neulich in einem Restaurant, als ich mit meiner Familie im Schneidersitz auf Tatami-Matten saß, eine Schüssel Reis in der Hand, dekorativ angeordnetes Sashimi auf dem Tisch.

Ich frage mich, ob ich mir diese neuen Gepflogenheiten wirklich nur aus Zweckmäßigkeit angewöhnt habe. Vielleicht habe ich meine eigene kulturelle Identität irgendwo zwischen den Kirschblüten liegengelassen, um Teil dieser Gesellschaft zu werden.

So habe ich mich nach neun Monaten an den anderen Umgang mit Haushaltsgeräten und Maschinen gewöhnt. Eigentlich gehen die Geräte sogar eher mit den Menschen um: Beim Zähneputzen werde ich oft von der Waschmaschine angesprochen oder bekomme die Wassertemperatur von der Badewanne vorgelesen. Manchmal sitze ich am Esstisch mit meiner Familie und der Reiskocher unterbricht unser Gespräch. Und ständig macht sich der Staubsauger selbständig, schwirrt allein umher wie ein Haustier und rollt dann zurück zur Aufladestation.

Wegen der engen Beziehung zu meiner japanischen Gastfamilie habe ich eine ganz andere Perspektive auf das Land als jeder Tourist. Ein Reisender bemerkt zuerst die fremde Kultur mit fremden Menschen und fremden Sitten. Mir fallen mit der Zeit immer mehr Gemeinsamkeiten auf.

Der Lehrer stoppte die Klinge über dem Kopf des Mitschülers

Was mir trotzdem noch manchmal komisch vorkommt: Loyalität und Respekt scheinen in Japan jeden sozialen Austausch zu regieren. Beim Telefonieren wirken die Höflichkeitsformeln manchmal wichtiger als der Inhalt des Gesprächs. Und Individualismus bedeutet hier eher gefährliches Andersdenken als positiver Ehrgeiz.

Disziplin wird streng eingefordert. Im traditionellen Kendo-Unterricht waren wir anfangs unkonzentrierter, als es dem Lehrer gefiel - wobei viele Kampfkunstmeister hier selbst für japanische Verhältnisse streng sind. Um seine Ernsthaftigkeit zu unterstreichen und uns zu ermahnen, führte unser Sensei eine kleine Demonstration vor: Er zog das japanische Langschwert unter seinem Umhang hervor und befahl einem Mitschüler, sich vor ihn hinzustellen. Er forderte uns auf, Kendo zu respektieren und ließ die Klinge auf den Jungen niederfahren, nur um zwei Zentimeter über dessen Stirn innezuhalten. Heute redet im Unterricht keiner mehr.

Auch sonst wird penibel auf Ordnung geachtet: Letzte Woche kam mein Lehrer zu mir und fragte, ob ich zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Zug gesessen habe. Ich bejahte - Leugnen hätte ohnehin nichts gebracht, da ich der einzige Blonde in unserer Schuluniform bin. Da erzählte er mir, dass er einen Bericht von einer oder einem Ehemaligen bekommen habe, wonach ich meinen Krawattenknoten zu locker und die Mitschülerin neben mir ihr Haar unerlaubterweise offen getragen habe.

Der Lehrer war nett und hakte auch nicht nach, als ich mich nicht an den Namen des Mädchens erinnern konnte. Aber bevor ich hier noch Schande über meine Schule bringe oder unangenehm auffalle, wird es vielleicht langsam Zeit, wieder nach Hause zu fahren.


Max Larson hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

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