In zwei Monaten sitze ich im Flugzeug nach Deutschland und alles ist vorbei. Russland ist mein Alltag geworden, mein Leben. Ich habe nicht geglaubt, dass ein Austauschjahr mich diesem Land so nahe bringen wird.
Inzwischen ist endlich der Frühling bis nach Moskau vorgedrungen. Mit der Sonne verschwindet die Langeweile des Winters, die mich ein bisschen deprimiert hat. Jetzt sind es um die 20 Grad, es zieht mich aus den Blockbauten auf die Straße, ich treffe dort immer jemanden, mit dem ich reden, Eis essen oder Volleyball spielen kann.
Ich lebe in der Nähe von Moskau, von Russland habe ich insgesamt nicht viel gesehen. Etwas tiefer im Land wäre der Kulturschock vielleicht größer gewesen, dort hätte ich alles vielleicht noch intensiver erleben können. Aber man kann eben nie alles sehen und nie alles lernen.
Immerhin bin ich vor kurzem mit einigen deutschen Austauschschülern nach Astrachan in der Nähe vom Kaspischen Meer gefahren, 30 Stunden mit dem Zug im Schlafwagen. Die Reiseverpflegung war typisch russisch: ein ganzes Hähnchen, Eier oder Schmierkäse, der auch ohne Brot gegessen wird, und Instantnudeln. Wir redeten viel über unser Leben in Russland, wobei ich mich erst daran gewöhnen musste, wieder Deutsch zu sprechen.
Ständig denke ich an meine Heimkehr
Auf der Hinfahrt konnte ich fast nicht schlafen, weil ein Mann ziemlich laut geschnarcht hat und ein Baby um vier Uhr morgens Hunger hatte und dementsprechend geschrien hat. Auch das Bett war nicht lang genug, um sich vollständig auszustrecken.
Irgendwann tauchte am Fenster eine riesige Wasserfläche auf, es sah aus wie ein Meer. Doch es war "nur" die Wolga, einer der längsten Flüsse der Welt. Als ich morgens bei unserer Ankunft in Astrachan aus dem Fenster schaute, sah ich nur endlose Steppen. Unvorstellbar, dass das immer noch Russland ist, dachte ich.
In Astrachan lebte ich bei Gastoma Tanja. Sie bekommt rund 150 Euro Rente im Monat, deswegen muss sie mit Handarbeiten etwas dazuverdienen. Sie ist sehr kreativ: Die Klamotten kauft sie in Second-Hand-Läden und macht aus ihnen kleine Kunstwerke, indem sie Blumen drauf stickt. Außerdem liebt sie es, zu kochen, gerne auch Rezepte aus anderen Ländern.
Tanjas Sohn, mein Gastonkel Seljoscha, ist Matrose. Er arbeitet auf der Wolga und fährt in alle möglichen Länder; in Israel war er schon und in Italien auch. Mein Gastopa war früher auch Matrose, aus der Zeit zieren auch noch viele Tattoos seine Finger.
Insgesamt waren wir zwölf Tage unterwegs, drei Städte haben wir gesehen, überall lebten wir in Gastfamilien. Das hat sehr geholfen, kurz vor Ende der Austauschzeit das Land und die Leute noch ein wenig besser zu verstehen und von einer anderen Seite kennenzulernen.
Egal ob auf der Reise oder zurück in Moskau: Ich werde jeden Tag gefragt, ob ich nach Hause möchte, ob ich Deutschland vermisse. Ich weiß nie so recht, was ich antworten soll. Es ist für mich keine Frage, ich weiß ja, dass ich zurückgehen werde und daran muss ich ständig denken. Für mich steht fest: Ein Teil von mir wird für immer hier bleiben - und er wird geduldig meine Rückkehr erwarten.
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