Austauschschülerin in Russland: Der Schweinekopf muss mit aufs Foto

Schlendern durch eine Fleischhalle, findet Tanja, zeigt ihr das echte, wahre Russland. In ihrem Austauschjahr hat sie Luxus-Malls genauso besucht wie ärmliche Märkte. Ihr Fazit: Russen sind die größten aller Skeptiker - aber wenn man gut zuhören kann, lernt man was fürs ganze Leben.

Tanja in Russland: Hund im Hamsterkäfig Fotos
Fiorella Riccardi

"Der Endspurt ist immer ein bisschen quälend, aber du musst nur noch über die Ziellinie kommen. Dann wirst du merken, wie viel Spaß du eigentlich das ganze Rennen über hattest."

Das habe ich Anfang April in mein Tagebuch geschrieben. Ende Juni verlasse ich Russland, nach zehn Monaten auf Schüleraustausch. Das war es also? Ich habe das Gefühl, das russische Leben in Hochgeschwindigkeit kennengelernt zu haben. Manchmal hat mir das nur einen oberflächlichen, vielleicht naiven Blick erlaubt und es war nicht immer leicht. Aber in dem knappen Jahr haben mich die harten Zeiten weiter gebracht als die glücklichen.

Manchmal zähle ich die Tage bis zum Heimflug - und verbiete es mir im selben Moment. Es soll kein Countdown sein. Ich kann mich an manche Details meines deutschen Alltags gar nicht mehr erinnern. Je klarer mir Russland wird, desto mehr verschwimmt mein Bild von Deutschland.

Nicht so skandalös wie erwartet

Ein Spaziergang auf dem Markt in meiner russischen Heimatstadt Klin, an einem verregneten Samstag. Man kommt zuerst an dem lebenden Fleisch vorbei. Kaninchen und Hühner verkaufen die Händler direkt von der Ladefläche. Ein Kaninchen kostet 300 Rubel, das sind ungefähr 7,50 Euro. Für einen Braten ist das ein bisschen teuer. Für ein Haustier wäre es okay, aber Kaninchen halten hier nicht viele Leute. Es werden auch beliebtere Haustiere angeboten - Katzen, Hunde und Mäuse warten in Käfigen auf neue Besitzer.

Die Obst- und Gemüsestände sind bunt, auf anderen Tischen liegt diverser Krimskrams, von Handtaschen bis Hygieneprodukte. Der absolute Härteste für mich ist die Fleischhalle. Korpulente, ältere Damen preisen angeblich frisches Fleisch an. Die blutigen Brocken liegen auf geblümt oder mit Paprikaschoten bedruckten Plastiktischdecken.

Ich frage eine Verkäuferin, ob ich ein Foto machen darf. Sie nickt und stellt mir noch extra einen ihrer Schweinsköpfe hin. Danach will sie sich anschauen, wie ihr Schweinekopf auf dem Bild ausschaut und ist zufrieden. Ich bin froh, als ich die Halle mit den vielen Tierleichen hinter mir habe.

Ich bin fast ein Jahr hier gewesen und weiß immer noch nicht genau, wer oder was Russland ist. Russland ist nicht so exotisch, so skandalös, wie es mir von Deutschland aus erschien. Für all die verrückten Dinge hier gibt es meist eine sinnvolle Erklärung. Man muss sich nur auf die Leute und ihre Geschichten einlassen und gut zuhören.

Russland befindet sich im Umbruch. Es sind schwere Zeiten für die Frauen in der Fleischhalle. Die meisten Leute kaufen in Supermärkten. Und wer mehr Geld hat, geht gleich in Prachtbauten wie der Shopping-Passage GUM in Moskau. Dort reihen sich teure Designerboutiquen aneinander, die Architektur ist wunderschön und alles ist peinlich sauber.

Etwas gefunden, was man nur auf die harte Tour bekommt

In der Fleischhalle von Klin allerdings fühle ich mich diesem Land viel näher. Das harte, etwas schäbige Russland wird mir länger hängen bleiben als jede Boutique: abgetrennte Rinderköpfe auf Blümchentischdecken, streunende und hinkende Hunde und der beinlose Mann, der sich durch die Metro-Gänge in St. Petersburg nur mit Hilfe eines winzigen Stocks bewegt.

Es fällt mir schwer, etwas über die Zukunft dieses Landes zu sagen. Die Russen selbst sind die größten Skeptiker. Ich wünsche ihnen und ihrer Heimat das Beste. Ich habe dem Land und den Menschen hier sehr viel zu verdanken. Ich bin ein offenerer Mensch geworden, bin geduldiger und habe gelernt, mich irgendwie zurechtzufinden.

Russland ist ein schwieriges Land für einen Schüleraustausch. Der Winter ist hart und trist, die Schule eintönig, viele Menschen leben in Armut, aber ich bereue es dennoch nicht. Ich musste viel aushalten, oft war mir langweilig und ich hatte oft keine Kraft mehr, in all den seltsamen Sachen irgendetwas Optimistisches hineinzuinterpretieren.

Doch irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich etwas Wichtiges gefunden habe, das man nur auf die harte Tour bekommt. So etwas wie Selbstvertrauen und den festen Glauben, dass doch alles gut wird.

Tanja Hausdorf hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Vorurteile
duk2500 25.06.2012
Ich bin mir sicher, daß diese Austauschprogramme zwischen unseren Ländern dazu beitragen, die leider in vielen deutschen Köpfen noch vorhandenen antirussischen Vorurteile etwas abzutragen. Über viele Jahrhunderte gab es sehr enge Bezoehungen und auch große gegenseitige Wertschätzung zwischen beiden Ländern und vor allem zwischen ihren Menschen.
2. Schweinekopf...WOW!
suane 25.06.2012
Es stellt sich mir die Frage ob die nette Austauschschülerin sowie der Autor jemals ihre Großstadtwohnung verlassen haben. Wenn doch, dann würden sie aus dem Schweinekopf und diversen toten Tieren nicht so eine Story machen...erinnert mich ein bisschen an Stadtkinder die sich wundern warum Kühe in Echt nicht lila sind. Zu ihrer Verteidigung: die kaufen sicher nicht das Fleisch von Tieren, sondern nur das aus dem Supermarkt.
3. Lernen fürs Leben in D.
petruschka5 25.06.2012
Richtig, und weil man bei den Russen so viel fürs Leben lernen kann, weiß man nun dann auch, wieso sich die Russen hier in Deutschland mit allen Kniffen gut durch das Emmigrantenleben schlagen können, ist nicht rassistisch, sondern eigene Erfahrung.
4.
damtschweli 25.06.2012
Zitat von suaneEs stellt sich mir die Frage ob die nette Austauschschülerin sowie der Autor jemals ihre Großstadtwohnung verlassen haben. Wenn doch, dann würden sie aus dem Schweinekopf und diversen toten Tieren nicht so eine Story machen...erinnert mich ein bisschen an Stadtkinder die sich wundern warum Kühe in Echt nicht lila sind. Zu ihrer Verteidigung: die kaufen sicher nicht das Fleisch von Tieren, sondern nur das aus dem Supermarkt.
Es ist aber in Deutschland auch außerhalb der Großstädte keineswegs mehr üblich, daß rohes Fleisch offen und unverarbeitet, z.B. in Form ganzer Schweineköpfe, auf Wochenmärkten u.dgl. verkauft wird. Selbst im Fleischerladen werden Sie wohl nicht einmal auf Nachfrage einen ganzen Kopf präsentiert bekommen. Und dann haben diese Basare doch einen ganz eigenen Charakter. Es geht dort keineswegs steril zu. Im Sommer ist es beim Fleisch oft wirklich unappetitlich, Fliegen und sowas inklusive. Außerdem ist Tanja ein junges Mädchen, und daß sie sich überhaupt so ein Abenteuer von 10 Monaten zugetraut hat, verdient Respekt. Ihr Kommentar hingegen zeugt von Ignoranz und Besserwisserei.
5.
damtschweli 25.06.2012
Zitat von petruschka5Richtig, und weil man bei den Russen so viel fürs Leben lernen kann, weiß man nun dann auch, wieso sich die Russen hier in Deutschland mit allen Kniffen gut durch das Emmigrantenleben schlagen können, ist nicht rassistisch, sondern eigene Erfahrung.
Ich weiß nicht, wieviele "Russen" und welche Sie kennen, aber: 1. So viele "russische" EMIGRANTEN (mit einem M, Emmi ist ein Elefant) gibt es in Deutschland garnicht. Die meisten Zuwanderer aus Russland oder früheren Sowjetrepubliken sind Russlanddeutsche, die unter Stalin in den vierziger Jahren in die unwirtlichsten Gebiete des Sowjetreiches deportiert wurden und sich dort unter härtesten Bedingungen, die auch viele Todesopfer forderten, eine neue Existenz aufbauen mußten. 2. Die Russlanddeutschen, die ich kenne, sind fast ausnahmslos anständige Leute, die hart arbeiten und sich so zu kleinem Wohlstand gebracht haben. Viele können ihre angestammten Berufe aufgrund der Sprachbarriere und der Nichtanerkennung ihrer Abschlüsse nicht ausüben und arbeiten deshalb unter ihrer Qualifikation. 3. Die Familien sind aber größtenteils, trotz teilweiser Beibehaltung gewisser Bräuche und Pflege auch der russischen Sprache, gut integriert. Die Kinder haben großteils normales bis überdurchschnittliches Bildungsniveau. Die in den meisten Fällen gegebene zweisprachige Sozialisation befähigt sie zudem, sich interessante Berufsfelder in Unternehmen zu erschließen, die mit den wirtschaftlich erstarkenden früheren Sowjetrepubliken Handel, Forschung und Entwicklung betreiben. 4. Ich meine, ohne die russlanddeutschen Zuwanderer, die Kinder durchaus noch als Segen begreifen, sähe auch die Demographie Deutschlands noch bestürzender aus. 5. Möglicherweise vermögen Sie all diese Vorzüge nicht zu erkennen, weil Ihre Vorurteile Ihnen den Blick verstellen. Es könnte aber auch sein, daß Sie sich einfach in den falschen gesellschaftlichen Kreisen bewegen. Eine Horizonterweiterung ist nichts Schlechtes.
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