Tanjas Austausch-Log: Danke, Russland
Völlig hilflos fühlte sich Tanja Hausdorf, als sie ihrer russischen Gastfamilie auf Wiedersehen sagen musste. Jetzt ist die Schülerin zurück und staunt über saubere Straßen und deutschen Überfluss. Neben ihrer Familie vermisst sie eins besonders: die russische Lockerheit.
Ich weiß nicht, was ich denken soll. Oft ist es, als wäre ich nie weg gewesen. An mein deutsches Leben habe ich mich in drei Tagen wieder gewöhnt. In Russland habe ich drei Monate dafür gebraucht. Das kommt mir nicht gerecht vor. Ich habe so oft darüber nachgedacht, wie hart der Abschied werden wird. Wie unglaublich schwer es mir fallen wird, loszulassen und einfach wieder zurückzugehen.
Doch als es so weit war, hat sich mein Hirn einfach geweigert zu verstehen, was gerade passiert. Die letzten Tage war ich damit beschäftigt, Koffer zu packen, einige Sachen per Post vorauszuschicken und mich ein letztes Mal mit meinen russischen Freunden zu treffen. Ich war zu beschäftigt, um zu denken.
Dann kam mein letzter Tag in Russland: Ich stehe um fünf Uhr morgens auf und esse ein schnelles Frühstück, gucke ein letztes Mal, ob ich auch nichts vergessen habe. Ich nehme noch schnell die Feuchttücher mit, auf die meine Gastmutter besteht. Meine Familie fährt mich zum Treffpunkt, es regnet ein bisschen, doch der Himmel wird immer heller. Es scheint ein schöner Tag zu werden.
Ich kann nicht, denke ich und glaube in dem Moment, dass ich mich noch nie so hilflos gefühlt habe. Da wartet der gelbe Schulbus auf uns Austauschschüler, um uns nach Moskau zu bringen. Und hier steht meine russische Familie. Ich bin dazwischen und mache nichts. Ich kann nicht haltlos weinen wie alle um mich herum, obwohl ich mich schrecklich fühle. Irgendwann fahren wir davon. Ich wollte einfach keinen Schlussstrich ziehen, weil mir meine russische Familie und Freunde doch so viel bedeuten. Ob ich jetzt in Russland, Deutschland oder sonst wo bin, ich denke an sie, weil sie ein Teil meines Lebens geworden sind.
Nachdem ich all die verrückten, schönen, komischen Sachen in Russland gesehen habe, dachte ich, auch hier in Deutschland muss es ein bisschen anders geworden sein. Wenn man sich selbst verändert, erwartet man auch, dass sich die Umwelt verändert. Die Bäume hier kamen mir auf einmal so grün vor, überall war es so sauber.
Wer braucht all den Technik-Schnickschnack?
Doch ich sehe jetzt auch überall Verschwendung. Ich war schockiert vom Reichtum in meiner deutschen Schule, den gar nicht schätzt, wer ihn täglich um sich hat. Die Touchscreen-Tafeln, der ganze Technik-Schnickschnack. Hier herrscht Überfluss und in Russland versuchen die Menschen, irgendwie durchzukommen. Ich vermisse mein Russland und die lockere Lebenseinstellung. Eins nach dem anderen und nicht viel planen, das hat mir sehr gut gefallen.
Es ist seltsam, wenn ich hier jemanden Russisch sprechen höre. Ich möchte dann hingehen und auch mitreden. Mach ich meistens aber doch nicht. Meine russische Offenheit würde Russen, die hier leben, vielleicht überrumpeln. Einmal habe ich es aber doch gewagt. In einem Bus brüllte ein angetrunkener Russe auf Englisch herum, wir wären alle Zombies und würden nicht aufeinander achtgeben. Jeder habe hier nur sein eigenes Wohl im Sinn. In Russland sei das ganz anders...
Was ich aus Russland auf jeden Fall mitgebracht habe: Ich habe keine Angst mehr vor Betrunkenen. Ich habe dem betrunkenen Pöbler auf Russisch gesagt, dass die Leute Angst vor ihm haben. Er war sehr verdutzt. Ich habe ihm gesagt, er soll in seiner Ecke stehenbleiben und die Leute nicht mehr anschreien, weil das auch nichts ändern wird - und er hat auf mich gehört!
Dieser seltsame Mann mit den nassen Fleck auf seinem Pulli und einem blauen Fleck auf der Wange war so überrascht, dass jemand Russisch spricht und ihm zuhört, dass er auf einmal ganz nett wurde. Am Ende wollte er meine Hand küssen, aber das war mir dann doch zu eklig. Wir sind dann lieber ausgestiegen.
Ich nehme jetzt viel besser wahr, was um mich herum geschieht. Der Trunkenbold im Bus hat auch noch gesagt, dass viele Menschen mit einem Tunnelblick herumlaufen, und damit hat er glaube ich recht. Wenn wir einander mehr zuhören, werden wir die Welt besser verstehen. Darum will ich hier noch Russland danken. Danke, es war hart, in dir zu leben. Aber es hat mich weitergebracht.
Tanja Hausdorf hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.
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- Montag, 06.08.2012 – 09:06 Uhr
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Bevölkerung: 142,958 Mio.
Fläche: 17.098.200 km²
Hauptstadt: Moskau
Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin
Regierungschef: Dmitrij Medwedew
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