Austausch-Log Taiwan: 10 Uhr, Schulklos schrubben
Er grillt am Strand und badet im Mondlicht - für Austauschschüler Tim Hörster sind die Wochenenden in Taiwan paradiesisch. Doch montags holt ihn der Alltag ein: Seine Schule ist gigantisch groß, die Schüler müssen in den Pausen putzen, und schon mittags legen alle erschöpft den Kopf aufs Pult.
Nach einem Monat Sprachkurs in Taipeh zog ich in die Provinz Yilan an der Nordostküste. Von einer Millionenmetropole in die Kleinstadt Luodong mit knapp 40.000 Einwohnern. Es war eine Umstellung für mich, denn statt hohen Wolkenkratzern sieht man hier nur Reisfelder, wenn man aus dem Fenster schaut.
Doch es ist idyllisch, und nach einem Monat in Luodong fühle ich mich sehr wohl. Die Luft ist viel klarer und frischer als in Taipeh. Die Landschaft ist atemberaubend. Im Westen ragen riesige Berge am Horizont auf. Schaut man in die andere Richtung, sieht man das Meer und überall stehen Palmen.
Am Wochenende fühle ich mich manchmal wie im Film. Ich bin mit Freunden unterwegs am Strand, umgeben von hohen Felsen. Wir grillen im Sonnenuntergang spontan mit einem selbstgebauten Grill aus Steinen und einem Metallgitter. Im Mondlicht liegen wir dann im seichten Wasser am Strand und lassen uns von den Wellen umspülen.
Doch es gibt nicht nur Freizeit in Taiwan. Wenn gerade nicht Samstag ist, heißt es für Taiwaner: lernen, lernen, lernen.
Als ich das erste Mal meine neue Schule betrat, hatte ich nur ein Wort in meinem Kopf: "groß". Eine deutsche Schule besteht meist aus einem Gebäude mit vielleicht drei bis vier Stockwerken und einer Turnhalle. Zu meiner Schule in Taiwan, der Lo-Tung Senior High School in Luodong, gehören mehrere vierstöckige Gebäude. Es gibt etliche Klassenzimmer, allein meine Stufe ist aufgeteilt in etwa 15 Klassen. Rund 1600 junge Taiwaner gehen hier zur Schule. Es ist eine Senior High School, das heißt, hier sind nur die drei höchsten Klassenstufen vertreten.
Ein Gebäude steht allein den Lehrern zur Verfügung mit Büros, Sitzungsräumen und so weiter. Auch eine Krankenstation, eine vierstöckige Bücherei, eine große Turnhalle und einen Laden für das Essen in den Pausen findet man hier. Wasser ist kostenlos für alle verfügbar, und in jeder Etage steht eine Maschine, an der man seine Trinkflaschen so oft man möchte auffüllen kann.
Manchmal Fenster putzen, manchmal Boden wischen
Ein normaler Schultag verläuft so: Um 7.20 Uhr morgens müssen alle in ihren Klassenzimmern sein. Dann beginnt das sogenannte "Morning Reading". Dort können Lehrer etwas Wichtiges mitteilen, Tests noch vor Unterrichtsbeginn schreiben lassen und nebenbei essen die Schüler ihr Frühstück. Um 8 Uhr beginnt die erste Stunde, eine Schulstunde dauert 50 Minuten.
In der 10-Uhr-Pause säubern wir den Klassenraum und reinigen die Umgebung. Es werden Fenster geputzt, der Boden gewischt und die Toiletten geschrubbt. So spart sich die Schule die Kosten für Reinigungskräfte, und die Schüler lernen, Verantwortung zu übernehmen, denn jeder hat hier seine Aufgaben. Ich werde als Universalkraft eingesetzt und helfe allen. Manchmal putze ich die Fenster, und am nächsten Tag wische ich den Boden.
Um 12 Uhr beginnt die Mittagspause. Gegessen wird hier allerdings nicht in einer Mensa, sondern in der Klasse oder irgendwo auf dem riesigen Schulgelände zwischen den Bäumen oder am Fischteich voller bunter Kois. Das warme Mittagessen befindet sich immer in einer kleinen Box mit Reis, Gemüse, Fleisch und verschiedenen anderen Sachen, so dass für jeden etwas dabei ist. Auf Chinesisch wird diese Box "Biandang" genannt, man kann sie im Schulshop kaufen.
Nach dem Essen beginnt die Schlafenszeit. Dabei setzen sich alle Schüler in der Klasse auf ihre Stühle und legen einfach für eine halbe Stunde den Kopf auf den Tisch. Ich finde es sehr entspannend und erholsam. Ab 13.20 läuft der Tag weiter bis 17.10 Uhr. Dann strömen 1600 Schüler aus den Gebäuden und machen sich auf den Heimweg. Damit das nicht im Chaos endet, stehen Schülerlotsen auf und neben den Straßen und regeln den Verkehr. Das tun sie morgens vor Schulbeginn und abends nach Schulschluss. Taiwan, ein Paradies für Ordnungsfreunde.
Tim Hörster hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.
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