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18. Januar 2013, 09:06 Uhr

Austausch-Log China

Mein Kampfsportlehrer kreischt wie ein Mädchen

Trotz chinesischer Links-Rechts-Schwäche heizt Lea Kiehne ihrem Kung-Fu-Lehrer mit Schneebällen richtig ein. Und am Morgen tanzt sie mit 4000 Mitschülern "Gangnam Style". Alles ziemlich lässig in China - wenn da nicht das Taxifahren wäre.

Ich werde echt oft angestarrt. Nicht nur angestarrt. Wenn ich irgendwo auf jemanden warte, kommen oft Leute und fragen, ob sie ein Foto mit mir machen dürfen. Meist sind das Mütter, die ihre Kinder vorschicken, weil die etwas Englisch im Kindergarten oder in der Schule gelernt haben. Die Jugendlichen winken, rufen "Hello! Hello!" und stoßen ganz aufgeregt ihre Freunde an, wenn ich zurückgrüße. Die Erwachsenen lächeln mich oft an und Verkäufer verwickeln mich in eine Unterhaltung. Senioren gucken einfach nur, als wäre ich ein seltenes Tier.

Apropos Tiere: An vielen Straßenecken kann m an hier Vögel, Hunde, Katzen, Fische oder Schildkröten kaufen. Neben den Vogelkäfigen sitzen oft alte Männer, die chinesisches Schach spielen und in die Gegend spucken. Auf der größten Straße in meiner Nachbarschaft ist jeden Tag Markt, es sei denn, die Straßen sind so vereist und rutschig wie jetzt. Manchmal halten wir morgens an einem der Stände, um uns Frühstück zu kaufen, zum Beispiel eine Art gefüllten Pfannkuchen. Meist ist Salat drin, etwas Fleisch und eine scharfe Soße.

Von der Hauptstraße zweigen Seitenstraßen ab, an die große Gärten grenzten. Vor ein paar Wochen wurde die Hälfte der Gärten platt gemacht, um Parkplätze zu bauen. Das finde ich schade, denn dort wuchsen bislang kleine Auberginen, schrumplige Chilischoten und Hühner liefen herum. Außerdem konnte ich mich mit den gärtnernden Chinesen unterhalten.

Rauchverbot - nicht für den Fahrer

Die Taxen finden sich in unserer Nachbarschaft nicht gut zurecht, deshalb kann man die nur an der großen Straße nehmen. Im Wagen kleben überall Schilder mit der Aufschrift "Rauchen verboten". Die Fahrgäste halten sich normalerweise dran, aber bis jetzt hat sich jeder Fahrer nach fünf Minuten eine Zigarette angezündet und munter drauflos gepafft.

Am Anfang hatte ich immer kleine Adresskarten dabei, weil ich mir noch nicht zugetraut hatte, die Adresse auszusprechen. Einmal wollte ich mit einer Freundin in ein Einkaufszentrum fahren. Sie wollte mich abholen, fand aber mein Haus nicht. Ich ging sie suchen und als ich sie nach einer halben Stunde immer noch nicht gefunden hatte, beschlossen wir, getrennte Taxis zu nehmen. Ich fand die Idee nicht so lustig, weil ich keine Adresskarte hatte. Der Fahrer wirkte nicht so, als ob er mich verstanden hätte. Auf diese Art kann man ganz schön schnell verloren gehen. Ich kam zwar an, aber mit über 30 Minuten Verspätung.

Jetzt kann ich den Fahrern den Weg zum Glück erklären. Zuerst habe ich immer die Wörter für "rechts" und "links" verwechselt - bis ich sie mir, mit Hilfe meiner Klassenkameraden, auf die Hand geschrieben habe.

Zwei Wochen vor Weihnachten haben wir in unserer Klasse Geld für ein leukämiekrankes Mädchen aus Jahrgang sieben gesammelt, damit sie eine Operation bezahlen kann. Sie dürfte etwa zwölf Jahre alt sein. Dabei wurden seltsame Dinge wie ein Hello-Kitty-Wecker, ein buntes Pendel und eine kleine Schneekugel mit Bären drin für unglaubliche Preise verkauft. Es ist viel Geld zusammengekommen, bestimmt mehr als 2000 Yuan, also gut 200 Euro.

Hier in China haben wir echt ein gutes Verhältnis zu den Lehrern. Neulich haben wir eine Schneeballschlacht mit unserem Kung-Fu-Lehrer gemacht. Er ist sehr groß und stark, aber wenn wir ihn mit Schneebällen getroffen haben, ist er weggelaufen und hat gelacht wie ein kleines Mädchen.

"Gangnam Style" als Frühsport

In der großen "Gangnam-Style"-Phase hat die ganze Schule angefangen, als Frühsport zu dem Lied "Gangnam Style" zu tanzen, statt Runden zu laufen. Dafür haben die Sportschüler den Tanz gelernt, ihn auf der Tribüne vorgeführt, und seitdem tanzt jeden Tag die ganze Schule. 4000 Schüler!

An Heiligabend musste ich in die Schule, aber der Jahrgang hat eine große Weihnachtsfeier für uns Austauschschüler organisiert, mit Tanz, Theater und einem großen Quizspiel. Am Abend habe ich noch einmal mit meiner Familie gefeiert und an den Tagen um Weihnachten herum haben ein paar Freunde Partys organisiert. Insgesamt konnte ich also vier- oder fünfmal feiern - öfter als in Deutschland.

Hier hat sich fast niemand etwas geschenkt, außer Äpfeln. Die wurden in aufwendigen Verpackungen vor der Schule verkauft und sollen Glück bringen, wenn man sie seinen Freunden schenkt.

An Silvester habe ich mit meiner Familie ein Neujahrskonzert im Fernsehen angeschaut. Wir sind aber alle schon um elf Uhr ins Bett gegangen, weil meine Schwester am nächsten Tag eine wichtige Prüfung hatte. Ich hatte zum Glück frei und konnte am Neujahrsmorgen endlich mal wieder ausschlafen!

Lea Kiehne hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

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