SchulSPIEGEL


Austausch-Log China: Sahneschlacht in der Karaoke-Bar

Austauschschülerin in China: Miete dir deinen Foto-Pfau
Fotos
Lea Kiehne

Getrocknete Würmer essen und Schildern folgen, die ins Nichts führen - nach einem halben Jahr in China ist Lea Kiehne, 16, ihr Austauschland trotz aller Wunderlichkeiten sehr ans Herz gewachsen. Nur warum halten sie alle für eine Russin?

Seitdem ich in China bin, höre ich dauernd seltsame Geschichten. Aber langsam gewöhne ich mich daran. Zum Beispiel war ich nicht überrascht, als mir ein anderer Austauschschüler von den Hunden seiner Gastfamilie erzählt hat. Der erste ist gestorben, nachdem vergessen wurde, ihn nach dem Waschen abzutrocknen. Der nächste ging beim Gassi gehen verloren. Jetzt haben wir schon Wetten auf den Dritten abgeschlossen.

Oder als ich auf der Suche nach einem Supermarkt war und dem Pfeil auf einem Schild gefolgt bin. Am Ende stand ich in einem leeren Keller. Auf der gegenüberliegenden Seite führte eine Treppe wieder nach oben.

Es kann auch passieren, dass man gemütlich durch die Schule wandert, weil man eine Freistunde hat und nach einer Weile vibriert plötzlich das Handy. Dann bekommt man von irgendwelchen Mitschülern, die man gar nicht wirklich kennt, Fotos von sich selbst zugeschickt, wie man gerade mitten auf dem Schulhof steht.

Tortenschlacht zum Geburtstag

Genau solche Sachen werde ich vermissen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Dort würde mir zum Geburtstag auch niemand einen großen Kuchen in die Schule liefern lassen, wie das meine Gastmutter getan hat. Insgesamt hatte ich drei Torten und habe dreimal meinen Geburtstag gefeiert: mit Freunden, mit der Familie und mit den anderen Austauschschülern.

Jedes Mal sind wir am Ende beim Karaoke-Singen gelandet. Karaoke ist hier sehr verbreitet. Man mietet mit Freunden einen Raum, in dem große Sofas und Couchtische stehen. Dort kann man dann essen, trinken und singen. Bowlingbahnen, Schwimmbäder und ähnliches gibt es kaum und die Wohnungen sind meist zu klein, um zu Hause zu feiern. Karaoke-Bars findet man dagegen an jeder Ecke, das bietet sich einfach an.


In so einer Bar kam es dann auch zu meiner Geburtstags-Tortenschlacht. Ich wollte gerade ein Foto mit Freunden machen, da kam eine Hand rübergesaust und hat mir Sahne ins Gesicht geschmiert. Die ist unglaublich süß und über den ganzen Kuchen verteilt. Der Kuchen wiederum ist normalerweise so riesig, dass selbst mit einer großen Gruppe nur die Hälfte gegessen wird. Am Ende sind wir alle zum Waschbecken gedrängelt, um uns die Sahne aus den Gesichtern zu waschen.

Mitte Januar hat unsere Austauschorganisation eine Reise nach Yunnan organisiert. Die Provinz im Süden Chinas ist bekannt für ihren kulturellen Reichtum. Über 30 Minderheiten leben dort. Am Tag vor der Abreise bin ich gar nicht erst schlafen gegangen, denn schon um 2 Uhr nachts sollte ich an der Schule sein, um den Bus zum Pekinger Flughafen nicht zu verpassen - und bis dahin war einfach noch viel zu viel zu tun und zu besprechen.

Tanzende Chinesen, vibrierende Bars und Yakfleisch

Wir sind in der Hauptstadt Yunnans gelandet, Kunming. Von dort aus ging es mit dem Bus von Stadt zu Stadt, unter anderem nach Dali und Lijiang. Jeden Morgen scheuchten uns die Betreuer zum Bus. Dort wurde dann der fehlende Schlaf nachgeholt, denn wir kamen immer sehr spät ins Bett.

Auf unserer Reise besichtigten wir zum Beispiel den Steinpark Shilin. Dort ragen gewaltige Steinsäulen in den Himmel und an vielen Plätzen tanzen Chinesen in traditioneller Kleidung oder überreden einen, Fotos vor einer der Säulen zu machen, am besten noch mit echten Pferden, Pfauen oder anderen Accessoires, die man für 10 Yuan - etwas mehr als 1 Euro - leihen kann.

Am liebsten mochte ich aber den Ausflug zum Jadedrachen-Schneeberg nahe Lijiang. Der Himmel war blau und wir hatten eine tolle Aussicht. Nach fünf Monaten mit staubiger Luft war das eine willkommene Abwechslung.

In Lijiang blieben wir zwei Tage und hatten Zeit die großartige Altstadt zu bestaunen. Nach dem Abendessen durchstöberten wir die kleinen Shops direkt über den Bars, die durch die laute Musik vibrierten und probierten die verschiedenen Speisen: von scharfen, steinharten Ingwersüßigkeiten über getrocknete Würmer, Yakfleisch und Rosenkuchen.

Verwirrende Dialekte

In Yunnan habe ich auch zum ersten Mal bemerkt, wie unterschiedlich die chinesischen Dialekte sind. Wir im Norden sagen zu hier "zher". Das wird wie "dschir" ausgesprochen. In Yunnan haben viele Leute, auch andere Austauschschüler, "zheli" gesagt und es wie "dseli" ausgesprochen. Das war manchmal etwas verwirrend für uns alle.

Nach den Ferien kamen plötzlich neue Schüler zu uns an die Schule. Weil das Gebäude der alten Nummer 8 School abgerissen wird, mussten die Klassen von dort in unsere Schule umziehen. Die neuen Schüler sind ziemlich laut und man merkt, dass sie neu sind, weil sie noch extrem starren, rufen und kichern wenn sie uns sehen. Ich bin aber sehr glücklich darüber, dass sie gekommen sind, denn manche sind echt neugierig, offen und fangen einfach Gespräche an. Außerdem haben viele von ihnen mehr Zeit, weil sie sich nicht so sehr wegen der Hausaufgaben stressen.

Ende des Monats steht mein Chinesischtest an, bis dahin muss ich noch ordentlich lernen. Aber danach habe ich viel Freizeit, in der ich ein paar neu entdeckte Ecken der Stadt durchstreifen kann. Wahrscheinlich kriege ich dann wieder Sätze zu hören wie: "Oh guck mal, eine Russin!" Und warum? Weil ich so russisch aussehe: blond, groß, weiße Haut.

Lea Kiehne hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.


Das große Erasmus-WG-Quiz

Zur Großansicht
Corbis

Frag immer die Schwedin! In diesem Quiz schickt Sie der UniSPIEGEL in eine Erasmus-WG. Überleben Sie ein Jahr im Ausland, mit einer Schwedin, einer Türkin, einem Iren und sich selbst? Hier klicken, um das Spiel zu starten. Finden Sie heraus, wie Sie in einer internationalen Wohngemeinschaft klarkämen. mehr...


Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 7 Beiträge
udolein 09.04.2013
Ich finde es gut, dass man andere Länder kennenlernt. So wird der Blick deutlich geschärft und man bekommt die wirklichen Probleme mit.
Ich finde es gut, dass man andere Länder kennenlernt. So wird der Blick deutlich geschärft und man bekommt die wirklichen Probleme mit.
tutmosis 09.04.2013
Liebe Frau Kiehne, in China für einen Russen gehalten zu werden, das kann einem auch passieren, wenn man, wie ich, nicht blond ist (OK, vielleicht lag es auch daran, daß 80% meiner Kollegen tatsächlich Russen oder aber [...]
Zitat von sysopGetrocknete Würmer essen und Schilder folgen, die ins Nichts führen - nach einem halben Jahr in China ist Lea Kiehne, 16, ihr Austauschland trotz aller Wunderlichkeiten sehr ans Herz gewachsen. Nur warum halten sie alle für eine Russin? Schüleraustausch nach China: Ein Jahr in Tangshan bei Peking - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/schueleraustausch-nach-china-ein-jahr-in-tangshan-bei-peking-a-892368.html)
Liebe Frau Kiehne, in China für einen Russen gehalten zu werden, das kann einem auch passieren, wenn man, wie ich, nicht blond ist (OK, vielleicht lag es auch daran, daß 80% meiner Kollegen tatsächlich Russen oder aber Ukrainer waren). Zur Wahl Ihres Gastlandes beglückwünsche ich Sie. China muß man erlebt haben; den Umgang mit den Menschen dort habe ich durchweg als sehr angenehm empfunden (auch wenn deren Wuseligkeit einem nach Übersichtlichkeit trachtenden Mitteleuropäer gelegentlich den Schweiß auf die Stirn treiben kann). Grüße, tutmosis
Antares42 09.04.2013
Das mit "zher" und "zheli" für "hier" ist eigentlich harmlos - immerhin sind beide Mandarin, also der selbe Dialekt, nämlich der, den alle lernen müssen um auch über die Regions- und Provinzgrenzen [...]
Das mit "zher" und "zheli" für "hier" ist eigentlich harmlos - immerhin sind beide Mandarin, also der selbe Dialekt, nämlich der, den alle lernen müssen um auch über die Regions- und Provinzgrenzen miteinander reden zu können. Ansonsten sind die Dialekte dermassen unterschiedlich, dass sich jemand aus Shanghai nicht mit jemandem aus Peking oder Changsha oder Guangzhou unterhalten könnte, und auch diese untereinander nicht. Siehe hier: Chinesische Sprachen (http://de.wikipedia.org/wiki/Chinesische_Sprachen)
sushiboi 09.04.2013
ist für Ostasien halt das am nächsten liegende Land aus dem Leute kommen, die gemeinhin mit "Caucasian" bezeichnet werden.
ist für Ostasien halt das am nächsten liegende Land aus dem Leute kommen, die gemeinhin mit "Caucasian" bezeichnet werden.
prosaschmidt 09.04.2013
Ich bin gerade (vorzeitig) von einem Austauschjahr zurückgekehrt. Organisiert war das über STEPIN. Leider war die Betreuung im Gastland sehr schlecht, der Betreuer fast einen Monat lang überhaupt nicht erreichbar. Beim notwendigen [...]
Ich bin gerade (vorzeitig) von einem Austauschjahr zurückgekehrt. Organisiert war das über STEPIN. Leider war die Betreuung im Gastland sehr schlecht, der Betreuer fast einen Monat lang überhaupt nicht erreichbar. Beim notwendigen Wechsel der Gastfamilie gab mir der Betreuer falsche Informationen zu der neuen Familie. Als ich deshalb wieder zur ersten Familie zurück wollte, hat er das einfach blockiert, obwohl meine erste Gastmutter ihn sogar selbst darum gebeten hat, mir das zu ermöglichen. Schliesslich ist die Situation so sehr belastend geworden, dass ich das Programm vorzeitig abgebrochen habe. Trotz guter Ergebnisse in der Schule, netten Freunden, etc. Das hat mir die schlechte Betreuung durch Stepin alles kaputt gemacht. Anstatt eine Erstattung anzubieten, hat mir Stepin nur eine Rechnung für die Flugumbuchung des Rückflugs geschickt. Bitte lasst Euch nicht auf Stepin ein!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
alles aus der Rubrik Querweltein
alles zum Thema Austausch-Log

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Dienstag, 09.04.2013 – 08:49 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare

Austausch-Log: Die Autoren
Mascha Schmidt

Die Hamburger Gymnasiastin Lea Kiehne, 16, freute sich vor dem Abflug nach China besonders auf ihre Gastfamilie. In der Stadt Tangshan bei Peking will sie ihre ersten chinesischen Wörter pauken.

Hier geht's zu allen Austausch-Logs.


Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...




TOP



TOP