Seitdem ich in China bin, höre ich dauernd seltsame Geschichten. Aber langsam gewöhne ich mich daran. Zum Beispiel war ich nicht überrascht, als mir ein anderer Austauschschüler von den Hunden seiner Gastfamilie erzählt hat. Der erste ist gestorben, nachdem vergessen wurde, ihn nach dem Waschen abzutrocknen. Der nächste ging beim Gassi gehen verloren. Jetzt haben wir schon Wetten auf den Dritten abgeschlossen.
Oder als ich auf der Suche nach einem Supermarkt war und dem Pfeil auf einem Schild gefolgt bin. Am Ende stand ich in einem leeren Keller. Auf der gegenüberliegenden Seite führte eine Treppe wieder nach oben.
Es kann auch passieren, dass man gemütlich durch die Schule wandert, weil man eine Freistunde hat und nach einer Weile vibriert plötzlich das Handy. Dann bekommt man von irgendwelchen Mitschülern, die man gar nicht wirklich kennt, Fotos von sich selbst zugeschickt, wie man gerade mitten auf dem Schulhof steht.
Tortenschlacht zum Geburtstag
Genau solche Sachen werde ich vermissen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Dort würde mir zum Geburtstag auch niemand einen großen Kuchen in die Schule liefern lassen, wie das meine Gastmutter getan hat. Insgesamt hatte ich drei Torten und habe dreimal meinen Geburtstag gefeiert: mit Freunden, mit der Familie und mit den anderen Austauschschülern.
Jedes Mal sind wir am Ende beim Karaoke-Singen gelandet. Karaoke ist hier sehr verbreitet. Man mietet mit Freunden einen Raum, in dem große Sofas und Couchtische stehen. Dort kann man dann essen, trinken und singen. Bowlingbahnen, Schwimmbäder und ähnliches gibt es kaum und die Wohnungen sind meist zu klein, um zu Hause zu feiern. Karaoke-Bars findet man dagegen an jeder Ecke, das bietet sich einfach an.
Mitte Januar hat unsere Austauschorganisation eine Reise nach Yunnan organisiert. Die Provinz im Süden Chinas ist bekannt für ihren kulturellen Reichtum. Über 30 Minderheiten leben dort. Am Tag vor der Abreise bin ich gar nicht erst schlafen gegangen, denn schon um 2 Uhr nachts sollte ich an der Schule sein, um den Bus zum Pekinger Flughafen nicht zu verpassen - und bis dahin war einfach noch viel zu viel zu tun und zu besprechen.
Tanzende Chinesen, vibrierende Bars und Yakfleisch
Wir sind in der Hauptstadt Yunnans gelandet, Kunming. Von dort aus ging es mit dem Bus von Stadt zu Stadt, unter anderem nach Dali und Lijiang. Jeden Morgen scheuchten uns die Betreuer zum Bus. Dort wurde dann der fehlende Schlaf nachgeholt, denn wir kamen immer sehr spät ins Bett.
Auf unserer Reise besichtigten wir zum Beispiel den Steinpark Shilin. Dort ragen gewaltige Steinsäulen in den Himmel und an vielen Plätzen tanzen Chinesen in traditioneller Kleidung oder überreden einen, Fotos vor einer der Säulen zu machen, am besten noch mit echten Pferden, Pfauen oder anderen Accessoires, die man für 10 Yuan - etwas mehr als 1 Euro - leihen kann.
Am liebsten mochte ich aber den Ausflug zum Jadedrachen-Schneeberg nahe Lijiang. Der Himmel war blau und wir hatten eine tolle Aussicht. Nach fünf Monaten mit staubiger Luft war das eine willkommene Abwechslung.
In Lijiang blieben wir zwei Tage und hatten Zeit die großartige Altstadt zu bestaunen. Nach dem Abendessen durchstöberten wir die kleinen Shops direkt über den Bars, die durch die laute Musik vibrierten und probierten die verschiedenen Speisen: von scharfen, steinharten Ingwersüßigkeiten über getrocknete Würmer, Yakfleisch und Rosenkuchen.
Verwirrende Dialekte
In Yunnan habe ich auch zum ersten Mal bemerkt, wie unterschiedlich die chinesischen Dialekte sind. Wir im Norden sagen zu hier "zher". Das wird wie "dschir" ausgesprochen. In Yunnan haben viele Leute, auch andere Austauschschüler, "zheli" gesagt und es wie "dseli" ausgesprochen. Das war manchmal etwas verwirrend für uns alle.
Nach den Ferien kamen plötzlich neue Schüler zu uns an die Schule. Weil das Gebäude der alten Nummer 8 School abgerissen wird, mussten die Klassen von dort in unsere Schule umziehen. Die neuen Schüler sind ziemlich laut und man merkt, dass sie neu sind, weil sie noch extrem starren, rufen und kichern wenn sie uns sehen. Ich bin aber sehr glücklich darüber, dass sie gekommen sind, denn manche sind echt neugierig, offen und fangen einfach Gespräche an. Außerdem haben viele von ihnen mehr Zeit, weil sie sich nicht so sehr wegen der Hausaufgaben stressen.
Ende des Monats steht mein Chinesischtest an, bis dahin muss ich noch ordentlich lernen. Aber danach habe ich viel Freizeit, in der ich ein paar neu entdeckte Ecken der Stadt durchstreifen kann. Wahrscheinlich kriege ich dann wieder Sätze zu hören wie: "Oh guck mal, eine Russin!" Und warum? Weil ich so russisch aussehe: blond, groß, weiße Haut.
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