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20. Dezember 2012, 06:06 Uhr

Austausch-Log Panama

Ihr Schildkrötlein kommet

Statt auf deutschen Weihnachtsmärkten herumzustehen, sieht Laura Heidemann in Panama Schildkröten ins Meer watscheln. Den Hahnenkampf, zu dem ihr Gastvater sie mitnimmt, findet sie jedoch nicht so niedlich. Und dann rupft ihre Familie auch noch zwei Hühner aus dem Garten.

Ich fühle mich fast betrunken vor Glück. Jeden Tag lerne ich Panama ein wenig besser kennen, und seit ich hier wohne, bin ich berauscht von den neuen Eindrücken. Auf den Fahrten in den klimatisierten, viel zu kalten Bussen klebe ich an den verstaubten Fenstern und schaue, was an mir vorüberzieht: riesige Täler, dschungelähnliche Wälder, Wasserfälle, kleine Dörfer mit Wellblechhütten, Cowboys auf Pferden und Männer, die ihre Hähne für Hahnenkämpfe trainieren.

Mit meinem Gastvater bin ich auch einmal zu einem solchen Kampf gegangen. Er selbst lässt auch Hähne antreten. Einerseits war es schrecklich, mit ansehen zu müssen, wie die Tiere aufeinander losgehen, doch andererseits steckte mich die Stimmung der Leute an. Sie rufen alle laut durcheinander, feuern die Hähne an und springen von ihren Sitzen auf.

Die Menschen sind offener, als ich das aus Deutschland kenne. Hier wird man einer Person vorgestellt und fünf Minuten später in deren Haus eingeladen oder zur nächsten Geburtstagsparty eines Verwandten. Deshalb war ich schon auf mehreren Feiern. Es wird nie langweilig. Die liebsten Hobbys der Panamaer sind zwar Schlafen, Faulenzen oder zu Hause Fernsehen, aber dank der Hitze trifft man dann doch eine Menge Leute im Schwimmbad an.

Man kann auch einen der wunderschönen Strände besuchen. Dort habe ich frischgeschlüpfte Babyschildkröten ins Meer watscheln sehen. Im November gab es außerdem viele Paraden, um die Unabhängigkeit des Landes von Spanien im Jahr 1821 zu feiern. Die waren sehr patriotisch. Hier trägt jeder stolz die Flagge Panamas auf dem T-Shirt oder der Tasche. Auch ich bin in diesen Paraden mitgelaufen und trug die typische Tracht, die Pollera.

Geblendet von den Lichterketten

Nur den Schnee vermisse ich jetzt in Adventszeit etwas. Weihnachtsstimmung kommt bei über 35 Grad einfach nicht auf, obwohl die Menschen hier besessen von Weihnachtsdekoration zu sein scheinen. In Hamburg sieht man hier und da geschmückte Vorgärten oder kleine, leuchtende Rentiere auf den Balkonen. In La Concepción laufen zwischen den Nachbarn regelrechte Wettbewerbe. Es muss möglichst viel leuchten und blinken. Die Lichterketten an der Fassade meines Hauses blenden richtig, genau wie die am Nachbarhaus. Meine Gastfamilie hofft, unsere Nachbarn dieses Jahr zu übertrumpfen, und hat schon einen riesigen Weihnachtsbaum aus Plastik gekauft, der den Eingang zieren soll.

Neulich war ich das erste Mal in der Kirche, meine Klassenkameradin hatte mich dazu eingeladen. Wir sangen, die ganze Gemeinde betete für mich, und ich bekam Geschenke, weil ich zum ersten Mal den Gottesdienst besucht hatte. Anschließend bekamen wir vor der Kirche kostenloses Essen. Natürlich Reis mit Hühnchen, das gibt es hier täglich.

Meine Gastfamilie hat viele Hühner im Garten und letztens wurden zwei davon vor meinen Augen geschlachtet und gerupft. Danach konnte ich erst mal kein Huhn mehr sehen. Aber auch daran muss man sich gewöhnen.

Dank all der Erlebnisse kommt kaum Heimweh auf. Nur wenn ich Nachrichten von meinen Freunden oder meiner Familie lese oder mit ihnen rede, wünsche ich sie mir her. Jetzt habe ich erst mal drei Monate Sommerferien und werde viel reisen, sogar nach Costa Rica. Und ich will Austauschschüler besuchen, die in anderen Städten in Panama leben.

Laura Heidemann hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

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