Austausch-Log Panama: "Ich habe Angst vor dem letzten Tag"

Laura in Panama: "Ich bin so stolz auf das kleine Land" Fotos
Laura Heidemann

Ein Austausch macht selbstbewusst, stellt Laura Heidemann fest: In Panama sang sie vor der ganzen Schule - obwohl sie das nicht gut kann. Über ihre Hand hüpften giftige Frösche, sie spielt Fußball im wohl schlechtesten Team Mittelamerikas. Doch jede Erfahrung ist wichtig.

Der erste Schultag nach drei Monaten Sommerferien begann mit einer Überraschung: Ich wurde in das Schul-Team der Mädchen-Fußballmannschaft aufgenommen! Wir sind wahrscheinlich das schlechteste Team Mittelamerikas. Unsere ersten Gegnerinnen waren vier bis fünf Jahre jünger als wir. Wir verloren 0:4. Auch in den folgenden Spielen waren wir nicht viel erfolgreicher. Aber unsere Mannschaft hat trotzdem Spaß - außerdem hat natürlich immer der Schiedsrichter Schuld.

Beim Fußball merke ich, wie stark Panama von Amerika beeinflusst ist: So rufen meine Mitschüler bei einem Tor immer "goal" mit spanischem Akzent und denken, dass es ihre Muttersprache ist. Bei "corner" für Eckball glauben sie das auch. Dieses Phänomen ist mir öfter aufgefallen und führt regelmäßig zu lustigen Verwirrungen. Apropos Fußball: Panama ist dabei, sich für die WM zu qualifizieren. Zum ersten Mal! Ich bin so stolz auf das kleine Land!

An den Wochenenden unternehme ich oft etwas mit meiner Familie. Wir gehen zum Beispiel gern zum Schwimmen an die Flüsse. Das ist hier sehr beliebt, es kostet nichts, das Wasser ist sauber und erfrischend.

Es gibt auch die Tradition, am Fluss zu kochen. Die Panamaer waschen das Fleisch im Fluss, machen ein Feuer und kochen alles in einem riesigen Topf. Als ich einmal mit einer Freundin schwimmen wollte, hat eine Frau einige Meter weiter ein ganzes Schwein im Fluss gesäubert - samt Gedärmen, Innereien und allem, was dazu gehört. Da hatte ich keine große Lust mehr, schwimmen zu gehen. Aber meist ist das Badevergnügen ungetrübt.

"Wenn ihr wiederkommt, wird selbst mein Lächeln etwas kosten"

Das Austauschjahr hat mich sehr verändert, ich bin selbstbewusster, offener und selbständiger geworden. Zum Beispiel habe ich vor knapp 90 Schülern meiner Schule die deutsche Nationalhymne gesungen, obwohl ich wirklich nicht gut singen kann. Trotzdem gab's großen Applaus. Danach habe ich noch etwas über Deutschland erzählt und über meine Erfahrungen in Panama. Nach meinem Vortrag wollten alle Schüler wissen, wie sie sich für so einen Austausch anmelden können.

Mit meiner Organisation und einigen Austauschschülern bin ich kürzlich zu einem zweitägigen Kurztrip nach Bocas del Toro gefahren, das ist eine Provinz am Atlantik. Wir haben dort viele Karibikinseln besucht, die Atmosphäre war sehr lässig, die Häuser waren wunderschön in Pastellfarben gestrichen und sogar mehrstöckig! Das gibt es in meinem Örtchen nicht. Auch die Pflanzen- und Tierwelt faszinierten mich: Wir waren am Strand, haben eine Bootstour gemacht, bei der uns Delfine begleiteten, und wir ließen rote Pfeilgiftfrösche auf unsere Hände hüpfen.

Für meinen Geschmack urlaubten in Bocas del Toro allerdings zu viele Touristen, vor allem US-Amerikaner. Dadurch ist natürlich alles viel teurer. Ein Einheimischer sagte, dass die reichen Ausländer alles aufkauften. "Wenn ihr eines Tages wiederkommt, wird selbst mein Lächeln etwas kosten", sagte er.

Ich musste mich in den vergangenen Wochen schon von einigen Menschen verabschieden, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Darunter viele Leute, die hier einen halbjährigen Freiwilligendienst absolviert haben, aber auch eine panamaische Freundin, die nach Mexiko gezogen ist, um dort zu studieren. Und das ist ja nur ein Vorgeschmack auf das, was noch auf mich zukommt!

Mir bleiben nur noch drei Monate in meinem Traumland und ich habe Angst vor dem großen letzten Tag. Denn auch wenn ich auf jeden Fall wiederkehren werde, wird es nie dasselbe sein. Ich will einfach nicht, dass das bisher beste Jahr meines Lebens endet. Andererseits freue ich mich auch wieder auf Deutschland, meine Familie, Freunde, auf Hamburg und das typisch deutsche Essen. Ich stecke zwischen zwei Welten fest.

Ich bin schon sehr gespannt, was mich alles noch erwartet und werde es genießen. Zum Schluss möchte ich allen gleichaltrigen Lesern sagen: Wenn Ihr die Möglichkeit habt, ein Auslandsjahr zu machen, tut es! Ihr werdet viele gute Erfahrungen machen - und die schlechten werden später genauso wichtig sein.


Laura Heidemann hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Die Lösung ist einfach
grafspee 13.05.2013
Spanisch und Englisch lernen und sich nach dem Abitur so schnell wie möglich aus Deutschland verabschieden, evtl. erst nach dem Studium. Die besten Jahre des Lebens warten im Ausland, in der Wärme, am Meer.
2. Schöner Bericht, schöne Fotos
ubik_21 13.05.2013
Der Beitrag macht richtig Lust, das kleine Land in Mittelamerika zu besuchen. Tolle Erlebnisse, die Laura da macht. Da wird sie sich ein Leben lang daran erinnern können.
3. Schöne Erfahrungen
hh_21 13.05.2013
Toll, wohin es die Austauschschüler heute verschlägt! Besser kann man Land und Leute wohl nicht kennenlernen.
4. Auswandern
lonestar80 13.05.2013
Es liegt ganz bei dir! Ich war auch bis 25 ein Daheimsitzer und dann hat es mich gepackt. Ich habe in Daememark, Belgien, Neuseeland und die letzten 3 Jahre in Australien verbracht. Zurückblickend wuerde ich das immer wieder so machen und besonders die Zeit in Neuseeland was das beste, was ich je erlebt habe! Das ist nicht das Ende, es ist der Anfang :)
5. Englische Beriffe im Fußball!
dosmundos 13.05.2013
Liebe Laura, die englischen Fachbegriffe im Spanischen haben nichts mit dem kulturellen Einfluß der USA zu tun (den es in anderen Bereichen natürlich durchaus gibt). Der Fußball wurde von britischen Arbeitern, Immigranten und durchaus auch als Fußball-"Entwicklungshelfer" entsandten Fachleuten nach Lateinamerika gebracht. Wenn Latinos also von "gól", "penalty" oder "corner" sprechen, handelt es sich um von Beginn an übernommene Fachbegriffe. Man nennt es ja auch "futból", und nicht etwa "soquer" :-) Ansonsten viel Spaß noch für die letzten Monate!
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