Austausch-Log Südafrika: Ich bin im Dorf, ich will hier raus

Warum nur bin ich in diesem südafrikanischen Kaff? Markus Hintze, 16, kommt aus einer Weltstadt, für seinen Schüleraustausch hat es ihn aufs Land verschlagen. Ihm fehlen echte Freunde zum Reden, und dann bekommt er auch noch Hausarrest. Das Schlimmste daran: Der ändert gar nichts.

Markus in Südafrika: Draußen Verbote, drinnen Langeweile Fotos
Markus Hintze

Straßenlärm, überall Menschen, Bus, U-Bahn, S-Bahn, mit der besten Freundin einkaufen gehen, wann immer ich will. Das ist die Großstadt. Manche hassen sie und manche können nicht ohne sie. Ich bin Berliner und gehöre zur zweiten Kategorie. Für mein Auslandjahr bin ich in einen 8000-Seelen-Ort gezogen, über 9000 Kilometer entfernt von daheim.

Bald ist die Hälfte des Jahres um. Dann lebe ich schon fünf Monate in diesem Kaff. Eigentlich mag ich es hier. Meine Gasteltern unternehmen mit mir Ausflüge, gehen ins Kino, fahren in den Urlaub. Doch alles gemeinsam, und wenn ich mal mit Freunden raus will, müssen sie mich extra dort hinfahren.

In meinem Ort gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel, nur Sammeltaxis, die ich nicht benutzen soll, einen Supermarkt und bis zum nächsten Einkaufszentrum muss ich mit dem Auto 20 Minuten fahren - besser gesagt: Ich muss mich fahren lassen.

Ich fühle mich, wie in einem Käfig. Zu sehr liebe ich die Spontaneität in einer Millionenstadt und die Möglichkeit, überall hinfahren zu können, ohne auf jemanden angewiesen zu sein. Doch hier in Südafrika bestimmt die Angst vor Kriminalität den Alltag.

In der Großstadt kann ich sein, wie ich will

Ich war kaum angekommen, da sagten mir meine Gasteltern, dass die Sammeltaxis zu gefährlich sind. Manche der Taxifahrer haben keinen Führerschein, andere fahren wie die Bekloppten. Ein Taxi ist ausgelegt für rund 20 Personen, doch manchmal sitzen dort bis zu 40 Personen drin. In den vergangenen fünf Monaten habe ich mich daran gehalten und mich in kein Taxi gesetzt.

Wenn ich Kleinstadt oder Dorf höre, dann denke ich an Klatsch und Tratsch. Jeder will wissen, wer was mit wem macht und wer welche Probleme hat. Ich vermute, das ist überall auf der Welt so, egal auf welchem Kontinent man sich befindet. In der Großstadt kann ich sein, wie ich will und machen, was ich will. Den anderen ist es egal, ich bin nur einer unter vielen.

Klar, habe ich hier schon Freunde gefunden, und ich kann mit ihnen reden. Aber nicht wirklich über wichtige Sachen, wie Liebe, Lehrer oder Leute, mit denen man gerade Probleme hat. Die ganze Schule würde es wissen und sich das Maul zerreißen, und ich habe keine Lust Stadtgespräch der Woche zu sein. Es reicht schon, dass ich es an meiner Schule bin, und im Dorf kennt mich auch schon jeder als deutschen Austauschschüler.

In diesen Momenten, wenn ich jemanden zum Reden brauche, vermisse ich meine besten Freunde. Wir haben alles zusammen gemacht und geteilt. Weil ich mich mit meinen Gasteltern gestritten habe, habe ich nun seit einer knappen Woche unbegrenzten Hausarrest. Momentan hänge ich also noch ein bisschen mehr als sonst in meinem Zimmer rum, deswegen muss ich jetzt noch mehr an meine Freunde denken.

Allzu viel merke ich von meinem Hausarrest nicht. Würden mir meine Eltern in Deutschland Hausarrest geben, würde ich durchdrehen. Doch hier? Was ändert sich? Nichts. Ich gehe zur Schule, werde abgeholt, komme zu Hause an, mache meine Hausaufgaben, surfe im Internet, schaue Fernsehen - und denke ganz viel nach.


Markus Hintze hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Wie heißt das Dorf?
bürgerlich 14.03.2012
Zitat von sysopWarum nur bin ich in diesem südafrikanischen Kaff? Markus Hintze, 16, kommt aus einer Weltstadt, für seinen Schüleraustausch hat es ihn aufs Land verschlagen. Ihm fehlen echte Freunde zum Reden und dann bekommt er auch noch Hausarrest. Das Schlimmste daran: Der ändert gar nichts. Austausch-Log Südafrika: Ich bin im Dorf, ich will hier raus - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,818914,00.html)
Ich finde den Artikel sehr spannend. Allerdings hätte ich gerne gewusst wie das dorf heißt...
2. Lieber Markus
ullischnulli 14.03.2012
eigentlich müsstest Du dankbar sein, eine solche Chance zu bekommen und dann noch in Südafrika! Das ist es aber auch: Südafrika, nicht Deutschland! Selbst wenn Du für ein Austauschjahr nach Holland gegangen wärest, hättest Du Dinge und Umstände vorgefunden, die Du nicht kennst und die sich von denen in Deiner Heimat unterscheiden. Außerdem bist Du sicherlich nicht unvorbereitet nach Südafrika gegangen und hast es Dir bestimmt aus einer Liste von möglichen Ländern ausgesucht. Nun lass doch mal die oberflächliche Sichtweise eines Jugendlichen, der nur "Spaß" haben will und nutze die Zeit, Dich mit der Geschichte, den Menschen und den Umständen in Südafrika zu beschäftigen und dann kannst Du die Zeit auch genießen, weil Du viel mehr verstehst und nicht dumpf einfach herumhängst und auf die gleiche öde Party wartest, die Du in Deutschland besuchen würdest.
3. Traumland mit Schattenseiten
saitenfreund 14.03.2012
Und bei all dem kann er noch froh sein, dass er auf dem Land gelandet ist, denn wenn er in einer Großstadt wie Durban oder Kapstadt gelandet wäre, dann wäre das Ganze noch abstruser. Ich hatte einmal das Vergnügen, eine Woche in Durban nicht touristisch unterwegs sein zu dürfen. Mir war bis dahin garnicht klar, auf wie viele Arten man bedroht, überfallen und ausgeraubt werden kann...
4. Ich gratuliere Dir!
molesman 14.03.2012
Das wird Dich Dein Leben lang prägen. Diese Erfahrungen sind mehr wert als Schule und Du wirst noch oft merklich oder unmerklich davon profitieren dass Du damals vielleicht nicht die große Äußere Welt gefunden aber die in Dir drin erschlossen hast. Liebe Grüße!
5. Berlin - ZA
Layer_8 14.03.2012
Zitat von sysopWarum nur bin ich in diesem südafrikanischen Kaff? Markus Hintze, 16, kommt aus einer Weltstadt, für seinen Schüleraustausch hat es ihn aufs Land verschlagen. Ihm fehlen echte Freunde zum Reden und dann bekommt er auch noch Hausarrest. Das Schlimmste daran: Der ändert gar nichts. Austausch-Log Südafrika: Ich bin im Dorf, ich will hier raus - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,818914,00.html)
OMG, sei froh, dass du nicht in Jo'burg untergekommen bist. Zum Geldwechseln musste ich da mal die 200 Meter vom Hotel bis zu Thomas Cook mit dem Taxi bewältigen. Dies wurde mir dringendst angeraten.
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