Austausch-Log USA: Keller, ich komme!

Texas statt Kalifornien, Cowboys statt Strand: Die erste Gastfamilie sagte ab, die zweite wohnte im gefühlten Nirgendwo - Austauschschülerin Anna Sophia Burch war zunächst schockiert. Leben da nicht nur übergewichtige, konsumsüchtige Revolverhelden? Dann kam die erste E-Mail von der neuen Familie.

Anna in den USA: Diskutiere nicht mit Einheimischen! Fotos
Anna Sophia Burch

Eigentlich hatte ich mich auf ein Auslandsjahr in Kalifornien gefreut, Golden Gate Bridge, Sonne, Strand. Mehrmals mailte ich bereits mit meiner Gastfamilie, dann kam Anfang des Jahres die enttäuschende Nachricht: Durch die Sparmaßnahmen hat meine Gastmutter ihre Stelle als Lehrerin verloren. Das Familienbudget ließ es nicht mehr zu, einen Austauschschüler zu beherbergen. Frustriert und enttäuscht wollte ich vorerst nichts mehr von den USA hören.

Ein paar Tage später landete wiederum eine E-Mail in meinem Posteingang: "Gratuliere zu deiner neuen Gastfamilie", stand im Betreff. Ich war auf alles gefasst, aber nicht auf Keller. Das ist ein Vorort von Fort Worth, in der Nähe von Dallas, Texas.

Sprechen die überhaupt Englisch, fragte mich ein Bekannter. Meine Freunde erzählten mir von Kakteen, Kühen und Pferden, von sonnengegerbten Cowboys, die mit ihren Rinderherden durch die sandige, trockene Wüste reiten und abends bei Countrymusik zum Barbecue zusammensitzen. Außer Steaks und Burger gibt es da nichts zu essen, warnte mich eine Freundin - für mich als Vegetarierin keine schöne Vorstellung. Ob ich wenigstens schon reiten oder schießen könne?

Selbst meine Mutter bemerkte fürsorglich, ich solle mich auf keinen Fall auf politische Diskussionen mit den Einheimischen einlassen. Irgendwann war ich ganz schön genervt und verunsichert von der Engstirnigkeit meines Umfeldes - und begann im Internet zu recherchieren.

Übergewicht, Konsumsucht, Patriotismus

Das war aber nicht unbedingt eine gute Idee. Texas, der Staat mit den meisten Hinrichtungen, stand da, Texas, der Staat, in dem Kreationismus auf dem Vormarsch sein soll. Zudem stieß ich bei meinen Recherchen auf Begriffe wie Übergewicht, Konsumsucht und Patriotismus. Außerdem soll die Mehrheit der sonst sehr gastfreundlichen Texaner ihren Revolver stets griffbereit am Gürtel tragen.

Umso erleichterter war ich, als mir meine Gastfamilie die erste Mail schrieb. Mein Gastvater, ein IT-Experte, und meine sympathische Gastmutter bewohnen mit ihren zwei kleinen Kindern, Emma und Kaden, ein großes Haus mit Pool statt einer Ranch, und von einer Rinderherde fehlt auch jede Spur. Sie haben bereits den Texas-Line-Dance-Kurs für die ganze Familie gebucht, ein typisch texanischer Gruppentanz, und das Gästezimmer entrümpelt und frisch gestrichen.

Bald fliege ich los, ich freue mich, bekomme aber auch ein flaues Gefühl im Magen. Möglichst viel möchte ich vor meiner Auswanderung auf Zeit noch unternehmen - und halte damit meine ganze Familie auf Trab. Ich treffe Freunde, genieße Omas Pflaumenkuchen und Mamas selbstgebackenes Brot.

Das Packen habe ich lange aufgeschoben, doch jetzt türmen sich in meinem Zimmer Bücherberge, Fotos, Klamotten, Schokolade, Sonnencreme und natürlich mein Fotoapparat. Und abends im Bett frage ich mich: Wie soll ich mein bisheriges Leben in einem Koffer verstauen? Werde ich an der Highschool Anschluss finden? Und werden meine Sprachkenntnisse ausreichen?


Anna Sophia Burch hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

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