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Austausch-Log USA: Wie kann man nur so prüde sein?

Alina in den USA: Konservativ, christlich, prüde Fotos
Alina Buxmann

Sie hat in den USA schnell neue Freundinnen gefunden, sie laufen gemeinsam, tanzen gemeinsam, verstehen sich sehr gut. Und trotzdem muss Austauschschülerin Alina Buxmann, 16, sich manchmal sehr wundern.

"Can you imagine how it is to see the world through the eyes of a child? You see everything for the very first time. Every little thing is a miracle", so leitete mein Lehrer meinen neuen Kurs ein, Kinderpsychologie. Könnt ihr euch vorstellen, die Welt durch die Augen eines Kindes zu sehen? Ihr seht alles zum ersten Mal. Alles noch so Kleinste ist ein Wunder.

Fühle ich mich in den USA wie eine Neugeborene?

An dem lilafarbenen Himmel am Morgen kann ich mich nach wie vor nicht sattsehen. Sich an Halloween für die Schule zu verkleiden, ist, weil die Kleiderordnung außer Kraft gesetzt ist, ebenso aufregend wie ein Ausflug zu den zwei Stunden entfernten Niagarafällen an der kanadischen Grenze. Auch die in Pennsylvania fast mehrwertsteuerfreie Kleidung macht mich glücklich, genauso wie der Geschmack von "Crunch'n Munch", mit Karamell glasiertem Popcorn mit Erdnüssen. Cross Country hielt ich von Anfang an für ein kleines Wunder, das ich nun, wo es vorbei ist, schrecklich vermisse.

Dann war es plötzlich vorbei

Eines Freitags schritten wir, das Varsity Cross Country Team, umjubelt von unseren Mitschülern durch die Korridore unserer Schule. Wir machten uns auf den Weg zu dem Rennen, auf das wir die ganze Saison hingearbeitet hatten - das "District 10 Meet" in Sharon. An diesem Tag gingen wir laufen, shoppen, bowlen und essen, um gut für den nächsten Morgen gerüstet zu sein. Beim Frühstück weinten wir, traurig, dass dies unser letztes gemeinsames Rennen sein würde, wenn wir als Team nicht mindestens den zweiten Platz belegen würden.

Mit Hunderten Läuferinnen hetzten wir dann durch den Park, in dem ich mein erstes Rennen gelaufen bin und nun mein letztes lief. Wieder war es unerträglich kalt und nass. Obwohl fast jede von uns ihre persönliche Bestzeit lief, schaffte es nur eine Läuferin, sich für das nächste Rennen zu qualifizieren. Und dann war es plötzlich vorbei.

Vorbei mit dem Laufen, aber lange noch nicht vorbei mit dem Team: Wir trainierten nun für die Talentshow unserer Schule. Im Sommer hatte ich in Deutschland die zwei Tanzgruppen aufgeben müssen, die ich trainiere. Nun konnte ich meinen amerikanischen Freundinnen HipHop beibringen. Wir, die "Girls on the Run", trainierten in Garagen und Wohnzimmern und gewannen zum krönenden Abschluss in der Kategorie "Best Choreography".

Konservativ, christlich, prüde

So viel Spaß wir gemeinsam haben, so gut wir uns auch verstehen, manchmal wundere ich mich auch über meine amerikanischen Freundinnen: Schließlich sind sie größtenteils in Union City aufgewachsen, einer sehr konservativen und christlichen Stadt. Einmal unterhielt ich mich mit ihnen über schwangere Neuntklässlerinnen unserer Schule. Ich fragte meine Freundinnen, in welchem Alter sie das erste Mal Sex für akzeptabel hielten. Die meisten antworteten mit "Mitte zwanzig" oder "nach der Hochzeit". Der Rest schwieg.

In Deutschland spielte ich Fußball, nach dem Training duschten und sangen wir gemeinsam. In Union City duschen wir selbst nach dem täglichen Schwimmtraining zu Hause. Als ich mal einen anderen deutschen Austauschschüler traf, musste die Zimmertür geöffnet bleiben, wenn wir uns allein in einem Raum aufhielten. Und in der Schule erzählte mal eine Lehrerin empört von einem Besuch in Deutschland: Ihr und ihrem damaligen Verlobten wurde zur Übernachtung nur ein Zimmer mit nur einem Doppeltbett angeboten.

In Union City gibt es beinahe zehn Kirchengemeinden. Meine Familie ist in der United Methodist Church (protestantisch, wie die meisten in dieser Stadt). Manchmal gehe ich mit meinen Gasteltern Kim und Tom zum sonntäglichen Gottesdienst. Ich als getaufte Katholikin bin es nicht gewohnt, dass ein Gottesdienst von einer Powerpoint-Präsentation begleitet wird und in einem Raum stattfindet, der mich an ein Pfarrheim erinnert. Aber, obwohl ich in Deutschland nicht in die Kirche gehe und einigen Botschaften immer noch nicht zustimme, gefällt mir die lockere, moderne Atmosphäre in dieser Kirche.

Bin ich nun eine neugeborene Amerikanerin?

Selbst wenn ich vieles zum allerersten Mal erlebe, bin ich das dank meiner 16 Jahren Lebenserfahrung nicht. Sie bringt mich dazu, zu vergleichen, Vorurteile zu beurteilen und selbst ein kleines bisschen meiner Kultur in dieses Land hineinzubringen. Trotzdem fühle ich mich hier jünger als in Deutschland - aber dazu bald mehr.

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