Wer noch nie in Shanghai war, braucht sich keine Mühe zu geben, vorbereitet zu sein. Die Stadt ist überwältigend anders und irgendwie unvorstellbar. Wir sind eine ziemlich junge Band aus Achim bei Bremen, und haben das Glück, seit Donnerstag für eine Woche hier zu sein. Als Gewinner des Schooljam-Bandcontest werden wir auf der Music China auftreten, das soll die größte Musikmesse Asiens sein.
Wäre Shanghai dazu fähig, es würde wohl auf die uns bekannten "Großstädte" herablächeln. Alles hier ist größer, bunter, lauter, schneller und vor allem moderner als alles, was wir bisher gesehen haben. Nur die Musik hat uns bisher noch nicht packen können. Zwar wird auch zu Hause über die ewig eintönige Popmusik der großen Radiosender geschimpft, aber China beweist: Es geht noch um Längen kitschiger als daheim.
Auf MTV laufen Schlager, gesungen von Jungs, die in jedes Boyband Format passen würden. Die Themen sind meistens Liebe, Leid und Heiterkeit, zumindest entnehmen wir das den Bildern.
Unterwegs im Großstadtdschungel erlebt man im Taxi genau dasselbe, denn auch Taxifahrer sehen hier gerne fern, während sie uns durch die Straßenschluchten fahren. Da auf den großen Straßenbrücken weder rote Ampel noch Vorfahrtsregeln oder Fußgänger die Autofahrer einschränken, lachen wir drüber, wenn auch etwas gequält.
Übermüdet, gejetlagt, aber glücklich
In der Stadt selbst herrscht oft ohrenbetäubende Kakophonie: Es wird gehupt, wie in Italien. An jeder zweiten Ecke steht ein kleiner mobiler Stand mit Souvenirs und hektischem Techno-Pop wie aus den Neunzigern. Die kleinen PC-Boxen an den Ständen dröhnen und rauschen. Dazwischen schreien die vielen Händler.
Unser erstes chinesisches Abendessen genießen wir mit Blick auf die grandiose im Neonlicht erstrahlende Skyline Shanghais. Das Essen ist toll, aber auch hier werden wir beschallt: Die Flötenmusik, die von der Bühne am Kopf des großen Speisesaals herrührt, ist gewöhnungsbedürftig.
Vielleicht ist man als Musiker besonders hellhörig, aber der Mann da vorne könnte gut in einem deutschen Seniorenheim als Alleinunterhalter arbeiten. Er bläst seine Flöte zu samtig weichem Playback und Drumcomputer, doch was uns zum Lachen bringt, scheint die Chinesen rund um uns nicht zu beeindrucken. Ihnen scheint es zu gefallen.
Mein erster Eindruck ist, dass hier alles extrem verziert ist: Die Verkehrsinseln sind aufwendig und mit den buntesten Blüten geschmückt. Nicht nur die Hochhäuser, die ganze Stadt erstrahlt ab 18 Uhr in knalligen Farben. Wer schon einmal Spielzeug aus China in der Hand hatte, weiß, was gemeint ist. Alles bunt, alles leuchtend und nett.
Klar, wir können mit unserem übermüdeten, gejetlagten Blick auf diese Stadt nicht objektiv sein: Hier sein, als junge, deutsche Band, das fühlt sich sonderbar an. Und aufregend. Es ist anders, und es ist wunderschön. Und wenn es am wunderschönsten ist, soll man aufhören. Wir ins Bett, denn Shanghai ist ein Frühaufsteher.
Casting Louis gibt es erst seit Juni 2011. Der Bandname entstand, als Patrick, sein Bruder Marcel und Schlagzeuger Simon einen Gitarristen casteten. "Wir haben uns gesagt: 'Es kann doch nicht so schwer sein, irgendeinen Louis für uns zu finden'", erzählt Patrick. Heute sind Casting Louis zu viert, der Gitarrist heißt Timo. Die Band kommt aus Achim bei Bremen. Im Februar folgt ihre letzte Station als beste Band 2012 auf dem Finale von SchoolJam UK in London.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Querweltein | RSS |
| alles zum Thema SchoolJam | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH