Schülerdrill in Südkorea: Lernen heißt leiden

Aus Seoul berichtet Malte E. Kollenberg

Bei Pisa sind Südkoreas Schüler Weltspitze. Und zahlen einen hohen Preis: Der Schulalltag ist hart, der Leistungsdruck enorm. Viele Jugendliche haben einen Tagesplan wie Top-Manager - das Leben wird dem Ziel untergeordnet, es auf eine Top-Universität zu schaffen.

Schülerdrill in Südkorea: Nicht fürs Leben, für die Uni lernen sie Fotos
AP

Ihre Kinder sind einem enormen Leistungsdruck ausgesetzt, vielen Eltern in Südkorea ist das durchaus bewusst. Auch Yoo Kyung Min. Die Mutter eines Viertklässlers hält das Schulsystem wahrlich nicht für ideal, "vor allem, weil der Konkurrenzdruck groß ist", wie sie sagt. Als Mutter bleibe ihr aber nichts anderes übrig als zu hoffen, dass ihr Sohn dem Druck standhält.

Raum für Veränderungen gibt es nämlich kaum. Bildung zählt in der konfuzianisch geprägten koreanischen Gesellschaft ausgesprochen viel. Es ist enorm wichtig, dass ein Kind gut in der Schule ist. "Davon hängt ab, wie es von Lehrern, anderen Eltern, ja der ganzen Gesellschaft beurteilt wird", erklärt Yoo. Außerdem ändere die Regierung immer wieder die Voraussetzungen für den Universitätseintritt: "Das Kind muss auf alles vorbereitet werden."

Betrachtet man einzig die Leistungen der Schüler, macht Südkorea offenbar einiges richtig: Bei der jüngsten Pisa-Studie landete das Land in allen Bereichen (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften) weit vorn. Überhaupt dominieren asiatische Staaten und Regionen die Spitzenplätze.

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Pisa-Studie 2009 - Lese-Kompetenz
Land Punkte
Korea 539
Finnland 536
Kanada 524
Neuseeland 521
Japan 520
Australien 515
Niederlande 508
Belgien 506
Norwegen 503
Estland 501
Schweiz 501
Polen 500
Island 500
USA 500
Schweden 497
Deutschland 497
Irland 496
Frankreich 496
Dänemark 495
Großbritannien 494
Ungarn 494
Portugal 489
Italien 486
Slowenien 483
Griechenland 483
Spanien 481
Tschechien 478
Slowakei 477
Israel 474
Luxemburg 472
Österreich 470
Türkei 464
Chile 449
Mexiko 425
Quelle: OECD
Mathematik
Pisa-Studie 2009 - Mathematik-Kompetenz
Land Punkte
Korea 546
Finnland 541
Schweiz 534
Japan 529
Kanada 527
Niederlande 526
Neuseeland 519
Belgien 515
Australien 514
Deutschland 513
Estland 512
Island 507
Dänemark 503
Slowenien 501
Norwegen 498
Frankreich 497
Slowakei 497
Österreich 496
Polen 495
Schweden 494
Tschechien 493
Großbritannien 492
Ungarn 490
Luxemburg 489
USA 487
Irland 487
Portugal 487
Spanien 483
Italien 483
Griechenland 466
Israel 447
Türkei 445
Chile 421
Mexiko 419
Quelle: OECD
Naturwissenschaften
Pisa-Studie 2009 - Kompetenz Naturwissenschaften
Land Punkte
Finnland 554
Japan 539
Korea 538
Neuseeland 532
Kanada 529
Estland 528
Australien 527
Niederlande 522
Deutschland 520
Schweiz 517
Großbritannien 514
Slowenien 512
Polen 508
Irland 508
Belgien 507
Ungarn 503
USA 502
Tschechien 500
Norwegen 500
Dänemark 499
Frankreich 498
Island 496
Schweden 495
Österreich 494
Portugal 493
Slowakei 490
Italien 489
Spanien 488
Luxemburg 484
Griechenland 470
Israel 455
Türkei 454
Chile 447
Mexiko 416
Quelle: OECD
Doch der Erfolg ist teuer erkauft. Ab der Mittelschule beginnt für koreanische Jugendliche der Stress.

Bis nachmittags Schule, abends Nachhilfe, nachts Hausaufgaben

Cho Sang Hee, 15, ist in der neunten Klasse. Freizeit hat sie kaum. Gegen sieben Uhr steht Sang Hee auf, rund eine Stunde später sitzt sie auf der Schulbank. Bis 15 oder 16 Uhr. Zweimal die Woche besucht sie ein privates Nachhilfeinstitut zum Englischlernen. Hakwon werden diese Bildungsfabriken in Korea genannt, mehr als 70.000 gibt es davon. Rund die Hälfte der Nachhilfeschüler bereitet sich für den Sprung in die nächsthöhere Schulform oder auf die Universität vor. "Wenn ich um 22 Uhr aus dem Hakwon komme, dann mache ich zu Hause meist noch Hausaufgaben", erzählt Sang Hee von ihrem Tag. Auch sonntags geht sie zum Nachhilfeinstitut. Von 15 bis 16 Uhr steht Textverständnis, Nonsul, auf dem Stundenplan. An den anderen Tagen hat Cho Sang Hee privat Nachhilfeunterricht in Mathematik.

Doch Einzelnachhilfe ist teuer, viele Familien können sich das nicht leisten. Bereits das Lernen im Hakwon kostet pro Fach zwischen 200 und 300 Euro im Monat. In der Prüfungszeit - es gibt Zwischenprüfungen und Abschlussklausuren jedes Halbjahr - bieten die Hakwons am Wochenende zusätzliche Kurse an. Dann hat Sang Hee gar keine Zeit mehr für sich selbst und ihre Freunde.

Die 15-Jährige lernt dann bis zwei Uhr nachts für die Versetzung auf die Oberschule. Im März steht der Schulwechsel an. Schon jetzt bestimmt das Thema das Familienleben. "Wenn ich am Wochenende mit meiner Familie zusammen bin, dann reden wir meistens darüber, auf welche Schule ich bald gehen soll."

Mechanisches Pauken, Leistungs- und Anpassungsdruck

Für deutsche Schüler ist schwer vorstellbar, unter welchem Druck Kinder und Jugendliche in Südkorea stehen. Alles, was Spaß macht, bleibt auf der Strecke. Und persönliche Freiheiten ebenso - sogar der Haarschnitt wird mitunter rigide per Schulvorschrift geregelt. Beim Unterricht geht es stets um das Ziel, es später auf eine der Top-Hochschulen zu schaffen.

"Wenn du eine Zwei bekommst, denkst du schon ans Sterben", sagte ein 20-jähriger Aktivist, der 2005 Schülerproteste für ein moderneres Erziehungssystem organisierte. Vergebens, weiterhin gilt in Südkorea: Wenn Schulen für Eltern attraktiv sein wollen, sollten sie auf Entspannung am Nachmittag verzichten.

Eine Schule, die im Sommer mit einem etwas gelockerten Lehrplan, mehr Sportanteilen und mehr Freizeitaktivitäten angetreten war, musste sich dem Elternwillen weitgehend beugen. Die Eltern verlangten nach weniger Freizeit und der Möglichkeit für Privatunterricht am Abend und am Wochenende.

Park Eun Kyu, 18, hat die Oberschule bereits hinter sich. Jetzt wartet er auf sein Ergebnis beim zentralen Zulassungstest für die Universität. Davon hängt mit ab, welche Uni ihn nimmt. Besonders das Abschlussjahr war sehr anstrengend für ihn: Schule von morgens 8 bis abends 22 Uhr, danach noch Hakwon bis kurz nach Mitternacht.

Jeden zweiten Samstag im Monat haben koreanische Schüler Unterricht. "Am Wochenende habe ich dann noch meine Hausaufgaben gemacht", erzählt Eun Kyu. Es blieb ihm kaum die Zeit, zum Ausgleich Sport zu treiben: "Im letzten Jahr auf der Oberschule blieben dafür zwei, maximal vier Stunden pro Woche." Die Jahre davor waren es ein paar Stunden mehr. "Ich habe weniger Nachhilfe gehabt", erklärt er.

Schüler geben alles, um auf Elite-Unis zu kommen

Im Abschlussjahr wurde die Nachhilfe dann unerlässlich. "Mein Traum war es immer, Wirtschaftsprüfer zu werden", sagt Eun Kyu. Betriebswirtschaftslehre an der Yonsei-Universität möchte er studieren. "Um mein Ziel zu erreichen, muss ich auf einer der besten Universitäten des Landes gewesen sein."

Die sogenannten SKY-Universitäten in Seoul, die Seoul-National-Universität, die Universität Korea und eben die Yonsei-Universität, sind die Kaderschmieden Südkoreas. Wer es in eine der drei schafft, kann sich seinen Job später aussuchen. Doch die Plätze sind heiß begehrt, die Konkurrenz ist groß. Genommen werden nur die Besten.

Besonders in Südkorea lebende Ausländer beobachten den Drill mit Sorge und versuchen, die Schullaufbahn des Nachwuchses anders zu gestalten.

So wie Frank Grünert. Der Deutsche unterrichtet im Fachbereich Germanistik an der National-Universität in Seoul. Seit rund 20 Jahren lebt er in Südkorea. Seine Frau ist Koreanerin, die vierjährige Tochter geht zurzeit in den Kindergarten. Der sei super, sagt Grünert. Auch über die Grundschule, die seine Tochter besuchen soll, hat er nur Gutes gehört.

Auf eine klassische Mittelschule möchte Grünert sein Kind allerdings nicht schicken. "Meine Frau ist da sogar noch skeptischer als ich", erzählt er. Als Koreanerin habe sie das System hautnah miterlebt - alles sei auf Test, Klausuren und Examen ausgerichtet. Aber das sei eben nicht alles im Leben: "Manche Qualifikation lässt sich einfach nicht prüfen."

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insgesamt 28 Beiträge
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1. ..
tetaro 09.12.2010
Zitat von sysopBei Pisa sind Südkoreas Schüler Weltspitze. Und zahlen einen hohen Preis: Der Schulalltag ist hart, der Leistungsdruck enorm. Viele Jugendliche haben einen Tagesplan wie Top-Manager -*das Leben*wird dem Ziel untergeordnet, es auf eine Top-Universität zu schaffen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,733533,00.html
Kurios dabei ist, dass im Westen die entspannte östliche Esoterik boomt und die Erfinder derselben angestrengt der westlichen Materialität hinterherhetzen. Die Frage dabei ist, wo das Ziel des Ganzen liegt. Geld verdienen, eine Familie für dasselbe Hamsterrad anfüttern und dann den Löffel abgeben, war noch nie die überzeugendste Lebensperspektive, und gerade in Asien setzt sich diese anscheinend fest.
2. und die
myxomatosis 09.12.2010
lebenserfahrung, ohne die man im job auch nicht weit kommt, bleibt auf der strecke. gute noten und fachkenntnisse aber keine ahnung mit leuten umzugehen und diese gelernten fähigkeiten praktisch richtig anzuwenden. bravo!
3. Fotostrecke
Steez 09.12.2010
Habe ich den ganzen Text gelesen? Was haben die ersten beiden Fotos von der Fotostrecke mit dem Artikel zu tun? Nur darum hab ich das gelesen.
4. Keine Adipositas
Illya_Kuryakin 09.12.2010
[ironie on] Na,ja... wenn man sich die Bilder mal anschaut stellt man recht schnell eines fest: KEINE FETTEN KINDER!!! Eine klitzekleine Scheibe davon könnten wir uns für unsere "Generation Adiopsitas" schon mal abschneiden. [/ironie off]
5. Sollen wir jetzt nach Osten gucken oder nicht...?
BlogBildung.net 09.12.2010
Aber wie wir in der taz lesen können, muss man sich nur das richtige fernöstliche Land herauspicken, um dem unaufmerksamen Leser mal wieder die Gesamtschule und das gemeinsame Lernen unterzujubeln. Dort steht dann zu lesen: "[...] Zweitens sah man durch die Objektive einen hochintelligenten Mathematikunterricht [in Japan, Anm. d. Autors], bei dem die Aufgaben von vornherein mit unterschiedlicher Schärfentiefe dargeboten wurden. Das....." (vgl. auch http://www.blogbildung.net) PISA taugt also immer noch, um wirklich jede beliebige bildungspolitische Forderung mit dem Blick in jedes beliebigen Land zu rechtfertigen. Ist ja schön, dass sich etwas verbessert hat in Deutschland, aber das Wenigste hat etwas mit den Reformen von oben zu tun. Lehrer, Eltern und zulaetzt auch die Schüler haben umgedacht - das ist der einzige Weg zu mehr Bildungserfolg.
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Niederlande 508
Belgien 506
Norwegen 503
Estland 501
Schweiz 501
Polen 500
Island 500
USA 500
Schweden 497
Deutschland 497
Irland 496
Frankreich 496
Dänemark 495
Großbritannien 494
Ungarn 494
Portugal 489
Italien 486
Slowenien 483
Griechenland 483
Spanien 481
Tschechien 478
Slowakei 477
Israel 474
Luxemburg 472
Österreich 470
Türkei 464
Chile 449
Mexiko 425
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Irland 487
Portugal 487
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Italien 483
Griechenland 466
Israel 447
Türkei 445
Chile 421
Mexiko 419
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Pisa-Studie 2009 - Kompetenz Naturwissenschaften
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Australien 527
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Schweiz 517
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Slowenien 512
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Irland 508
Belgien 507
Ungarn 503
USA 502
Tschechien 500
Norwegen 500
Dänemark 499
Frankreich 498
Island 496
Schweden 495
Österreich 494
Portugal 493
Slowakei 490
Italien 489
Spanien 488
Luxemburg 484
Griechenland 470
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Türkei 454
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