Mit einem Nationalhelden spaßt man nicht. Schon gar nicht, wenn er Ho Chi Minh heißt und von einem ganzen Land als Vaterfigur verehrt werden muss. Das hat eine 14-jährige Schülerin in Vietnam auf die harte Tour erfahren. Das Mädchen hatte die Parodie einer berühmten Rede des Revolutionärs und späteren Staatschefs auf ihrer Facebook-Seite gepostet. Dafür wollte ihr die Schulbehörde zunächst ein Jahr lang verbieten, zum Unterricht zu kommen. Später hob sie die Strafe wieder auf.
In der Originalrede von 1946 ruft Ho Chi Minh zum Widerstand gegen die französische Kolonialmacht auf. In der Version der Achtklässlerin habe es geheißen: "Alle Schüler! Es verlangt uns nach Frieden und wir haben Zugeständnisse gemacht. Doch je mehr Zugeständnisse wir machen, desto stärker setzen uns die Lehrer unter Druck, denn sie sind entschlossen, uns wieder durchfallen zu lassen." Die Tageszeitung "Thanh Nien" zitierte auf ihrer Internetseite aus dem Text, den die Schülerin im Dezember auf Facebok postete.
Der Leiter der zuständigen Schulbehörde in der Provinz Quang Nam mittig zwischen Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt sagte, die Schülerin habe die Geschichte verzerrt und die Lehrer grob beleidigt. An einer anderen Stelle in dem Text steht: Alle Schüler müssten Wege finden, um gute Noten zu bekommen. Die Schlauen könnten ihren Grips nutzen. Doch die, die damit nicht dienen können, "müssen abschreiben oder Spickzettel benutzen".
"Sie ist jung und ihre Gedanken sind unreif", sagt der Vater
Die Schulbehörde verhängte Anfang Januar eine einjährige Unterrichtssperre über die Achtklässlerin. Die beteuerte, sie habe nur einen Spaß gemacht und niemanden verletzten wollen. Sie habe die umgeschriebene Rede auf der Facebook-Seite eines anderen Schülers entdeckt, den Text kopiert und den Namen der Schule angepasst. Ihr Vater sagte der Zeitung "Thanh Nien": "Sie ist jung und ihre Gedanken sind unreif." Seine Tochter sei entsetzt gewesen, dass sie nicht mehr zur Schule durfte.
Die Aufsichtsbehörde hat die Suspendierung inzwischen wieder aufgehoben. Der Schuldirektor sagte am Dienstag, das Mädchen verdiene zwar eine Bestrafung. Allerdings wurde sie wieder zum Unterricht zugelassen, nachdem ihre Eltern und die örtliche Jugendvereinigung der Kommunistischen Partei versprochen hatten, die Achtklässlerin zu "erziehen".
Ho Chi Minh wird in der Sozialistischen Volksrepublik Vietnam dafür verehrt, das Land aus der kolonialen Knechtschaft Frankreichs und in die Unabhängigkeit geführt zu haben. Sein Porträt ziert Banknoten, Briefmarken und Klassenräume und sein einbalsamierter Leichnam ist bis heute - mehr als 40 Jahre nach seinem Tod - in einem Mausoleum in Hanoi aufgebahrt.
son/dapd
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