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27. Dezember 2012, 06:39 Uhr

Sexualkunde in Peru

"Bloß nicht küssen!"

Von Nathalie Klüver

Woher kommen Babys? In Peru könnten die wenigsten Jugendlichen diese Frage beantworten. Sexualkunde gehört nicht zum Lehrplan, Eltern schweigen zu dem Thema. Die Zahl von Teenager-Schwangerschaften ist dramatisch hoch. Entwicklungshelfer wollen das jetzt ändern - mit klaren Worten.

Marinella ist 17, sie mag Liebeslieder und hilft nach der Schule ihren Eltern beim Ziegenhüten. So wie ein ganz normales peruanisches Mädchen. Normal heißt auch: Sie hat einen Freund, aber keine Ahnung von Sexualkunde. Niemand hat ihr erklärt, wie eine Frau schwanger wird oder wie sie sich davor schützen kann. Was in Deutschland bereits Grundschüler lernen, ist in Peru kein Thema. Zu Hause nicht und in der Schule auch nicht. Bis jetzt.

Angesichts einer dramatisch hohen Zahl von Teenagerschwangerschaften bringen Entwicklungshelfer nun Lehrern bei, wie Aufklärungsunterricht funktioniert. Um dann an dem Unterricht der Lehrer teilzunehmen, musste Marinella ihre Eltern um Erlaubnis fragen. Zuerst wollten sie es verbieten: "Das ist doch nichts für dein Alter!" Doch die Tochter setzte sich durch, so wie ihre Schulkameraden.

Jetzt sprechen die Neuntklässler in dem Dorf Casagrande einmal in der Woche darüber, wo die Kinder herkommen. Und was man tun kann, damit man nicht ungewollt eins bekommt. Eine Herausforderung in einem katholischen Land wie Peru. In öffentlichen Gebäuden hängen Kruzifixe, Jesus am Kreuz wacht auch im Klassenzimmer, wo die Schüler vor Postern mit den weiblichen Geschlechtsorganen sitzen. Bilder von Nackten sehen viele Jugendliche wahrscheinlich zum ersten Mal, Fernsehen und Zeitschriften sind in Peru züchtiger als in Europa.

Die Mädchen kichern, einige Ohren färben sich rot. DieScham mischt sich mit Neugierde: An welchen Zyklustagen kann man schwanger werden? Hilft es, wenn ich mich direkt danach gründlich wasche? Solche Dinge fragen sie. Und das ist erst der Anfang: Nächste Woche geht es darum, wie ein Baby entsteht und welche Verhütungsmittel es gibt. Die Sexualkunde ist freiwillig, sie findet nachmittags nach dem regulären Unterricht statt. Snacktüten sollen es den Schülern schmackhaft machen, zwei Stunden länger in der Schule zu bleiben.

Kondome werden ausgepackt

Die Aufklärung besteht aus Frontalunterricht, Rollenspielen und Referaten. Kondome werden ausgepackt und über Modelle gezogen. Am Anfang brauchen die Jugendlichen ein wenig Zeit, um aufzutauen, sagt Lehrerin Ruby Cordova. Später auf dem Schulhof werden die Infobroschüren jedoch umso neugieriger durchblättert. Darin ist noch einmal alles erklärt: Ob beim Oralsex Geschlechtskrankheiten übertragen werden oder ob der Coitus interruptus eine Schwangerschaft verhindert. Einige Ohren glühen noch immer rot.

Bevor das Kinderhilfswerk Plan International sein Projekt startete, wurde jedes zehnte Mädchen vor seinem 19. Geburtstag ungewollt schwanger, viele schon mit 13 oder 14 Jahren. Statistiken des Kinderhilfswerks zeigen außerdem, dass nur jeder zehnte Teenager über Verhütung und sexuell übertragbare Krankheiten Bescheid weiß. Die Entwicklungshelfer haben 13 Lehrer der Schule im Norden Perus fortgebildet. Für alle war der Aufklärungsunterricht Neuland.

Mathelehrerin Cordova spricht nun einmal in der Woche über die Tabuthemen. Sie findet die neue Aufgabe wichtig. Wenn es um Sex geht, seien die meisten Eltern "wie Stein": Sie weigerten sich, über Dinge zu sprechen, die sie für anrüchig halten. "Die meisten Jugendlichen haben ihr Wissen aus dem Fernsehen", sagt Cordova. Oft sei es nur Halbwissen. Dass man vom Küssen schwanger werde und so. Viele Eltern seien doch froh, dass die Schule ihnen diese Gespräche nun abnimmt.

Auch bei Marinella wird zu Hause nicht über Sex gesprochen. Ihre Mutter sagte lediglich zu ihr, sie solle mit ihrem Freund vorsichtig sein: "Es gibt Sachen, für die du noch zu jung bist." Und Marinellas Freundin Vanessa hörte von ihrer Tante nur: "Bloß nicht küssen!" Wie Kinder entstehen, wurde der 15-Jährigen zum ersten Mal im Projekt erzählt. An Vanessas Bluse blinkt ein Justin-Bieber-Anstecker. Sie träumt davon, Tänzerin zu werden. Ihre Augen strahlen, wenn sie davon spricht, einmal in Fernsehshows aufzutreten. Als es um Aufklärung geht, schaut sie auf den Boden, spielt mit ihrem Glitzerarmband. Nein, darüber spricht man nicht, murmelt sie. Auch nicht hinter vorgehaltener Hand, so unter Mädels? Naja. Hm. Doch. Manchmal. Aber Fragen zu stellen, das wäre peinlich.

Schwangere Mädchen bleiben oft ohne Abschluss und Freund zurück

Der Unterricht und die Broschüren hätten viele Antworten gegeben, sagt Vanessa. Das findet Marinella auch. Sie habe vor allem gelernt, dass sie mit Sex noch bis zum Ende ihrer Ausbildung warten sollte. "Ich möchte mir nicht die Zukunft verbauen", sagt sie. Bloß nicht im Dorf bleiben. Sie möchte mehr vom Leben, eine Kosmetikschule in der nächstgrößeren Stadt Piura besuchen. Zurzeit arbeitet sie an den Wochenenden in einer Fabrik, Muscheln öffnen, zweimal zwölf Stunden lang. Umgerechnet etwa neun Euro verdient sie damit am Wochenende. Das Geld ist für ihre Schulbücher und Stifte, die ihre Eltern nicht bezahlen können, wie so viele in Peru, wo jeder Zehnte von weniger als einem Dollar am Tag lebt.

Auch Lehrerin Cordova sagt: "Es geht vor allem darum, sich zu enthalten." Sie kennt das Problem, an Verhütungsmittel heranzukommen. Cordova weiß, dass viele Apotheker Kondome nicht an Jugendliche herausgeben. Und selbst wenn, den Schülern fehle schlicht das Geld. Klar, es gibt Kondome, das wissen die Mädchen auch: "Die Apotheke in Casagrande verkauft sie." Aber dort welche verlangen? Sie schütteln den Kopf.

Anderthalb Jahre nach Beginn des Projekts ist die Rate von Frühschwangerschaften gesunken, berichtet Cordova. Ein hoffnungsvoller Anfang, sagt Plan-Mitarbeiterin Cristina Sevillano. So würden die Chancen der Mädchen verbessert, die in Peru gegenüber Jungs deutlich benachteiligt seien. Laut peruanischem Gesetz sollen zwar schwangere Mädchen weiterhin den Unterricht besuchen, aber die Wirklichkeit zeige, dass viele aus Scham die Schule vorzeitig beenden, sagt die Entwicklungshelferin. Ohne Abschluss und oft auch ohne Freund: Viele werden sitzen gelassen.

Marinellas Freund nimmt auch an dem Projekt teil. Er verstehe, dass sie noch warten möchte, sagt Marinella. Manchmal muss sie es ihm aber doch noch mal erklären, fügt sie nach einer kleinen Pause hinzu. Und schiebt dann schnell hinterher: "Ich möchte auf eigenen Füßen stehen und mein Kind einmal selbst versorgen können. Dafür brauche ich eine gute Ausbildung."

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