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Absurder Vorschlag aus Schweden: Hurra, wir sind die Lehrer los

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Eine Schule ohne Lehrer und Schüler? Kein Traum, sondern der tatsächliche Plan schwedischer Kommunalpolitiker. Der sorgt für so viel Wirbel, dass sich sogar der Bildungsminister damit befassen muss. Sein Urteil: eines der sinnlosesten Dokumente, das er je gelesen hat.

Schwedische Bildungspolitik: Absurde Visionen Fotos
Corbis

Wenn Pippi Langstrumpf diese Vision gehabt hätte, niemand hätte sich aufgeregt. Schließlich macht Pippi sich die Welt stets widdewidde wie sie ihr gefällt. Wie wäre es also, wenn wir aus der Schule die Lehrer verbannen würden? Und die Schüler und die Klassen und den Unterricht? Was schwedische Kommunalpolitiker in einem Dokument als "Schule der Zukunft" bezeichnen, ist für den schwedischen Bildungsminister Jan Björklund "eines der sinnlosesten Dokumente", das er je über Schulen gelesen hat. Ein schwedischer Lehrer sagt dazu: "Es wirkt, als wären wir in der 68er-Zeit, und diejenigen, die das Dokument geschrieben haben, hätten einen Joint geraucht."

Das besagte Dokument, das nun für Aufruhr sorgt, kommt aus der kleinen Gemeinde Staffanstorp in Südschweden. An einem Tag im Juni trafen sich die Politiker aus dem örtlichen Bildungsausschuss, um unter anderem über die "Schule der Zukunft" zu sprechen. Der Vorsitzende des Ausschusses, Nino Vidovic von der liberal-konservativen Partei Moderaterna, hatte dazu etwas vorbereitet. Er hatte seine Vision aufgeschrieben und wollte damit zum Nachdenken anregen: Wie sollte die Schule der Zukunft ausgerichtet sein? Weitere Schritte sollen folgen.

Die Vorlage hat die Kommune erst kürzlich ins Netz gestellt. Immer mehr Lehrer und Politiker lasen es, Zeitungen griffen es auf und schließlich musste sich auch der Bildungsminister damit beschäftigen.

Wer braucht eine Turnhalle? Wer Bücher?

Bislang, heißt es in der Vorlage, sei die Schule ein Platz der Erkenntnis gewesen. Das hätten Bücher symbolisiert und nicht zuletzt auch das Schulhaus als solches. Lernen sei bislang ein Prozess zwischen "nicht können" und "können" - aber niemand habe diesen Prozess nachvollziehen können. Er sei schlicht unsichtbar gewesen. Die Schule der Zukunft müsse diese Reise sichtbar machen. Aber wie schafft man das?

Zum einem müsse jedes Werkzeug verschwinden, heißt es weiter, jedes Hilfsmittel oder Symbol, das andeutet, dass eine Aktivität an einen festen Platz gebunden ist. Die Turnhalle? Weg! Büchersammlungen? Weg!

Außerdem müssten Grenzen verschwinden: "Eine Schule, die die Zukunft ist, hat keine Klassen, keinen Unterricht, keine Stufen, keine Schüler oder Lehrer. Stattdessen ist es ein unerhört komplexes Umfeld, in der Menschen sich mit sich selbst beschäftigen, ihren Ansichten und ihren Ressourcen, um den Tag reicher zu beenden, als man ihn begonnen hat."

Zudem solle die Schule der Zukunft subjektiv sein: Schüler sollten sich selbst überlegen, welches Ziel und welche Bedeutung ihre ganz persönliche Reise habe.

Die Bedingungen, so der Vorschlag, könnten auf zweierlei Arten gelöst werden: "Zunächst sollten Schulgebäude die letzte Alternative sein, wenn es um Umgebungen fürs Lernen geht, nicht die erste." Zum anderen müssten Gebäude zukünftig wesentlich effektiver genutzt werden als heute. Warum soll man die Schule nicht für andere Akteure öffnen? Für Mama und Papa beispielsweise: "Der einfachste Weg nach vorn wäre es, dass die Schule wenigstens für die Eltern der Schüler ein attraktives Umfeld ist, wenn sie in ihrem Alltag nach einem alternativen Arbeitsplatz suchen." Das würde die Kosten senken und die Grenze zwischen Schule und dem Rest der Welt aufweichen.

"Eine gewaltige Sammlung Unsinn"

Mit dem Dokument soll eine Arbeitsgruppe arbeiten, die sich mit der Zukunft der Schulen beschäftigt. Als der Ausschuss über diese Vision abstimmte, sagten sieben Mitglieder ja und zwei nein. Der Oppositionspolitiker Pierre Sjöström von den Sozialdemokraten sagte der Zeitung "Sydsvenskan": "Das Dokument ist sehr wirr. Wir hätten gern mehr Konkretisierungen gehabt." Sein Parteikollege Tommy Svenningsson, pensionierter Lehrer und ehemaliges Mitglied des Ausschusses, sagt: "Das Dokument ist eine gewaltige Sammlung Unsinn, die mich entsetzt." Hier werde ein sehr seltsames Zukunftsbild gezeichnet: eine Schule ganz ohne Lehrer und Schüler. Eine pensionierte Lehrerin sagte der Zeitung: "Ich würde meine Kinder niemals in so eine Schule schicken wie in dem Dokument beschrieben."

Der Lehrerverband zeigt sich verwirrt, der Bildungsminister verärgert: "Ehrlich gesagt, das können doch keine Menschen gewesen sein, die mit Schule zu tun haben, die dieses Dokument geschrieben haben". Das hofft er zumindest. "Ich weiß nicht, ob ich eher entrüstet bin oder eher resigniere", sagte er "Skolvärlden", der Zeitung des schwedischen Lehrerverbandes. Ob er irgendetwas Positives aus dem Dokument herauslese? "Nein, ich habe nichts gesehen."

Bei so viel Gegenwind rudert der Ausschussvorsitzende Nino Vidovic derweil zurück: Die Kommune stünde vor großen finanziellen Herausforderungen, schreibt er in einer Pressemitteilung. Die Gebäude seien alt, hätten ausgedient. Die neuen Schulgebäude müssten mindestens 50 Jahre halten, vielleicht 100. "Wie die Gesellschaft dann aussieht und welche Ansprüche dann an den Unterricht gestellt würden, können wir heute nicht wissen."

Das Dokument war nur ein erster Schritt in Richtung Zukunft, betont er. "Leider gibt es einige Formulierungen darin, die sehr unglücklich sind." Im Herbst werde er deswegen ein neues Dokument präsentieren. Eins ist sicher: Die Lehrer will er nicht mehr verbannen. Denn: "Die Lehrer sind und bleiben die wichtigste Ressource der Schulen."

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1.
tubaner 08.09.2012
Zitat von sysopCorbisEine Schule ohne Lehrer und Schüler? Kein Traum, sondern der tatsächliche Plan schwedischer Kommunalpolitiker. Der sorgt für so viel Wirbel, dass sich sogar der Bildungsminister damit befassen muss. Sein Urteil: eines der sinnlosesten Dokumente, das er je gelesen hat. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,854543,00.html
Was freue ich mich auf das Ende des Sommerlochs!
2.
Andr.e 08.09.2012
---Zitat--- "Eine Schule, die die Zukunft ist, hat keine Klassen, keinen Unterricht, keine Stufen, keine Schüler oder Lehrer. Stattdessen ist es ein unerhört komplexes Umfeld, in der Menschen sich mit sich selbst beschäftigen, ihren Ansichten und ihren Ressourcen, um den Tag reicher zu beenden als man ihn begonnen hat." ---Zitatende--- Und wenn man eine solche... Einrichtung... dann verlassen hat, entströmen einem diese Sätze. Das macht satt und froh, da bin ich mir sicher...
3. Warum
fauleoma 08.09.2012
ist dafür überhaupt eine Kommentarfunktion aufgemacht worden. Es steht ja nix drin, was eines Kommentars wert ist.
4. Skandal! Skandal???
mk84 08.09.2012
Der Artikel wirkt ziemlich konstruiert. Außerdem: Schule als Lebens- anstatt Lernort - was soll daran so abwägig sein? Ebenso kann man sich über intelligente Gebäudenutzung, dem Status "Schüler" / "Lehrer" und Bildungsziele in einer Welt im Umbruch durchaus mal so seine Gedanken machen.
5. Vor der eigenen Haustür kehren
Hugh 08.09.2012
Zitat von sysopCorbisEine Schule ohne Lehrer und Schüler? Kein Traum, sondern der tatsächliche Plan schwedischer Kommunalpolitiker. Der sorgt für so viel Wirbel, dass sich sogar der Bildungsminister damit befassen muss. Sein Urteil: eines der sinnlosesten Dokumente, das er je gelesen hat. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,854543,00.html
Also, von wegen Joint eines 68ers. Das Gras dazu hat doch die bürgerlich Regierung selbst geliefert. Sie hat nämlich die Verantwortung für die Schulen vom Schulministerium auf die Kommunen verlegt. Und so kommen eben nicht mehr alle Schwedischen Schüler in den Genuss der gleichen Bildung. Ist die Kommune arm, gibt es eben Schule für Arme. Gebäudeunterhalt, Lehrergehälter (frei verhandelbar), Lehrmaterial, alles in der Verantwortung der Kommune. Was Wunder das dann ausgerechnet Konservative Marktradikale (eben keine 68er) sparen wollen. Im übrigen ist Moderatana Teil der Schwedischen Regierungskoalition. Der Herr Minister sieht hier die Konsequenzen seiner eigenen Politik. Die sollte er dann nicht der anderen Seite (68er) in die Schuhe schieben, sondern vor der eigenen Haustür kehren.
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