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Schwedische Mädchen: Kampftrinken, um cool zu sein

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Nicht nur Jungs probieren sich gern mal am Alkohol aus. In Schweden bevölkern immer mehr junge Frauen die Ausnüchterungszellen. Mit Selbstgebranntem oder Schmuggelware treffen sie sich zum Kampftrinken - um Idole im Fernsehen zu imitieren, meinen Experten.

Lisa* konnte schon früh über ihr bisschen Taschengeld frei verfügen. Doch Alkohol ist teuer in Schweden, zu teuer für eine Elfjährige. Deswegen mopste sich Lisa den Schnaps von den Eltern. Oder sie kaufte sich Selbstgebrannten. Eine Flasche kostete damals ungefähr 70 Kronen (etwa 7,80 Euro). Den Selbstgebrannten bekam Lisa auf dieselbe Art, wie sie später die Drogen erhielt: An einer Hausecke, oder aus dem Auto.

Heute ist Lisa 19 und sitzt in einer Sofaecke im Krankenhaus Maria Ungdom. Die Turnschuhe hat sie ausgezogen, die Beine vor dem Körper angewinkelt, in den Händen einen Becher Kaffee. Vor eineinhalb Wochen hatte sie einen Rückfall. Hat getrunken, sich Amphetamine gespritzt. Sie selbst hat danach wieder bei Maria Ungdom angerufen. Schließlich will sie wirklich weg von Drogen und Alkohol.

Maria Ungdom ist eine Entzugsklinik, trotzdem fühlt sich Lisa hier wohl. Im Aufenthaltsraum klackern Billardkugeln gegeneinander, ein Junge zupft an seiner Gitarre, Licht strömt durch große Fenster, davor pastellfarbene, weich fallende Gardinen. Jugendliche bis 20 Jahre können sich an das Krankenhaus in Stockholm wenden, wenn sie Probleme mit Alkohol oder Drogen haben. Meist sind es jedoch Eltern oder Lehrer, die Hilfe suchen. Bei Lisa war es damals anders: "Die Polizei hat mich aufgesammelt, als ich mit Drogen voll war." Das war vor einem halben Jahr.

In Schweden greifen immer mehr Mädchen zur Flasche. Stefan Sparring, Oberarzt bei Maria Ungdom, spricht von einem Trendbruch: "Früher ist der Alkoholkonsum der Mädels dem der Jungs wie ein Schatten gefolgt. Heute haben die Mädchen in ihrem Konsum nicht nur aufgeholt. Jungen trinken heute weniger und Mädchen mehr." Der Alkoholkonsum von schwedischen Mädchen in der neunten Jahrgangsstufe hat sich seit 1989 verdoppelt, während Jungs seit 2000 weniger Alkohol trinken. Damit tanken die Geschlechter auf Augenhöhe: In einer aktuellen Studie des Zentralverbundes für Alkohol- und Drogenaufklärung (CAN) gaben 66 Prozent der 15-jährigen Mädchen und 64 Prozent der Jungen an, Alkohol zu konsumieren.

Wer trinkt, ist cool

Für Gudrun Persson vom Zentralamt für Gesundheits- und Sozialwesen ist diese Tendenz ein Zeichen von Überforderung. "Medien und Werbung haben einen großen Einfluss auf Mädchen. Ihnen wird ein Idealbild diktiert: Sie müssen schlank, hübsch und sexy sein. Das stresst." Zudem sei es scheinbar in Mode gekommen zu trinken und dabei würden oft Daily Soaps den Trend vorgeben: "Die coolsten Mädchen in Zeitungen und im Fernsehen trinken und rauchen." Persson hat aber auch noch einen anderen Gedanken: "Vielleicht sehen wir hier die Kehrseite von unserer Gleichstellung in Schweden. Auf Mädchen wird ein enormer Druck ausgeübt, dass sie das Gleiche machen müssen wie Jungs."

Lisa weiß gar nicht mehr genau, warum sie angefangen hat zu trinken. Sie meint, es waren wohl Probleme in der Schule. Außerdem habe niemand etwas gesagt, wenn sie und ihre beste Freunden tranken, es war irgendwie normal. Zwei bis dreimal die Woche seien sie voll gewesen. Auch die 22-jährige Sarah erinnert sich an Wettkampf-Trinken in ihrer Teeniezeit. "Manchmal gab es eine richtige Hetzjagd. Wenn man auf einer Party war, wurde man die ganze Zeit gedrängt, mehr zu trinken. Ich denke, dadurch wird Trinken zu etwas Manischem."

Ähnlich wie Lisa hat auch Sarah früher ab und an Selbstgebrannten getrunken. Manchmal hätten sie sich aber auch anders günstig Alkohol beschafft: "Auf Partys hatte immer jemand eine Telefonnummer dabei. Es waren meist Männer aus Polen oder so, die uns billig Alkohol verkauft haben." Mit diesem Beschaffungsweg sind Sarah und ihre Freunde nicht allein in Schweden: "Viele Jugendliche kaufen geschmuggelten Alkohol", erklärt Dieter Carlsson, der seit 14 Jahren als Berater bei Maria Ungdom arbeitet.

Jedes Wochenende zur Ausnüchterung

Anders in Deutschland: Ursula von Rüden von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung betont, dass in Deutschland junge Männer immer noch häufiger und mehr Alkohol trinken als junge Frauen. Sie bezieht sich dabei auf die jüngste Studie zum Alkoholkonsum von Jugendlichen in Deutschland. Daraus geht hervor, dass im Jahr 2005 14 Prozent der weiblichen und 23 Prozent der männlichen Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren regelmäßig mindestens einmal pro Woche Alkohol getrunken haben.

Sarahs Alkoholkonsum hat sich mittlerweile auf ein Normalmaß eingependelt. Sie studiert Politikwissenschaft im südschwedischen Växjö. Dreimal im Monat geht sie richtig feiern und trinkt dann gerne mal eine Flasche Wein. Für Lisa allerdings war nach dem Alkohol nicht Schluss. Mit 13 probierte sie Haschisch und Tabletten. "Ich habe das ausprobiert, weil ich neugierig war. Irgendwie war das cooler als Alkohol." Zu der Zeit hätte sie sofort aufhören können, sagt sie. Es sei kein Problem gewesen. "Aber ich wollte einfach nicht."

Lisas Eltern versuchten vergeblich, mit ihrer Tochter zu reden. Doch in Lisas Augen gab es kein Problem. Schließlich wandten sich ihre Eltern an den Sozialdienst: Sie musste die Schule wechseln und durfte ihre beste Freundin nicht mehr sehen. Das hat gewirkt. "Ich hatte ja niemanden mehr, mit dem ich hätte trinken können."

Teens mit zwei Promille

Kurz darauf hatte Lisa allerdings neue Saufkumpane gefunden. "Ich habe mir keine Gedanken gemacht. Alkohol und Drogen waren früher ja auch kein Problem für mich. Warum sollte es jetzt eins werden?" Ihre Eltern merkten nichts, schließlich vertrauten sie ihrer Tochter wieder und erlaubten ihr, abends bei Freunden zu schlafen. "Ich war einfach gut im Lügen", murmelt Lisa und schaut auf ihre zusammengepressten Hände.

Weil dieser Mechanismus bei vielen Jugendlichen funktioniert, liefern Krankenwagen und Polizei jedes Wochenende volltrunkene Teenies bei Maria Ungdom ab – manchmal nur fünf, zum Mittsommerfest können es auch 25 sein. Es kommen Jugendliche mit zwei Promille, die immer noch reden können. "Bei denen wissen wir: Die haben trainiert und so die Toleranzgrenze nach oben getrieben", erklärt Berater Carlsson.

Lisa muss dieses Mal für eine Woche bei Maria Ungdom bleiben. Morgen ist ihr letzter Tag in dem Krankenhaus. Lisa glaubt, dass sie es dieses Mal schafft. Sie möchte gern in einer betreuten Wohngemeinschaft unterkommen; denn sie ist sich bewusst, dass sie noch Hilfe braucht. Und sie weiß auch, dass sie den Kontakt zu ihren alten Freunden ganz abbrechen muss. "Das ist schwer", sagt sie leise und wendet den Blick ab.

* Namen von der Redaktion geändert

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