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Jung und schwarz in Südafrika: Das Kokosnuss-Problem

Jung und schwarz in Südafrika: Aufsteiger? Streber! Fotos
DPA

"Kokosnuss" schimpften ihre Mitschüler die ehrgeizige Südafrikanerin Chido-Vanessa, 22 - außen schwarz, innen weiß. Wer als junger Schwarzer aufsteigen will, muss am Kap mitunter mit Vorurteilen rechnen. Erfolg ist im früheren Apartheid-Staat noch immer ungleich verteilt.

Für Chido-Vanessa Dandajena war ihr Aufstieg zur Schulsprecherin auch ein herber Rückschlag. Als das schwarze Mädchen das Vertrauen ihrer Mitschüler gewann, verlor sie dafür ihren Freund. "Er fand es wie die meisten anderen nicht cool, dass ich ehrgeizig war", erzählt Chido-Vanessa.

Auf der Highschool in Johannesburg sei es immer unglaublich schwierig gewesen. Sie sei anders gewesen und viele Mitschüler hätten keine große Lust zum Lernen gehabt. Erst an der Universität Kapstadt sei alles besser geworden, aber eine Außenseiterin sei sie noch immer, sagt die 22-Jährige. Immerhin, sie kennt jetzt mehr Leute, die ähnliche Vorstellungen vom Leben hätten wie sie.

Selbst wenn das eine subjektive und verallgemeinernde Aussage ist, sehen auch Forscher und Politiker die Lage der Jugend kritisch. Der Politologe Jonathan Snyman vom South African Institute of Race Relations in Johannesburg verweist darauf, dass Kinder und Jugendliche in Südafrika "vielfach belastet" seien. Armut sei weiterhin ein Problem, das Bildungssystem vielerorts in "miserablem Zustand". Viele kämen oft hungrig in die Schulen. Fast vier Millionen junge Menschen wüchsen ohne Eltern oder nur mit einem Elternteil auf. "Vor allem, wenn es an Vorbildern fehlt, leidet oft auch die Motivation zum Lernen", so Syman.

Viele Kinder verlassen die Schule ohne Abschluss

Die Misere der öffentlichen Schulen ist auch der Regierung bekannt. "Fast 50 Prozent der 15- bis 24-jährigen sozial benachteiligten Jugendlichen in Südafrika finden nach ihrem Schulabschluss keine Arbeit", heißt es in einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Fast ein Drittel aller Kinder verlässt die Schule ohne qualifizierenden Abschluss.

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Junge Südafrikaner: Wir leben mit dem Erbe der Apartheid
Für junge Menschen wie Chido-Vanessa gibt es in Südafrika sogar einen speziellen Ausdruck, den manche als Schimpfwort verstehen: Wer etwas Besonderes leisten und aufsteigen will, der wird schnell als "Kokosnuss" beschimpft, außen schwarz, innen weiß.

Für Chido-Vanessa ist es kaum ein Trost, dass selbst die schwarze Oppositionsführerin im Parlament Lindiwe Mazibuko von Abgeordneten als "Kokosnuss" diffamiert wurde. Das Problem hätten viele, trotzdem sei es ein Tabu, sagt die Studentin. Probleme könne es schon geben, wenn sie im Taxi akzentfreies Englisch spreche. Manche Fahrer würden sich darüber lustig machen, dass sie die "Sprache der Weißen" benutze.

Im Vielvölkerstaat spielt auch fast 20 Jahre nach dem Ende des Apartheid-Systems die Hautfarbe eine enorme Rolle. Viele Schwarze, die 80 Prozent der knapp 50 Millionen Südafrikaner stellen, sehen sich nach wie vor gravierend benachteiligt, vor allem ökonomisch. Tatsächlich sind die meisten Reichen weiß, wenngleich es inzwischen zahlreiche schwarze Unternehmer und Aufsteiger gibt. Die Armut im rohstoffreichen Südafrika ist aber immer noch enorm, und sie ist vor allem schwarz.

"On the hook": Freiheit und Abgrenzung

Beinahe jeder dritte Südafrikaner lebt von staatlichen Hilfsgeldern. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 25 Prozent, die der schwarzen Jugendlichen gar bei mehr als 50 Prozent. "Eine soziale Zeitbombe", nennt das der Generalsekretär des Gewerkschaftsverbandes Cosatu, Zwelinzima Vavi.

Junge Schwarze auf Arbeitssuche erhalten oft "automatisch die miesesten Beschäftigungen", meint Chido-Vanessa. Darum könne sie ihre ehemaligen Klassenkameraden verstehen, wenn viele nicht daran glaubten, mit Fleiß und Kreativität den Weg aus dem Elend zu finden. Fatalismus paart sich mit einer gewissen Anspruchshaltung. "Sie haben das Gefühl, nach der Apartheid-Zeit stehe ihnen vieles zu, das Land schulde ihnen was." Für andere Jugendliche wiederum sei es cool, "on the hook" zu sein - ein Slangbegriff für das Leben auf der Straße, der Freiheit und Abgrenzung signalisieren soll.

Den Schlüssel für eine bessere Zukunft sehen Experten in einer Reform des Bildungssystems, auch wenn Südafrikas Schüler bislang hinterherhinken. Im jüngsten Bildungsreport des Weltwirtschaftsforums rangiert das Land bei der Qualität des naturwissenschaftlichen Unterrichts an 139. Stelle von 143 Ländern. Der Weg ist also noch lang.

Laszlo Trankovits/dpa/cht/jon

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1. In den Augen mancher Interessenten...
zensorsliebling 04.10.2013
ist Bildung und eigenständiges Denken immer noch Opium für's Volk. Wie in den USA gibt es sicher auch in RSA Branchen die mit den Losern der Gesellschaft gutes Geld verdienen. Die gehen ihnen durch sozialen Aufsteig verloren.
2. Jung und schwarz in Südafrika
cyranodemadrid 04.10.2013
In Deutschland und allen anderen EU-Staaten sind solche Zustânde: Diskriminierung, Rassismus und Verachtung, und man muss nicht dunkle Haut haben. Europa und Deutschland haben sich diesbezûglich kaum weiterentwickelt, was nûtzt soviel Bildung, Religion und Kultur?
3.
M. Michaelis 04.10.2013
Wie soll sich etwas ändern wenn alle Erfolgsfaktoren als "Weiss" diffamiert und abgelehnt werden ? Am Ende ist die Armut der schwarzen Bevölkerung inzwischen vor allem auch ein Mentalitätsproblem.
4. optional
dosmundos 04.10.2013
Hätte mich jetzt interessiert, wie eigentlich die weißen Kommillitonen der Protagonistin auf sie reagieren. Mit Futterneid? Oder eventuell sogar entspannter, als man es erwarten würde?
5.
Bluemoon 04.10.2013
ich verstehe den Artikel nicht ganz, "schwarz" sind in Südafrika die afrikanische Ur-Bevölkerung, Chido-Vanessa und die meisten anderen hier im Artikel genannten sind aber eindeutig "colored", also Mischlinge. (klingt im Deutschen komisch, sie bezeichnen sich aber selber so...) Vielleicht sollten die Autoren sich erst einmal mit der Geschichte und den Realitäten von SA auseinandersetzen, bevor sie so einen Artikel schreiben. Vielleicht haben die "Bunten" in SA ja wirklich ein Identitätsproblem, dass sie weder weiss noch schwarz sind, aber diesen Aspekt beleuchtet ja der Artikel in keinster Weise.
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