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Spähattacke auf US-Schüler: "Als wäre ein Spanner in unserem Haus"

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Zwei Schulen in Pennsylvania stehen unter Spitzelei-Verdacht: Sie hatten an 2300 Schüler Laptops verteilt. Dann wurden aus der Ferne die integrierten Webcams eingeschaltet - ohne Wissen der Jugendlichen und Eltern. Datenschützer schäumen vor Zorn, das FBI ermittelt.

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Spion & Spion: Schulen mit 2300 Augen
Wenn die Vorwürfe zutreffen, ist es ein haarsträubender Fall: Über in Laptops eingebaute Webcams sollen Schulen im US-Bundesstaat Pennsylvania Schüler bespitzelt haben - und weder die Jugendlichen noch ihre Eltern wussten überhaupt, dass die Kameras aus der Ferne aktiviert werden konnten. Datenschützer sprechen bereits von einem beispiellosen Eindringen in die Privatsphäre.

Der Ärger im Schulbezirk Lower Merion begann, als die stellvertretende Leiterin der Harriton High School Blake Robbins, 15, im November ins Büro bestellte, ihn mit einem Foto konfrontierte und ihm "unangemessenes Verhalten" vorwarf. Sie wertete das Bild als Beweis, dass der Schüler mit Drogen handele - "was überhaupt nicht stimmt", wie der Jugendliche einem Fernsehsender sagte. Seine Familie erklärte, die Vizerektorin habe einen harmlosen Bonbon für eine Tablette gehalten.

Aber das war nur der Auftakt zu einem Zwist, der nun immer größere Kreise zieht. Was Eltern und Schüler in dem vornehmen Stadtteil von Philadelphia wütend macht: Die Schule hatte offenbar die Webcam des Computers aus der Ferne eingeschaltet und damit den Schüler überwacht. "Ich hätte niemals gedacht, dass man so etwas bei mir daheim machen könnte", sagte Blake Robbins. "Das war ein Eindringen in die Privatsphäre", empörte sich seine Mutter Holly Robbins. "Ich glaube nicht, dass die Schule das Recht hat, Kameras im Zuhause der Kinder, in ihren Schlafzimmer zu platzieren. Als ob ein Spanner in unserem Haus wäre. Ich schicke meinen Sohn in die Schule, damit er was lernt - und nicht, um ausspioniert zu werden."

Wie die Aktion "Laptops für alle" ins Desaster führte

Die Eltern Holly und Michael Robbins haben die Harriton High School verklagt. Bundesstaatsanwälte verlangen inzwischen von der Schulbehörde die Herausgabe von Dokumenten, um Licht in die Sache zu bringen, wie der "Philadelphia Inquirer" am Samstag berichtete. Die lokale Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, außerdem die US-Bundespolizei FBI wegen möglicher Datenschutzverstöße.

Dass solche Turbulenzen folgen könnten, hatte wohl niemand geahnt, als zwei Schulen in Lower Merion 2300 Laptops ausgaben, Marke Apple, Webcam inklusive. Der schöne Plan: Die Schüler sollten aktiv lernen, ihre Leistungen verbessern, den Umgang mit der Technologie üben. "Es gibt Kids in ärmeren Gegenden, die weniger Geld zur Verfügung haben als andere", sagte Victoria DiMedio, frühere Leiterin der Laptop-Initiative - und genau darum sei es gegangen: "Kindern eine Chance zu geben."

Die Laptops haben serienmäßig eine Kamera an Bord, mit der man filmen oder Fotos schießen kann. Und diese Kameras lassen sich aus der Ferne aktivieren. Ungewöhnlich ist das nicht: In den meisten Computern ermöglicht das Betriebssystem bei entsprechenden Einstellungen den Zugriff auch von einem externen PC aus, etwa zu Wartungszwecken oder zum Datenaustausch in einem Netzwerk. Hacker können über derartige Schnittstellen aber auch Passwörter stehlen - und Laptops mit eingebauten Kameras und Mikrofonen wie Abhörgeräte benutzt werden.

Das teilten die beiden Schulen aber den Schülern und ihren Eltern nie mit, auch nicht in den Verträgen zur Überlassung der tragbaren Computer. Die Fernsteuerungsmöglichkeit der Kamera erfüllte nach Auffassung des Schulbezirks einen sinnvollen Zweck: Mit der Sicherheitsfunktion wollte man geklaute oder verschollene Geräte wiederfinden. Verschwindet ein Laptop, macht man aus der Ferne ein Foto der Umgebung, zudem wird die IP-Adresse übermittelt - so das Kalkül. Und das sollten wohl besser nicht alle wissen, denn sonst wären mögliche Diebe ja gewarnt gewesen.

"Abscheuliche Verletzung der Privatsphäre"

"Dieser Hinweis hätte gegeben werden müssen, und wir bedauern, dass dies nicht passiert ist", sagte Schulbezirkssprecher Doug Young, "das war ein schwerer Fehler." Die Webcam aus der Ferne einschalten könnten allerdings lediglich zwei Administratoren - und auch sie nur, um vermisste Geräte aufzufinden, so Young weiter. Dies könne auch dann passiert sein, wenn ein Schüler den Laptop entgegen den Vorschriften mit nach Hause genommen habe. In den vergangenen 14 Monaten seien 42 Mal Webcams aktiviert worden. Aber nie, um jemanden auszuspionieren, beteuerte Young. Seit Donnerstag sei die "Sicherheitsfunktion" ausgeschaltet. Schulbezirksleiter Christopher McGinley sagte, es seien nie Videos, sondern lediglich Schnappschüsse aufgenommen worden.

Die Familie Robbins wiederum beteuert, sie habe den Laptop nie als vermisst oder gestohlen gemeldet - also habe es auch keinen Grund gegeben, die Kamera zu aktivieren. Auch andere Eltern wundern sich über die Idee der Schulbehörde, verschollene Computer auf diesem Weg aufzuspüren. "Sollen sie doch einen Chip einbauen", sagte Eileen Lake, die drei Kinder auf Schulen des Bezirks hat, dem "Philadelphia Inquirer". "Web-Cams sollten für diesen Zweck nicht benutzt werden."

Nicht nur Eltern fielen aus allen Wolken, auch US-Datenschützer sind erschüttert. "Wenn die Anschuldigung wahr ist, wäre das eine abscheuliche Verletzung der individuellen Privatsphäre", sagte Lillie Coney vom Informationszentrum für elektronischen Datenschutz in Washington dem "Inquirer". Marc Rotenberg, Direktor des Datenschutz-Instituts Electronic Privacy Information Center, sprach von einem der "unerhörtesten Fälle von Verletzung der Privatsphäre, von dem ich je gehört habe. Kein Mensch denkt natürlich im entferntesten an die Möglichkeit, dass Schulbezirke ihre Schüler verdeckt und aus der Ferne beobachten."

Der Bürgerrechtler Witold Walczak ergänzte, die Computer vieler Teenager stünden in ihrem Schlafzimmer. "Es ist genau das Alter, in dem Jugendliche ihre Sexualität entdecken, in ihren Zimmern ist allerhand los", sagte Walczak - "das ist Futter für Kinderpornos."

Mit Material von apn und dpa

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