Sportunterricht in Schweden: Junge? Mädchen? Egal!

Von

Geschlechtsneutrale Schulkabine: Eine für alle Fotos
Olof Tydén

Gehöre ich zu den Jungen oder zu den Mädchen? Schüler sollen nicht jedes Mal ihr Geschlecht definieren, wenn sie in die Umkleide gehen, fand die schwedische Schülerin Camille Trombetti. Sie kämpfte erfolgreich für eine geschlechtsneutrale Kabine - vor allem für Transsexuelle.

Normalerweise ist es in der Schule ja so: Jungen gehen in die Männerumkleide, Mädchen in die Frauenumkleide. Dazwischen gibt es meist eine Kabine für Lehrer. Jene, die nicht wissen, ob sie eher Mann sind oder Frau, müssen trotzdem eine der beiden Türen wählen. Das findet die schwedische Schülerin Camille Trombetti, 18, nicht in Ordnung. Sie sagt: Schüler, Schülerinnen und die, die sich da nicht sicher seien, sollten nicht jedes Mal ihr Geschlecht definieren müssen, wenn sie zum Sport gingen. Darum brauche ihre Schule eine geschlechtsneutrale Umkleide.

Es passt, dass diese Idee aus Schweden kommt. Und auch, dass sie am Stockholmer Gymnasium Södra Latin ersonnen wurde. Die Schule im hippen Stadtteil Södermalm lief schon bei der schwedischen Ausgabe des Christopher-Street-Day mit. Im Dezember interpretierten die Schüler das Lucia-Fest neu: Dabei singt normalerweise ein Mädchen, gern blond und weiß gewandet und mit Kerzenkranz auf dem Kopf. Jungs sind an dem Tag allenfalls Sternsinger (Stjärngossar) oder Pfefferkuchenmännchen.

Nicht so am Södra Latin: "Die Tradition, dass biologische Jungen Stjärngossar sind und biologische Mädchen Lucia oder Jungfern sein sollen, passt unserer Meinung nach nicht mit Schweden im Jahr 2012 überein und ist rückständig", erklärten Schüler auf der Schul-Webseite. Darüber ein Foto einiger Schüler: männliche Lucias in weißem Gewand, mit Kranz und Kerze.

Bloggerin fragt: Brauchen wir die "Hen-Toilette"?

Auch das neue schwedische Wort "hen" verwenden Lehrer und Schüler an diesem Gymnasium schon. Hen ist geschlechtsneutral, anders als hon (sie) und han (er), 2009 wurde es in die Nationalenzyklopädie aufgenommen, über Sinn und Unsinn des Wortes diskutierten die Schweden anschließend heftig. Schüleraktivistin Trombetti sagte dazu dem Sender "Sveriges Radio": "Wir ermuntern Lehrer, das geschlechtsneutrale Pronomen zu verwenden, wenn es nötig ist, beispielsweise in Schulaufgaben."

Den Vorschlag, eine geschlechtsneutrale Kabine einzurichten, habe die HBTQ-Vereinigung an ihrem Gymnasium im Herbst gemacht, sagt Trombetti. HBTQ steht für homosexuell, bisexuell, transsexuell und queersexuell. Die Schülervertretung unterstützte den Vorschlag. Der Rektor habe den dritten Umkleideraum als Selbstverständlichkeit angesehen, sagte Trombetti.

Der Raum soll am 6. Mai eingeweiht werden, berichtet "Dagens Nyheter", er ist groß genug für ein bis zwei Personen, an der Tür eine Mischung aus dem Frauen- und Männersymbol, Kreis, Pfeil und Kreuz. Camille Trombetti ist stolz auf ihre Schule, an der es nur positive Reaktionen gegeben habe. Wie schon beim Vorstoß zur geschlechtsneutralen Formulierung "hen" gab es aber auch kritische Stimmen. Die junge Bloggerin Isabella Löwengrip beispielsweise schrieb, der Stockholmer Umkleidenplan sei ein "verlängerter Aprilscherz". Und sie fragte: Brauchen wir bald eine eigene "Hen-Toilette"? Geht es nach Trombetti und ihren Mitstreitern, könnte das durchaus sein. Für den Moment sei sie zufrieden, erklärte die Schülerin, fügte aber hinzu: Der Geschlechterkampf geht weiter.


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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 182 Beiträge
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1.
John.Moredread 30.04.2013
Finde ich toll :) . Ich habe nur die Befürchtung, das es hier nicht ganz so gut ankommt und mit Begriffen aus der Bibel oder Pseudointellektuellen Moralvorstellungen verteufelt wird. Aber ich lasse mich gerne positiv überraschen.
2. Na prima....
volker19611 30.04.2013
von der absolut notwendigen Gleichberechtigungsdebatte zum absoluten Nonsens. Geschafft. Und jetzt natürlich auch bei den Leistungsbewertungen nur noch eine Unisexliste für die Noten. Warum sollen denn Fauen besser bewertet werden als Männner bei Laufen, Werfen oder Gewichtheben ? Ziel erreicht.
3. man kann es auch so weit treiben, dass heteros...
sok1950 30.04.2013
Man kann es auch so weit treiben, dass heteros sich dafür entschuldigen müssen, nicht homo/lesbisch zu sein. PS: Als Jugendlicher wäre ich sicher gern in die Hen-Umkleide gegangen. Ein reales nacktes Mädchen (oder in Unterwäsche) anzusehen war als Jugendlicher schon was - egal, ob das Mädchen dort sich als Junge fühlt oder nicht.
4. Und Geschlechtslose...
pfalzkapelle 30.04.2013
Die dritte Umkleide gibt es für Personen, die sich keinem Geschlecht zuordnen können. Also, wenn jemand gar kein Geschlecht hat, darf der diese Umkleide benutzen oder braucht der dann eine eigene Umkleide. Und sie sieht es dann mit Personen aus, die eindeutig ein Geschlecht haben, dieses aber nicht ausüben können? Wird nicht gerade durch die dritte Umkleide nicht das Problem verschärft statt gelöst. Der Mensch jetzt gerade heraus gefordert, sich für ein Geschlecht zu entscheiden... Es liegt also gar keine Problemlösung vor, sondern nur der Zwang, noch mehr Umkleideräume zu schaffen... Wenn wir nicht aufpassen, haben wir bald religiöse Umkleideräume zusätzlich für bestimmte Religionsgruppen, weil absehbar das auch sehr "hip" ist. Wie hat das Obelix so treffend gesagt: "Die spinnen, die Römer" (aus: Asterix und der Kupferkessel, müsste Bd. 13 sein).
5. optional
EinJemand 30.04.2013
Ist nicht die Kabinen-Trennung an sich schon ein Zeichen verklemmter Sexual-Moral? Und andersherum, vielleicht gibt es auch Leute, die sich so oder so garnicht unbedingt vor anderen umkleiden wollen. Ist in der Pubertät tatsächlich nicht so unwahrscheinlich. Diese 3-er Konstellation mit neuem "neutralen" Raum ist ja sowieso auch wieder diskriminierend. Wenn ich mich nun als vollwertige Frau fühle, aber pre-Op, warum sollte ich dann in einen Spezialraum abgekanzelt werden? Nur wegen den paar Zentimetern, die noch unten rum baumeln, weil ich noch am Geld für die Op spare? Das würde bedeuten, die Leute akzeptieren immer noch nicht, das pre-Op-Leute sich wirklich anders fühlen -- denn dann sollte man sie ja auch beim entsprechenden Geschlecht duschen lassen.
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Transsexualität
Was ist Transsexualität?
Bei Transsexuellen stimmt das Geschlecht, mit dem sie zur Welt gekommen sind, nicht mit dem gefühlten Geschlecht überein. Betroffene sagen häufig, sie seien im falschen Körper geboren.

Warum manche Menschen transsexuell sind, ist noch nicht vollständig erforscht. Neuere Studien zum Thema vermuten, dass bestimmte Hormone ein Auslöser für Transsexualität sein könnten.

Wie viele transsexuelle Menschen gibt es?
Die Zahl der Transsexuellen in Deutschland kann man nur auf Basis der ärztlich behandelten Fälle schätzen. Experten gehen bundesweit von 5000 bis 7000 solcher Fälle aus. Viele Betroffenen trauen sich jedoch nicht, zum Arzt zu gehen und schweigen über ihre Gefühle.

Für transsexuelle Kinder und Jugendliche ist eine Schätzung noch schwieriger, weil sich viele Transsexuelle erst im Erwachsenenalter outen. Hormonspezialist Achim Wüsthof hält bundesweit gut 100 behandelte Fälle von Kindern und Jugendlichen für realistisch.

Wie sieht die Behandlung aus?
Zunächst müssen zwei so genannte Genderspezialisten in einem psychologischen Gutachten die Diagnose stellen, dass ein Jugendlicher transsexuell ist. Erst danach kann eine Hormonbehandlung beginnen – zuerst mit Pubertätshemmern, nach etwa einem Jahr kommen geschlechtsspezifische Hormone Testosteron oder Östrogen dazu.

Bei Minderjährigen ist bei allen Schritten das Einverständnis der Eltern zwingend notwendig. Für eine Geschlechts-OP empfehlen die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, dass der Patient 18 ist. In Einzelfällen können Psychologen aber auch eine frühere OP anordnen.

Welche Risiken gibt es bei der Behandlung?
Nicht alles, was während der Hormonbehandlung mit dem Körper geschieht, ist ohne weiteres wieder umkehrbar. Betroffene machen deshalb vor ihrer Entscheidung häufig einen so genannten Alltagstest, um auszuprobieren wie gut sie in der Rolle des anderen Geschlechts leben. Sie probieren dann aus, wie es ist, wenn sie sich in der Rolle des anderen Geschlechts mit Freunden und Familie treffen oder zur Arbeit gehen. Der Test ist keine Pflicht, soll aber helfen, weitere Therapiemaßnahmen an das eigene Sozialleben anzupassen.

Außerdem wichtig: Nach einer Geschlechtsumwandlung können die Betroffenen keine eigenen Kinder bekommen.

Anlaufstellen für betroffene Jugendliche
Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.
Psychologische Beratung und Betreuung
Sulzbacher Str. 43
90489 Nürnberg
Tel.: 0911/520 921 8
www.dgti.org

Dr. Achim Wüsthof
Endokrinologikum Hamburg
Lornsenstr. 4-6
22767 Hamburg
www.endokrinologikum.com



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