Streit um deutsche Schule in Indien: Unterricht als Geschäftsmodell
Kaum ausgebildete Lehrer, selbst ausgestellte Zertifikate, Geschäftemacherei: Die Vorwürfe von Eltern gegen die Deutsche Schule im indischen Chennai wiegen schwer. Doch anstatt auf die Kritiker einzugehen, liefert sich die Schulleitung mit ihnen einen eigenwilligen Streit.
Es gebe da diese Weltkarte, auf der alle deutschen Auslandsschulen verzeichnet seien. 140 Punkte auf allen Erdteilen, jene Schulen, in denen der Unterricht auch auf Deutsch stattfindet und deren Abschlüsse in Deutschland anerkannt sind.
In Chennai, im Südosten von Indien, stecke eine deutsche Fahne. Wenn man sie herausnehme, sehe man allerdings: Eine solche Schule gibt es in Chennai nicht. Wer aber nur einen flüchtigen Blick auf die Karte werfe, denke das Gegenteil: dass auch die Deutsche Schule in Chennai zu den vielen, oft renommierten Schulen gehört.
Die Karte mit den Fähnchen hängt in einer Einrichtung, die sich Deutsche Schule Chennai nennt. So erzählen es Menschen, die dort ein- und ausgehen. Die Karte steht für die Vorwürfe, die mehrere Eltern derzeit erheben: Die Schule sei mehr Schein als Sein. "Das ist ein auf Gewinn orientiertes Unternehmen, das horrende Schulgelder kassiert, aber keine vernünftigen Lehrer einstellt", sagt Jörn Wildner, Vater von zwei Kindern.
Konflikte zwischen Eltern und Schulbetreibern gibt es immer wieder, überall auf der Welt. Oft ist es schwer, als Außenstehender die Konfliktlinien zu überblicken. Der Streit im indischen Chennai jedoch geht in seiner Heftigkeit weit über das übliche Maß hinaus. Viele Eltern und die Schulleitung stehen sich unversöhnlich gegenüber.
Wie gut sind die Lehrer ausgebildet?
Der Ärger beginnt, nachdem im Frühjahr eine Grundschullehrerin die Schule verlässt. "Mit ihr waren wir sehr zufrieden, auch die Kinder mochten sie", erzählt Wildner. "Aber nun schauten wir uns an, wer sonst noch an der Schule arbeitete. Und wir stellten fest: Das sind überwiegend Leute, die kein Staatsexamen haben. Sogar eine Übersetzerin und ein Mann mit Wirtschaftsabschluss unterrichten die Kinder, Leute, die keine Pädagogen sind."
Das alles, sagt eine Mutter, sei schlimm genug. "Aber dass wir dafür noch mehr als 13.000 Euro im Jahr Schulgeld pro Kind zahlen, ist ein Skandal." Die Gebühren an anderen Auslandsschulen seien zwar vergleichbar hoch, aber die seien von Deutschland anerkannt. In Chennai liege dagegen allein die einmalige Anmeldegebühr inzwischen bei fast 6000 Euro - vor zwei Jahren waren noch etwa 1200 Euro fällig. "Man hat den Eindruck, dass es hier in erster Linie ums Geld geht, nicht um das Wohl unserer Kinder", sagt die Mutter. Andere berichten, sie fühlten sich "übers Ohr gehauen" und "ausgenommen".
Keine Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden
Tatsächlich ist die Schule in Chennai anders als andere deutsche Schulen im Ausland. Träger ist hier kein Verein, keine Stiftung, sondern alleinige Gesellschafterin ist die Schulleiterin Melanie Rolf. Die im Oktober 2009 im indischen Handelsregister eingetragene und im Januar 2010 eröffnete Schule unterliegt keiner deutschen Aufsicht. Eine Zusammenarbeit mit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) wurde von der Schule selbst aufgekündigt. Warum?
Schulleiterin Rolf schreibt per E-Mail auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, zwei ZfA-Berater selbst hätten empfohlen, "den weiteren Aufbau der Schule ohne eine Anbindung an die ZfA vorzunehmen, da dies auf Grund der zuweilen sehr behäbigen behördlichen Struktur unserem Anspruch auf eine zeitnahe Berücksichtigung von neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Lehre nicht gerecht werden könne".
Stattdessen wirbt die Schule damit, "Modellschule" eines Unternehmens mit dem Namen "Supreme International Education" (SIE) zu sein, das im Franchise-System Lizenzen für Privatschulen vergibt. Der SIE-Homepage zufolge geht es um ein "Geschäftsmodell, das funktioniert, wenn Sie es (richtig) leben". Weiter heißt es: "Deutschland, das Land der Dichter und Denker, ist ein Synonym für höchste Qualität in unterschiedlichsten Bereichen. Dieses Alleinstellungsmerkmal resultiert aus der Tatsache des Bildungsvorsprungs. Kein Fortschritt ohne Bildung."
Doch die Firma hat ihren Sitz nicht in Deutschland, sondern in Singapur. Berater des Unternehmens ist Thomas Pallushek, bis vor einem Monat noch gemeinsam mit Melanie Rolf Mitgesellschafter der Schule in Chennai. Zuvor war er auch Geschäftsführer des SIE-Vorläufer-Unternehmens, das wiederum in Berlin gegründet worden war. In dem Schulgebäude in Chennai, berichten Eltern, hingen SIE-Zertifikate, die die Qualität der Schule bescheinigten. "Das ist, als würde man sich selbst Zeugnisse ausstellen", sagt ein Vater.
"Eltern dürfen den Schulcampus nicht betreten"
Als Jörg Wildner und weitere Eltern beginnen, die Qualifikation der Lehrer zu hinterfragen, legen Rolf und Pallushek den Eltern einen Vertragszusatz vor. Sie sollen jetzt unterschreiben, dass sie sich mit der "Philosophie, dem Lehrplan und der Schulordnung" auseinandergesetzt haben und allem zustimmen. Die Ordnung sieht vor: "Eltern sollen ihre Kinder bis zum Schulgelände begleiten. Sie dürfen den Schulcampus nicht betreten."
Einige fragen dennoch weiter - und berichten, dass sich daraufhin die Schulleitung an deren deutsche Arbeitgeber gewandt und sie dort als im "kulturellen Kontext Indiens" ungeeignet dargestellt habe. Rolf bezeichnet das als "unwahr". Ein Mailverkehr belegt jedoch, dass es Kommunikation zwischen ihr und einer Personalabteilung gegeben hat, in der sie Streitigkeiten mit den Eltern beschreibt.
"Offensichtlich wollte man, dass wir nicht weiter nachforschen oder dass wir gar auf die Idee kommen, das Schulgeld zurückzuverlangen, für das in der Regel unsere Arbeitgeber aufkommen, die uns nach Indien entsenden", sagt ein Vater, der wie die meisten Eltern namentlich nicht genannt werden möchte. Deutsche Unternehmen wie BMW, Daimler und Bosch sowie mehrere mittelständische Unternehmen, die Vertretungen in Chennai haben, empfehlen ihren Mitarbeitern inzwischen, ihre Kinder an die Amerikanische Schule zu schicken.
Mehrere Eltern nehmen ihre Kinder von der Deutschen Schule, die Familie Wildner erhält Hausverbot, weil Jörg Wildner kritische E-Mails in Kopie auch an andere Eltern geschickt hat. Die Schulleitung erkennt darin die Absicht, dem "Unternehmen" zu schaden, wie Thomas Pallushek in einer E-Mail am 29. August schreibt. Jetzt sind nur noch acht Kinder an der Schule und 20 im Kindergarten.
Jörg Wildner veröffentlicht seine Kritik an Schule und Schulleitung nun auf einer Webseite. Die allerdings formuliert er so scharf, dass andere Eltern sagen, er habe zwar in der Sache Recht, vergreife sich aber im Ton. Die Schulleiter wehren sich und verlangen über deutsche Rechtsanwälte, er möge Behauptungen wie die, dass es sich bei der Deutschen Schule in Chennai nicht um eine Schule handele und dass keine "richtigen" Lehrer dort arbeiteten, unterlassen. Doch Wilder schert sich nicht darum.
Die Schulleitung erstattet bei der Polizei in Chennai Anzeige gegen ihn. Es gehe Wildner, schreibt Schulleiterin Rolf in einer weiteren E-Mail, "nicht um eine sachliche Auseinandersetzung, sondern um einen Eingriff auf den eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb". Sie wirft ihm vor, auf seiner Webseite die Qualifikationen einer Lehrerin zu deren Ungunsten gefälscht zu haben. Das wiederum weist Wildner zurück, er behauptet, die Schule habe die eigene Homepage zugunsten der Lehrerin geändert.
Die Schulleiterin schreibt, die an ihrer Schule Beschäftigten seien - "abgesehen von einer einzelnen Lehrkraft" - zum staatlich geprüften Erzieher qualifiziert oder verfügten über "eine vergleichbare pädagogische Qualifizierung gemäß des deutschen Standards". Die Schule bemühe sich derzeit darum, den britischen Standard "International GCSE" bis zum Ende des Jahres zuerkannt zu bekommen. Außerdem sei ein nahtloser Schulübergang bei einer Rückkehr nach Deutschland möglich, da der Thüringer Lehrplan strikt eingehalten werde.
"Deutsche Schule" wird das Unternehmen wohl auch weiterhin heißen. Denn ob deutsche Aufsicht oder nicht, laut Kultusministerkonferenz ist "deutsche Schule" kein rechtlich geschützter Begriff. Und da es weltweit einen Bedarf an deutschen Schulen gibt, werden private Lösungen grundsätzlich gerne gesehen. Ob sie dann mit den deutschen Behörden zusammenarbeiten, ist eine andere Sache.
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