Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kinder in Syrien: "Auf dem Weg zur Schule riskieren sie ihr Leben"

Von Louisa Schmidt

Syrien: Fünf Jahre Kind Fotos
REUTERS

Sie wollen lernen, um später ein besseres Leben zu haben. Doch Schüler in Syrien müssen immer wieder in den Keller - wegen der Luftangriffe. Drei Pädagogen berichten vom Unterricht im Krieg.

Manche haben nie eine Schule von innen gesehen. Oder sie mussten so oft von Ort zu Ort fliehen, dass sie ganze Schuljahre verpasst haben. In Syrien gehen laut Unicef mehr als zwei Millionen Kinder nicht mehr zur Schule. Das ist fast die Hälfte aller Schulpflichtigen. Etwa 6000 Schulen sind zerstört, dienen als Herberge für Flüchtlinge oder sind von Bewaffneten besetzt, heißt es in einer Studie der Vereinten Nationen.

Es gibt auch nur noch wenige, die die Schüler unterrichten können: Bis Anfang 2015 waren schon 52.000 Lehrer geflohen. Von den verbliebenen arbeiten in den Rebellengebieten viele ehrenamtlich. Dort haben lokale Regierungen das Bildungssystem übernommen und bieten eigene Abschlüsse an, die von der Regierung von Baschar al-Assad aber nicht anerkannt werden. Auch die Kurden im Norden organisieren Schulen selbst, hier wird auf Kurdisch unterrichtet.

Besonders hart trifft es die Schüler, die unter der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) leben. Kinder lernen dort Zählen mit Bildern von Handgranaten und Gewehren, im Englischunterricht pauken sie Wörter wie Märtyrer, Bombe und Scharfschütze: Der IS hat für Schüler in den von ihm kontrollierten Gebieten eigene Schulbücher drucken lassen. Fächer wie Kunst, Musik und Geschichte sind laut Dschihadismus-Forscher Aymenn Jawad al-Tamimi vom Stundenplan verbannt.

Doch auch im Rest des Landes ist der Schulalltag mühsam und gefährlich. Wie ist Unterricht überhaupt noch möglich? Drei Männer berichten.

Abu Bassam, 50, ist Lehrer in der umkämpften Stadt Aleppo:

Die Schulklasse von Abu Bassam in Aleppo Zur Großansicht
Abu Bassam

Die Schulklasse von Abu Bassam in Aleppo

"Wir haben unsere Schule im Krieg aufgemacht, weil die richtigen Schulen zerstört waren. Wir sind jetzt schon zum dritten Mal umgezogen, diesmal in eine verlassene Wohnung. Die Klassenzimmer sind zu klein, zu dunkel und werden nicht richtig beheizt, und es gibt keinen Platz zum Spielen. Aber den meisten Kindern ist die Schule sehr wichtig. Sie ärgern sich, wenn wir wegen der Luftangriffe den Unterricht unterbrechen müssen.

2014 wurde unsere Schule von einer Bombe getroffen und zerstört. Danach wollten einige Kinder nicht mehr zum Unterricht kommen. Ein Mädchen hatte so große Angst, sie haben wir zu Hause besucht, ihr Spielzeug und Süßigkeiten gebracht. Jetzt kommt sie wieder.

Manche Kinder wollen in der Pause Krieg spielen oder islamistische Kampflieder singen. Das ist das Ergebnis der Realität, in der wir leben. Wir versuchen, sie für andere Spiele zu begeistern und malen oder basteln mit ihnen."

Abdulsattar Sharaf, 32, koordiniert sechs Schulen in Irbin, einem Vorort von Damaskus, der von Rebellen kontrolliert wird:

Grundschulklasse in Irbin Zur Großansicht
Abdulsattar Sharaf

Grundschulklasse in Irbin

"Wegen der Bombenangriffe konnte das Schuljahr erst einen Monat später als geplant starten. Wir unterrichten jetzt nur noch in Kellern, da sind wir sicher. Wenn wir Flugzeuge am Himmel sehen, dürfen die Schüler nicht raus. Viele sind traumatisiert. Ein Mädchen hat seine Hand verloren und spricht seither nur noch mit dem Lehrer. Andere verhalten sich aggressiv, ein paar haben Messer zum Unterricht mitgebracht. Die Lehrer kontrollieren deshalb jetzt alle Taschen.

Die meisten Kinder wollen aber unbedingt zur Schule gehen. Sie wollen lesen und schreiben lernen, um später Arzt, Maler oder Ingenieur zu werden. Aber nach der Grundschule sieht es schlecht aus. Es gibt nur wenige weiterführende Schulen, und manche Kinder müssen arbeiten, um ihre Familien zu ernähren.

Irbin war fast komplett abgeschnitten von der Außenwelt, aber jetzt gibt es wieder Strom, auch Stifte und Schulranzen kann man kriegen. Allerdings brauchen wir unbedingt mehr Bücher."

Bartholomeus Vrolijk leitet die Bildungsprogramme von Unicef in Syrien:

"Vor Kurzem habe ich eine unserer Fertigbauschulen in Aleppo besucht. Ein Mädchen sagte, es habe große Angst vor Scharfschützen. Auf dem Weg zur Schule schießen sie aus Gebäuden und manchmal liegen Patronenhülsen auf dem Schulhof. Wir haben deshalb jetzt eine Mauer um die Schule gebaut.

In Damaskus läuft es besser, aber die Schulen sind überfüllt. Eine Schule im Vorort Jaramana wird von 3500 Schülern besucht. 80 Prozent sind Flüchtlinge aus anderen Regionen Syriens.

Die Kinder wollen lernen. Sie gehen zur Schule, auch wenn sie auf dem Weg dorthin ihr Leben riskieren. Manche nehmen weite und gefährliche Wege auf sich, um die Abschlussprüfungen der Assad-Regierung schreiben zu können. Eine Neuntklässlerin ist vierzehn Stunden mit dem Taxi nach Hama gereist, um dort ihr Examen zu schreiben, auf dem Weg wurde sie mehrmals von bewaffneten Gruppen gestoppt.

Während der Waffenruhe haben wir Schulsachen in Gegenden gebracht, die wir vorher schwer erreichen konnten. Manche Schüler sind aber immer noch von Hilfslieferungen abgeschnitten."

Im Video: Der schwere Alltag für Schulkinder in Syrien

REUTERS

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks