Aus Istanbul berichten Markus Flohr und Maximilian Popp
Ohne Atatürk lässt sich in der Türkei nichts machen, keine Schule und auch keine Politik: Alle Parteien berufen sich auf ihn, gerade die rechten - und das immer noch mächtige Militär. Die Türkei ist ein Land, mag es scheinen, von Atatürks Gnaden.
Allein die Regierungspartei schert aus. Seit 2002 an der Macht, bemüht sich die islamisch-konservative AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan um eine neue Politik. Zwar distanziert sich auch Erdogan nicht öffentlich vom Idol seiner Landsleute, aber ein neuer Kurs ist erkennbar: Als erster Regierungschef hat er die Macht der kemalistischen Generäle begrenzt. Gerade sie verstehen sich als Erben des Staatsgründers.
Auch an den Schulen ändert sich seitdem vieles, wenngleich nur langsam. Die AKP hat das Bildungsbudget aufgestockt, das Schulsystem dezentralisiert, die Lehrpläne im Sinne der EU reformiert. "Wir sind heute im Unterricht freier, als wir es noch vor fünf Jahren waren", sagt Azad Türkmen.
Die alte Staatselite - Professoren, Richter, Offiziere - werfen Erdogan vor, die Prinzipien des Kemalismus zu verraten. Schlimmer noch: das Land zu islamisieren. Das alte Establishment reklamiert dabei den Republikgründer gern politisch für sich. Nie wird die Opposition müde, vor der "geheimen islamistischen Agenda" der AKP zu warnen.
Schluckimpfung gegen islamischen Fundamentalismus?
"Ohne Atatürk hätten wir hier längst die Scharia", sagt auch Sila Hacilar. Die Direktorin der Firuzaga-Gesamtschule ist keine glühende Nationalistin. Aber sie sieht den Kemalismus als das kleinere Übel, als Schluckimpfung gegen den islamischen Fundamentalismus, der die Frauen wieder unter das Kopftuch zwinge und die Jungs in die Moschee.
Zu Unrecht, findet Harry Tzimitras, Politikprofessor an der liberalen Istanbuler Bilgi Universität: "Atatürk würde sich im Grab umdrehen, wüsste er, welche Leute heute in seinem Namen sprechen." Tatsächlich sei nicht die Religion verantwortlich für fehlende Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der Türkei - sondern die alten nationalistischen Dogmen: die Glorifizierung Atatürks, die beherrschende Rolle des Militärs, überbordender Nationalstolz.
Seinen Anfang nimmt das alles in der türkischen Grundschule. Sie verpflichtet die Kinder auf einen politischen Personenkult, der ihnen Atatürk zu einem Vater neben ihrem eigenen Vater werden lässt.
"Es ist gefährlich, schon Kinder mit nationalistischer Propaganda zu vergiften", sagt Harry Tzimitras. Atatürk habe sich als Staatsmann um die Türkei verdient gemacht und sei ein Modernisierer gewesen, sogar ein Freiheitskämpfer. Aber er sei eben auch zum Diktator geworden, der den Türken eine neue Kultur und Erziehung verordnete, der Gegner verfolgen und hinrichten ließ. Davon freilich sei in türkischen Schulbüchern nichts zu lesen.
"Atatürk ist Gott"
Viele Lehrer sind die Indoktrination leid. Manche sagen es nur hinter vorgehaltener Hand, aber sie wünschen sich mehr Offenheit an den Schulen, mehr Pluralismus, eben "mehr Wissenschaft, weniger Atatürk", wie Azad Türkmen es sagt. Die alten Eliten im Ministerium und in den Behörden indes wehren sich gegen jede Reform. Sie fürchten um Macht und Privilegien. "Atatürk zu kritisieren, ist in der Türkei unvorstellbar", sagt der Lehrer. "Wir fragen die Kinder: 'Wer ist Atatürk?' Und sie sagen: 'Atatürk ist Gott'."
Die Glocke läutet das Wochenende ein. Die Schüler packen ihre Taschen, laufen raus auf den Schulhof, sie raufen sich und flirten ein wenig - "und was machst du morgen?" Aber erst stellen sie sich noch auf dem Hof in ordentlichen Reihen auf. Sie schauen auf zu einem gemauerten Podest, auf dem eine Fahne an einem Mast weht, daneben blickt sie eine Büste des großen Atatürk aus Gold getünchten Augen grimmig an.
Der zweite Schulleiter nimmt ein Mikro, geht vor der Büste auf und ab und wünscht allen ein gutes Wochenende. Dann stehen alle wie auf Kommando still: Rektor, Lehrer, Schüler. Ein Lautsprecher knarzt, ein feuriger Militärmarsch brummt über den Hof. Die Schüler posieren wie Soldaten, die Hände an die Oberschenkel gedrückt, den Blick auf die Büste. Und sie singen vom großen Volk der Türken, von seinem Führer Mustafa Kemal.
Nach wenigen Minuten ist der Spuk vorbei - endlich Wochenende. Ein Fußball rollt aus Reihe zwei. Kindergeschrei brandet auf. Alle laufen vom Hof, ab nach Hause.
*Name von der Redaktion geändert
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