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Türkische Schulen "Wir erklären sogar den Dreisatz mit Atatürk"

2. Teil: Alle berufen sich auf das türkische Idol

Ohne Atatürk lässt sich in der Türkei nichts machen, keine Schule und auch keine Politik: Alle Parteien berufen sich auf ihn, gerade die rechten - und das immer noch mächtige Militär. Die Türkei ist ein Land, mag es scheinen, von Atatürks Gnaden.

Allein die Regierungspartei schert aus. Seit 2002 an der Macht, bemüht sich die islamisch-konservative AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan um eine neue Politik. Zwar distanziert sich auch Erdogan nicht öffentlich vom Idol seiner Landsleute, aber ein neuer Kurs ist erkennbar: Als erster Regierungschef hat er die Macht der kemalistischen Generäle begrenzt. Gerade sie verstehen sich als Erben des Staatsgründers.

Auch an den Schulen ändert sich seitdem vieles, wenngleich nur langsam. Die AKP hat das Bildungsbudget aufgestockt, das Schulsystem dezentralisiert, die Lehrpläne im Sinne der EU reformiert. "Wir sind heute im Unterricht freier, als wir es noch vor fünf Jahren waren", sagt Azad Türkmen.

Die alte Staatselite - Professoren, Richter, Offiziere - werfen Erdogan vor, die Prinzipien des Kemalismus zu verraten. Schlimmer noch: das Land zu islamisieren. Das alte Establishment reklamiert dabei den Republikgründer gern politisch für sich. Nie wird die Opposition müde, vor der "geheimen islamistischen Agenda" der AKP zu warnen.

Schluckimpfung gegen islamischen Fundamentalismus?

"Ohne Atatürk hätten wir hier längst die Scharia", sagt auch Sila Hacilar. Die Direktorin der Firuzaga-Gesamtschule ist keine glühende Nationalistin. Aber sie sieht den Kemalismus als das kleinere Übel, als Schluckimpfung gegen den islamischen Fundamentalismus, der die Frauen wieder unter das Kopftuch zwinge und die Jungs in die Moschee.

Zu Unrecht, findet Harry Tzimitras, Politikprofessor an der liberalen Istanbuler Bilgi Universität: "Atatürk würde sich im Grab umdrehen, wüsste er, welche Leute heute in seinem Namen sprechen." Tatsächlich sei nicht die Religion verantwortlich für fehlende Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der Türkei - sondern die alten nationalistischen Dogmen: die Glorifizierung Atatürks, die beherrschende Rolle des Militärs, überbordender Nationalstolz.

Seinen Anfang nimmt das alles in der türkischen Grundschule. Sie verpflichtet die Kinder auf einen politischen Personenkult, der ihnen Atatürk zu einem Vater neben ihrem eigenen Vater werden lässt.

"Es ist gefährlich, schon Kinder mit nationalistischer Propaganda zu vergiften", sagt Harry Tzimitras. Atatürk habe sich als Staatsmann um die Türkei verdient gemacht und sei ein Modernisierer gewesen, sogar ein Freiheitskämpfer. Aber er sei eben auch zum Diktator geworden, der den Türken eine neue Kultur und Erziehung verordnete, der Gegner verfolgen und hinrichten ließ. Davon freilich sei in türkischen Schulbüchern nichts zu lesen.

"Atatürk ist Gott"

Viele Lehrer sind die Indoktrination leid. Manche sagen es nur hinter vorgehaltener Hand, aber sie wünschen sich mehr Offenheit an den Schulen, mehr Pluralismus, eben "mehr Wissenschaft, weniger Atatürk", wie Azad Türkmen es sagt. Die alten Eliten im Ministerium und in den Behörden indes wehren sich gegen jede Reform. Sie fürchten um Macht und Privilegien. "Atatürk zu kritisieren, ist in der Türkei unvorstellbar", sagt der Lehrer. "Wir fragen die Kinder: 'Wer ist Atatürk?' Und sie sagen: 'Atatürk ist Gott'."

Die Glocke läutet das Wochenende ein. Die Schüler packen ihre Taschen, laufen raus auf den Schulhof, sie raufen sich und flirten ein wenig - "und was machst du morgen?" Aber erst stellen sie sich noch auf dem Hof in ordentlichen Reihen auf. Sie schauen auf zu einem gemauerten Podest, auf dem eine Fahne an einem Mast weht, daneben blickt sie eine Büste des großen Atatürk aus Gold getünchten Augen grimmig an.

Der zweite Schulleiter nimmt ein Mikro, geht vor der Büste auf und ab und wünscht allen ein gutes Wochenende. Dann stehen alle wie auf Kommando still: Rektor, Lehrer, Schüler. Ein Lautsprecher knarzt, ein feuriger Militärmarsch brummt über den Hof. Die Schüler posieren wie Soldaten, die Hände an die Oberschenkel gedrückt, den Blick auf die Büste. Und sie singen vom großen Volk der Türken, von seinem Führer Mustafa Kemal.

Nach wenigen Minuten ist der Spuk vorbei - endlich Wochenende. Ein Fußball rollt aus Reihe zwei. Kindergeschrei brandet auf. Alle laufen vom Hof, ab nach Hause.

*Name von der Redaktion geändert

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insgesamt 189 Beiträge
adsum 07.02.2010
Freilich wäre es besser, wenn es gar keine Indoktrinationen gäbe. Kritische demokratische freidenkende gebildete kluge Türken sind mir allemals lieber. Und diese gibt es ja auch zu Hauf. Freilich ist der übersteigende extreme [...]
Zitat von sysopIn der Schule lernen Kinder lesen, rechnen, schreiben. In der Türkei lernen sie außerdem: Staatsgründer Atatürk bedingungslos zu lieben. Sie können seinen Lebenslauf auswendig und singen seine Kampflieder - als Schutz gegen den Islamismus, sagen Befürworter. Die Kritiker leiden unter der Indoktrination. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,675820,00.html
Freilich wäre es besser, wenn es gar keine Indoktrinationen gäbe. Kritische demokratische freidenkende gebildete kluge Türken sind mir allemals lieber. Und diese gibt es ja auch zu Hauf. Freilich ist der übersteigende extreme Nationalismus auch manchmal nervig, aber ein gesunder Patriotismus wäre in Ordnung. Ja! Vielleicht werden die Türken auch einmal Fussballweltmeister. Der Jubel wäre unbeschreiblich! :-)) Islamistische klerikale Fanatiker mit ihrem theologischen Ansatz, die Welt zu islamisieren, haben leider schon viel zu viele Verbrechen begangen. Islamisten, die hilflos wimmernden Geiseln die Köpfe abschneiden und Ungläubige und Falschgläubige vernichten wollen, den Tod mehr lieben als das Leben, sollen und werden keine Zukunft haben, da sind mir selbst Nationalisten noch lieber, solange sie nicht zu Faschisten mutieren!!! Freilich haben es die Türken auch nicht leicht mit verbrecherischen Hinterwäldlern in manchen Gegenden zusammenleben zu müssen, die ein 16jähriges Mädchen lebendig begraben haben, bloß weil sie mit Männern gesprochen haben soll. Für solche Typen wünschte ich manchmal emotional die Hinrichtung als Abschreckung, aber sei es drum die Menschenrechte sind höherwertiger.
larsg 07.02.2010
Das ist nicht so schnell zu bewaeltigen, die Vergoetterung eines Nationalheiligen, der davor schuetzt sich mit tagesaktuellen und historisch gewachsenen Problemen auseinanderzusetzen. Und es ist Ausdruck einer tiefen [...]
Das ist nicht so schnell zu bewaeltigen, die Vergoetterung eines Nationalheiligen, der davor schuetzt sich mit tagesaktuellen und historisch gewachsenen Problemen auseinanderzusetzen. Und es ist Ausdruck einer tiefen Verunsicherung. Es ist so etwas wie ein Nationalismus, der sich gegen die Nation richtet - die gluehendsten Anhaenger der Projektionflaeche Mustafa Kemal sind ja keinesfalls zutiefst von der Ueberlegenheit des Tuerkischen ueberzeugt (so wie man es bei z.B. deutschen Nationalisten oft ansehen muss), sondern leiden eher unter einem Verfolgungswahn, der sich darin ausdrueckt, dass Atatuerk immer als Beschuetzer der tuerkischen Nation gegen das tuerkische Volk herhalten muss. In diesem Sinne laesst sich das Phaenomen schwer fassen. Nichtsdestotrotz darf man von jedem denkenden Menschen erwarten, dass es auffallen sollte, dass keiner derjenigen, die sich bei allem und jedem auf den Staatsgruender berufen, diesen um seine Meinung gefragt hat - immerhin lebt der seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr. Und somit ist auch die Indoktrinierung von Schuelern durchschaubar als nichts anderes, als der Versuch das Entwickeln von eigenstaendigen Persoenlichkeiten zu verhindern. Was eigentlich nicht die Aufgabe einer Schule im 21. Jahrhundert ist und letztlich den Staat und seine Institutionen schwaecht. Es bleibt zu hoffen, dass die Antwort der Schuelergeneration nicht eine voellige Abkehr von der einstmals reformistischen Idee der tuerkischen Republik ist, sondern einfach nur ein Bedeutungsverlust derjenigen unter der politischen Elite, die selber nichts ueberzeugendes beisteuern konnten und nur mit Personenkult ueber eigenes Versagen hinwegtaeuschen koennen. Man sollte nicht unterschaetzen, dass auch die Tuerkei tief vernetzt ist in die europaeischen Zusammenhaenge, die Schueler nicht isoliert in der Schule indoktriniert werden, und der Anachronismus mehr als offensichtlich ist. Und da es sich um ein demoskopisch junges Land handelt, wird man es auch nicht ewig an die Vergangenheit fesseln koennen. Es ist gut, dass dieses Thema einmal aufgegriffen wird - es ist nur angebracht auf die Anachronismen hinzuweisen, die leider von vielen gut gebildeten und sich fuer modern haltenden Menschen nicht hinterfragt werden, obwohl ihre Falschheit so offensichtlich ist. Wer die Grundlagen der Aufklaerung gelernt hat, wer in der Schule das Handwerkszeug zur kritischen Analyse beigebracht bekommen hat, ist auch verantwortlich dafuer diese einzusetzen.
heinrichp 07.02.2010
Weder nationalistische noch religiöse Regierungen helfen der Türkei weiter. http://translate.google.de/translate?hl=de&langpair=en|de&u=http://en.wikipedia.org/wiki/Turkish_nationalism Die beste Lösung wäre eine [...]
Zitat von sysopIn der Schule lernen Kinder lesen, rechnen, schreiben. In der Türkei lernen sie außerdem: Staatsgründer Atatürk bedingungslos zu lieben. Sie können seinen Lebenslauf auswendig und singen seine Kampflieder - als Schutz gegen den Islamismus, sagen Befürworter. Die Kritiker leiden unter der Indoktrination. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,675820,00.html
Weder nationalistische noch religiöse Regierungen helfen der Türkei weiter. http://translate.google.de/translate?hl=de&langpair=en|de&u=http://en.wikipedia.org/wiki/Turkish_nationalism Die beste Lösung wäre eine direkte Demokratie auch für uns in Deutschland. Die Demokratie existiert nur dann wirklich, wenn alle, die die Gemeinschaft ausmachen, ihre innersten Wünsche frei und kollektiv, in der Autonomie ihrer persönlichen Sehnsüchte und in der Solidarität ihrer Koexistenz mit anderen, äußern können und wenn es ihnen gelingt, das, was sie als den individuellen und kollektiven Sinn ihres Daseins erkennen, in Institutionen und Gesetze zu verwandeln. Jean Ziegler Jean Ziegler: Mann müsse die Revolution, um das "einzig ursprüngliche, dem Menschen kraft seiner Menschheit zustehende Recht" (Kant) noch einmal von vorn beginnen. Um das Recht auf Glück, auf Würde, auf Freiheit und Nahrung zu erkämpfen. "Denn zwischen der planetarischen sozialen Gerechtigkeit und der Feudalmacht, welche sie auch sein mag, ist der Krieg permanent und der Widerspruch radikal"
fuzuli 07.02.2010
Um über M. K. Atatürk schreiben zu können, muss man Atatürk kennen, sonst schreibt man wie die Verfasser dieses Artikels nur Käse. Übrigens Herr Flohr und Herr Popp, was sie zum Schluss ihres Artikels „Militärmarsch“ nennen, [...]
Zitat von sysopIn der Schule lernen Kinder lesen, rechnen, schreiben. In der Türkei lernen sie außerdem: Staatsgründer Atatürk bedingungslos zu lieben. Sie können seinen Lebenslauf auswendig und singen seine Kampflieder - als Schutz gegen den Islamismus, sagen Befürworter. Die Kritiker leiden unter der Indoktrination. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,675820,00.html
Um über M. K. Atatürk schreiben zu können, muss man Atatürk kennen, sonst schreibt man wie die Verfasser dieses Artikels nur Käse. Übrigens Herr Flohr und Herr Popp, was sie zum Schluss ihres Artikels „Militärmarsch“ nennen, ist unsere Nationalhymne, mit der die Schüler in der Türkei Montagsmorgens die Schulen öffnen und Freitags die Schule beenden. Tja, aus Istanbul über die Türken berichten, aber keine Ahnung über die Türkei besitzen.
Mockingbird 07.02.2010
Wer ein paar Amerikanische Zeitungscomics liest, erinnert sich vielleicht an den Aufruhr, der entstand, als Stephen Pastis einem gezeichneten Llama über 2-3 Folgen seines Strips "Pearls Before Swine" den Namen [...]
Wer ein paar Amerikanische Zeitungscomics liest, erinnert sich vielleicht an den Aufruhr, der entstand, als Stephen Pastis einem gezeichneten Llama über 2-3 Folgen seines Strips "Pearls Before Swine" den Namen "Atatürk" gab. Die Reaktion stand der islamistischen Reaktion auf die Mohammed-Karikaturen in nichts nach -- nur war sie eben auf Türkische Staatsangehörige beschränkt. Seitdem ich die Todesdrohungen, die Arroganz, die nicht abreißen wollenden Beschwerden (die Sache ist Jahre her) gesehen habe, bin ich überzeugt, dass Mustafa Kemal im Grabe aus dem rotieren gar nicht mehr herauskommt. Sein Land hat mehrheitlich keine Silbe von dem verstanden, was er wollte; den Wunsch nach einem modernen, weltlichen Staat hat man nicht weiter verfolgt -- sondern den Islam durch einen ebenso fanatisch verfolgten Personenkult ersetzt. Ja, Atatürk=Gott kommt wohl hin. Es würde ja helfen wenn den Leuten mal klar würde, dass sie Atatürk praktisch jeden Tag ins Gesicht spucken, wenn dieser Kult betrieben wird. Aber wer das behauptet, wird ohne nachzudenken wie ein Ketzer behandelt. Kurz: da ist inzwischen Hopfen und Malz verloren.
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