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Flüchtlingskinder aus der Ostukraine: "Ich habe Angst, meine Mutter zu verlieren"

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Flüchtlingskinder aus der Ostukraine: "Ich wünsche mir, dass unser altes Haus von Luhansk nach Kiew transportiert wird" Fotos
Kilian Foerster

Im Frühjahr 2014 begann in ihrer Heimat der Krieg: Mehr als eine Million Menschen flohen aus der Ostukraine, darunter viele Kinder und Jugendliche. Der Fotograf Kilian Foerster hat einige porträtiert und von ihrem neuen Leben in Kiew erzählen lassen.

Hier können sie endlich wieder spielen, tanzen, singen, malen, Sport machen und Ausflüge unternehmen, ohne Angst haben zu müssen vor Bomben und Gewalt. Viele Kinder, die vor dem Krieg in der Ostukraine geflohen sind, leben jetzt in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Der Fotograf Kilian Foerster hat im August Sommercamps in Kiew besucht, wo die Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 17 Jahren in den Schulferien tagsüber betreut werden.

Foerster sprach mit den Kindern und porträtierte sie. Er stellte ihnen die gleichen Fragen, die er auch schon Kindern in Flüchtlingscamps in Syrien und im Irak gestellt hatte, wie zum Beispiel: Wo kommst du her? Wie verbringst du deinen Tag? Was sind deine Ängste, deine Träume, deine Ziele? Die Schüler erzählten dem Fotografen viel - von ihrem früheren Leben in der Heimat und von der Flucht, die häufig Familien auseinandergerissen hat. Einige der Kinder wohnen seither nur noch mit einem Elternteil zusammen und wissen nicht, wann sie ihren Vater oder ihre Mutter wiedersehen.

Die Nichtregierungsorganisation IDMC (Internal Displacement Monitoring Centre) geht davon aus, dass rund 1,4 Millionen Menschen innerhalb der Ukraine geflohen sind. Diese Binnenflüchtlinge stammen aus den Krisengebieten auf der Halbinsel Krim sowie aus der Ostukraine und haben sich zumeist in Kiew und im Westen des Landes in Sicherheit gebracht. Schätzungsweise Hunderttausende weitere Menschen flohen nach Russland. "Viele Menschen wurden gar nicht registriert, auch weil sie bei Freunden und Bekannten untergekommen sind", sagt Fotograf Foerster. "Deshalb gibt es keine verlässlichen Zahlen."

Der Krieg in der Ukraine zwischen prorussischen Separatisten und der Armee der Regierung in Kiew dauert seit Frühjahr 2014 an. Nach Uno-Angaben wurden fast 8000 Menschen getötet. Die prorussischen Separatisten kontrollieren seither Gebiete um Donezk und Luhansk. Russland wird vorgeworfen, die Rebellen in der Ostukraine mit Waffen und Kämpfern zu unterstützen, was Moskau jedoch zurückweist.

Für die Ostukraine wurde in diesem Sommer eine neue Waffenruhe vereinbart, sie gilt seit dem 1. September. Zudem wird wieder verhandelt: Zum ersten Mal seit ihrem Gipfeltreffen im weißrussischen Minsk im Februar kamen am vergangenen Freitag die Staats- und Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, Russland und der Ukraine in Paris zusammen, um über die Lage in der Ukraine zu beraten.

Ob es zu einer dauerhaften friedlichen Lösung kommt, ist jedoch weiterhin unklar. Und damit auch, ob die Flüchtlingskinder bald in ihre Heimatorte zurückkehren können.

Die Camps in Kiew, in denen einige von ihnen ihren Sommer verbringen, werden von Ehrenamtlichen - in der Regel auch Binnenflüchtlingen aus der Kriegszone im Osten - geleitet. Das Camp im Zentrum von Kiew ist sehr einfach ausgestattet, berichtet Foerster: Ein paar Container, Zelte, Tische und Stühle. "Von staatlicher Seite bekommen diese Camps so gut wie keine Unterstützung, sondern sind nur auf Spenden von Privatpersonen aus dem In- und Ausland angewiesen", so der Fotograf.

Zur Person
Kilian Foerster, Jahrgang 1970, Fotograf aus Hamburg, hat gemerkt, dass ihn die typischen Frontbilder der Kriegsfotografie nur noch selten berühren. Deshalb fotografiert er lieber in der zweiten Reihe: Seine "Kindergeschichten aus dem Irak und aus Syrien" sind auch auf seiner Homepage www.kilianfoerster.de zu finden.
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Kilian Foerster

Nastya, elf Jahre:

"Ich komme aus Donezk. Vor einem halben Jahr sind meine Eltern mit mir und meiner Großmutter nach Kiew gegangen, meine ältere Schwester lebte schon hier. Ich habe nur Klamotten mitgenommen, mein Kopfkissen und meinen Teddybären. Als wir ankamen, war es für mich zuerst schwierig, weil mich neue Geräusche erschreckt haben. Hier im Zentrum gefällt es mir aber, es ist ruhig, und es wird nicht geschossen. Und ich kann glücklicherweise gut schlafen, das ging in Donezk manchmal wegen der Schüsse überhaupt nicht. Ich habe mir dann immer die Ohren mit meinem Kopfkissen zugehalten. Ich erzähle nicht gern vom Krieg, weil ich dann oft anfange zu weinen und an unser Haus denken muss, das ausgebrannt ist und an eine Familie, die getötet wurde. Mit meinen neuen Freunden hier habe ich deshalb vereinbart, dass wir über alles sprechen - nur nicht über den Krieg."

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Kilian Foerster

Glieb, 15 Jahre:

"Vor 15 Monaten bin ich mit meinem Vater und einem Bruder nach Kiew gekommen, meine Mutter und mein kleiner Bruder blieben in unserer Heimat Luhansk. Mein Vater sagte, es sei besser wegzugehen, und zuerst dachten wir nur an ein paar Monate, aber jetzt sind wir immer noch hier. Jeden Tag spreche ich über Skype mit meiner Mutter und sie sagt, dass es ihr gut geht und dass sie Angst hat, aus Luhansk fortzugehen, aber ich weiß nicht, warum. Ich vermisse auch meine alten Tanztrainer. Wir haben über soziale Netzwerke Kontakt und ich bekomme mit, dass sie weitermachen mit dem Training und den Wettbewerben, obwohl viele Kinder fortgegangen sind. Ich habe hier auch jeden Tag Tanztraining und möchte später als Choreograf oder Theatertrainer arbeiten."

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Kilian Foerster

Varvara, 14 Jahre:

"Ich habe keine Geschwister und meine Eltern haben sich getrennt. Am 17. Mai 2014 kam ich mit meiner Mutter aus Luhansk nach Kiew - für ein paar Wochen, dachte ich. Als der Krieg in unserer Heimat anfing, ging meine Mutter gerade für eine Arbeit nach Polen, ich war bei einer Kollegin von ihr in Kiew untergebracht. Als sie zurückkam, ging der Krieg im Osten richtig los, also blieben wir hier. Mir fehlt mein altes Zimmer und mein Meerschweinchen, das ich an einen Freund verschenkt habe. Zu meinen Freunden von früher habe ich kaum noch Kontakt, da viele anfingen, über Politik zu schreiben, und das gefiel mir nicht. Meine Mutter hat mir auch geraten, in sozialen Netzwerken vorsichtig zu sein mit politischen Äußerungen. Ich habe ein Projekt gegründet für Flüchtlingskinder, es heißt 'Alle Kinder haben ein freundliches Herz'. Eine Freundin hilft mir dabei, und wir sammeln Kleider, Bücher, Stifte und Schulhefte. Wenn jemand etwas spenden möchte, kann er es zum Büro von Vostok-SOS bringen."

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Kilian Foerster

Illya, 14 Jahre (Bruder von Olesya):

"Als die Bombardements begannen, waren wir gerade in unserer Datscha und meine Eltern haben schnell entschieden, dass wir weggehen. Ich habe mein E-Book, meine Kopfhörer, mein Telefon und Kleider mitgenommen. Wir haben Kontakt zu unseren Verwandten in Makijiwka und sie sagen, dass alles so weit in Ordnung ist und ich zurückkommen kann, aber meine Mutter sagt Nein. Ich gehe jetzt in Kiew zur Schule, aber ich habe keine Freunde. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht richtig akzeptiert werde, weil ich nicht so viele neue und teure Sachen besitze wie die anderen in der Klasse. Nach der Schule gehe ich nach Hause, mache meine Hausaufgaben, schaue ein bisschen Fernsehen und verbringe die Zeit am Computer. Ich verschwinde dann aus der realen Welt. Seit zwei Wochen träume ich davon, dass wir wieder heißes Wasser in der Dusche haben, da es abgestellt wurde. Später möchte ich ein Mensch sein, der arbeitet."

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Kilian Foerster

Olesya, elf Jahre (Schwester von Illya):

"Ich weiß noch, wie wir an Illyas Geburtstag in der Datscha meiner Großmutter waren und plötzlich fiel nachts etwas herunter, und die Datscha wackelte. Wir waren sofort hellwach und gingen in den Keller. Ungefähr 15 Minuten blieben wir dort, und als die Bombardements aufhörten, konnten wir natürlich nicht mehr schlafen. Am nächsten Tag kehrten wir zurück in unser Haus und packten unsere Sachen. Meine Mutter überlegte, wohin wir gehen könnten. Wir sind dann zuerst in ein Café und auf der Straße haben wir Panzer gesehen, die mit ihren Ketten den Asphalt der Straße zerstörten. Wir fuhren zuerst nach Mariupol, haben dort auch eine eigene Wohnung gefunden, und ich bin zur Schule gegangen. Am 5. September 2014 fingen dort aber auch die Bombardements an, da war ich gerade in der Schule. Ich rief meine Mutter an und sie sagte: 'Ich packe unsere Sachen, ich hole dich von der Schule ab, und wir gehen weg.' Als meine Mutter mit uns während der Bombardements nach Hause lief, sagte sie uns, dass wir uns auf den Boden legen sollten, wenn irgendetwas passiert. Seit November haben wir eine Wohnung in Kiew und gehen hier zur Schule. Ich habe früher gern Basketball gespielt, aber hier habe ich keine Möglichkeit. Ich würde gern zurückgehen und meinen alten Basketball noch holen, den ich so liebe und vermisse."

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Kilian Foerster

Nastia, zehn Jahre:

"Seit einem Jahr bin ich mit meinen Eltern und meiner Großmutter in Kiew. Vorher lebten wir in Luhansk und dort habe ich viel vom Krieg mitbekommen. Zum Beispiel war ich mit einer Freundin Eis essen, als plötzlich ein Flugzeug auftauchte und Bomben abwarf. Wir sind dann schnell nach Hause gelaufen und später haben wir das Flugzeug im Bahnhofsbereich entdeckt, wo es abgeschossen worden war. Das hat uns Angst gemacht. Nachdem meine Großmutter gesehen hatte, wie jemand aus einem Auto heraus so lange auf ihr Nachbarhaus geschossen hat, bis es zerstört war, haben meine Eltern beschlossen, dass wir fliehen. Ich hatte zwei Hunde und drei Katzen, es war aber unmöglich, sie mitzunehmen. Mein Kater ist nun ein Straßenkater, vielleicht lebt er überhaupt nicht mehr. Während der Zugfahrt begannen dann die Bombardements. Meine Großmutter hat sich über mich gelegt, und als auch Raketen auf den Zug gefeuert wurden, sind wir aus dem Zug geflüchtet und haben uns unter Bäume gelegt. Jetzt gehe ich in Kiew zur Schule und alles ist gut. Ich tanze und singe gerne. Wenn wir elf Jahre alt sind, möchte ich mit meinen Freundinnen auf der Straße Hip-Hop tanzen. Und später würde ich gern zum Militär, wie meine Mutter, die beim Geheimdienst gearbeitet hat. Mein Vater wollte aber nicht, dass meine Mutter dort arbeitet und jetzt hilft sie ihm bei seiner Arbeit in der Werbung."

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Kilian Foerster

Ilona, acht Jahre:

"Als ich vor ungefähr einem Jahr mit meinem älteren Bruder, meinen Eltern und meiner Großmutter aus Donezk nach Kiew geflohen bin, war in unserer Heimat noch nicht wirklich Krieg, aber es wurde gesagt, dass es bald losgeht - und meine Eltern hatten Angst vor dem Krieg. Wir sind mit dem Auto nach Kiew gefahren, was einfach war. Jetzt habe ich hier in der Schule viele Freunde, in Donezk dafür keine mehr. Ich wäre froh, wenn der Krieg vorbei wäre und alle Familien wieder zusammen sein können. Wir werden jedoch wahrscheinlich in Kiew bleiben. Ich habe Angst davor, dass meine Familie auseinanderbricht. Mein Wunsch ist es, dass jeder seine Familie wiedersieht und -findet. Zu Hause male ich sehr viel für mich selbst und möchte später Malerin werden."

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Kilian Foerster

Vlad, elf Jahre:

"Ich lebe seit einem Jahr mit meiner Großmutter in Kiew. Geschwister habe ich nicht, meine Eltern leben getrennt: Meine Mutter in Donezk und mein Vater in Slowjansk. Als der Krieg begann, bekamen sie Angst um mich, wir haben meine Kleider zusammengepackt, und ich bin mit dem Bus von Donezk nach Kiew gefahren. Meine Mutter hat mich schon einmal hier besucht, aber mein Vater telefoniert nur mit mir. Wenn ich mit ihnen spreche, sagen sie, dass bei ihnen alles so weit in Ordnung ist. Als ich hierher kam, dachte ich, es wäre nur für zwei bis drei Monate. Ich möchte gern wieder zurück und habe Angst, meine Mutter zu verlieren. Ich wünsche mir nur, dass der Krieg aufhört, dann wäre ich glücklich."

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Kilian Foerster

Sofia, 12 Jahre:

"Ich habe noch zwei Schwestern, eine lebt in Deutschland, die andere in den USA. Anfang Mai 2014 sind meine Eltern, meine Großmutter, mein Bruder und ich aus Luhansk nach Kiew gegangen, wo ich jetzt die Schule besuche. Bevor wir weg sind, kamen nachts schon die Kampfflugzeuge. In der Schule sagte man uns, wir sollten zu Hause bleiben, in den Klassenzimmern sei es zu gefährlich. Nachdem wir dann von Luftangriffen geweckt worden waren, packten wir unsere Sachen. Mein Vater und ich fuhren mit dem Auto, meine Mutter und mein Bruder nahmen den Zug - wir hatten so viele Sachen eingepackt, dass im Auto kein Platz mehr war. In meiner neuen Schule in Kiew habe ich die gleichen Fächer wie früher, außer russische Literatur und Choreografie. Meine Lieblingsfächer sind Geografie und Mathe. Über mein altes Leben in Luhansk spreche ich mit den Mädchen, aber nicht mit den Jungen. Wir werden wahrscheinlich erst zurückgehen, wenn dort alles mit dem Krieg aufgehört hat. Ich würde mich sehr freuen, wenn unser altes Haus von Luhansk nach Kiew transportiert werden könnte und auch unser Hund, auf den jetzt die Nachbarn aufpassen. Ich denke auch oft an meine alten Freunde. Die haben sich an die Bomben gewöhnt, für sie ist es jetzt normal."

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Kilian Foerster

Lisa, neun Jahre:

"Als ich im Sommer 2014 mit meinen Eltern und meinem Bruder aus Donezk wegging, habe ich nur wenig mitgenommen. Die meisten Sachen, die wir dabeihatten, waren von meinem kleinen Bruder. Vorher hatte ich einmal in der Nähe unseres Hauses Schüsse gehört, mehr habe ich von dem Krieg nicht mitbekommen. Jetzt besuche ich in Kiew die vierte Klasse. Früher hatte ich in der Schule Ukrainisch und Russisch, jetzt lerne ich nur noch Ukrainisch. Nach der Schule spiele ich mit meinem Bruder und ich habe hier im Sommercamp für Kinderflüchtlinge auch neue Freunde gefunden. Eigentlich fehlt mir nur meine Großmutter, sie besucht uns aber bald für einen Monat in Kiew."

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Kilian Foerster

Katia, 16 Jahre:

"Direkt habe ich von dem Krieg nicht viel mitbekommen, da mein Vater uns sofort aus dem Kampfgebiet rausgebracht hat. Zuerst fuhren wir zu unserer Datscha, aber als dort auch geschossen wurde, flüchteten meine Mutter, mein Cousin und ich im September 2014 nach Kiew. Meine ältere Schwester wohnte damals schon hier. Mein Vater blieb in Donezk, wir sprechen über Skype oder Telefon mit ihm und er sagt, dass es in Donezk gefährlich ist und Nahrungsmittel fehlen. Wir haben Angst, dass ihm etwas passiert. Er möchte auch gern zu uns kommen, aber das ist teuer und schwierig. Ich wäre sehr glücklich, wenn mein Vater und zwei Freundinnen aus Donezk auch nach Kiew kommen würden, ich vermisse sie sehr und habe sie schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Ich habe Angst, dass der Krieg immer weitergeht und ich nicht mehr in unser altes Haus zurück kann und meinen Vater und meine Großeltern nicht wiedersehe. Später möchte ich die Uni besuchen, einen Beruf ausüben und einen Mann haben, der mich liebt und Kinder bekommen."

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Kilian Foerster

Polina, elf Jahre:

"Meine Mutter hat mich zu meiner Großmutter gebracht, als in Luhansk die Schießereien anfingen. Aber dort wurde auch geschossen. Mein Großvater hat dann Zugfahrkarten für meine Großmutter und mich besorgt, und wir sind direkt nach Kiew gefahren. Zuerst kamen wir bei meiner Tante und meinem kleinen Cousin unter. Dann kamen meine Mutter und mein Großvater nach, später auch, als es immer schlimmer wurde in Luhansk, auch mein Vater. Weil meine Mutter schwanger ist, suchten wir uns eine eigene kleine Wohnung. Ich träume oft von meinem zukünftigen kleinen Bruder und wäre froh, wenn wir unsere alte Wohnung wieder hätten. Dort hatte ich mein eigenes Zimmer, hier leben wir zu viert in einem Raum und alles ist provisorisch und gebraucht. Aber ich weiß nicht, ob wir jemals zurückgehen. Ich habe hier schon neue Freunde, und ein Schulfreund von früher besucht die Parallelklasse. Mein Wunsch? Nur Frieden."

Majida, 9 Jahre:

"Ich habe zwei Schwestern, fünf Brüder und meine Eltern. Wir kommen aus einem Dorf in den Sindschar-Bergen. IS-Kämpfer haben uns im Schlaf angegriffen. Wir sind sofort weggerannt, ich habe nur die Kleider mitgenommen, die ich anhatte und unsere Ausweise. Zehn Tage verbrachten wir in den Bergen, mit sehr wenig zu trinken. Auch Essen gab es kaum, wir hatten nur trockenes Brot.

Zu Fuß sind wir dann in Richtung Syrien abgestiegen, von dort hat uns ein LKW nach Kurdistan gebracht, jetzt sind wir seit zwei Monaten hier im Camp.

Tagsüber spiele ich mit Freunden und habe Unterricht in einem Zelt. Ich vermisse mein altes Dorf und mein Schaf, das ich zurücklassen musste. Nachts träume ich auch manchmal von dem IS. Später möchte ich Ärztin werden."

Hawas, 14 Jahre:

"Meine drei Brüder und meine Cousine wurden von IS-Kämpfern entführt. Wir sind in die Berge geflüchtet, ich habe gesehen, wie sie auf uns geschossen haben. Seit vier Monaten lebe ich nun mit meinen Eltern und meiner Schwester in diesem Camp.

Früher war ich in der neunten Klasse, hier gehe ich nicht zur Schule, tagsüber mache ich kaum etwas. Manchmal laufe ich nur rum und spreche mit anderen über unsere Heimat, die Sindschar-Berge. Es gibt nichts, was mich wirklich glücklich macht, meine Brüder und mein Zuhause fehlen mir. Auch nachts träume ich von meinen Geschwistern, mein größter Wunsch ist es, sie wiederzusehen.

Später möchte ich Arzt werden. Ich möchte mich noch für die humanitäre Hilfe bedanken, die wir erhalten haben."

Qasim, 15 Jahre:

"Mein Vater wurde vom IS ermordet. Und meine Mutter, meine zwei Brüder und meine Verwandten wurden entführt. Ich bin allein hier im Flüchtlingslager.

Tagsüber geht es mir nicht gut, da ich immer an meine Familie denken muss. Wenn ich meine Mutter wiedersehen könnte, dann wäre ich glücklich. Ich träume jede Nacht, ich sehe dann meine Mutter und meine Brüder und sehe mich, wie ich zurückgehe in die Sindschar-Berge."

Irakisches Flüchtlingslager in Kurdistan, Nordirak: Hier hat der Hamburger Fotograf Kilian Foerster die Kinder für seine Reportage gefunden. Foerster berichtet: "Die Zelte sind auf den Sommer ausgerichtet, im Winter regnet es viel, dann verwandelt sich der Boden in eine Schlammlandschaft."

Wiam, 10 Jahre:

"Seit zwei Monaten lebe ich mit meinen drei Brüdern, meinen zwei Schwestern und meinen Eltern hier im Camp. Wir haben nichts von daheim mitgenommen. Zuerst waren wir vier Tage im Gebirge, dort war es sehr gefährlich. Ich habe unter Bäumen geschlafen, und wir hatten nur wenig Wasser zu trinken. Mit Autos wurden wir schließlich nach Kurdistan gebracht.

Mein Lieblingsfach in der Schule war früher Arabisch, jetzt habe ich keine Schule mehr. Es soll aber bald wieder eine im Camp aufgebaut werden. Mit Freunden spiele ich hier manchmal Schule, oder wir spielen Fußball, aber es gibt nichts, was mich wirklich glücklich macht. Mein größter Wunsch ist es, dass ich wieder zurück nach Hause und mit meinen Freunden zusammen sein kann."

Ayad, 14 Jahre:

"Als der IS meine Familie angegriffen hat, sind wir geflohen. Sie haben uns verfolgt und auf uns geschossen.

Hier im Camp bekomme ich Unterricht in Wissenschaft und Mathematik. Ich habe viele Freunde, wir spielen zusammen und sprechen über unsere Heimat Sindschar. Ich wäre glücklich, wenn wir Spielsachen hätten. Später möchte ich als Ingenieur arbeiten."

Aehrivan, 12 Jahre:

"Auf dem Weg hierher habe ich die Kämpfe zwischen dem IS und Peschmerga gesehen. Seit fünf Monaten lebe ich mit meinen zwei Brüdern, sechs Schwestern und Eltern hier im Camp.

Früher war Kurdisch mein Lieblingsfach, hier haben wir nachmittags um 14.00 Uhr Malunterricht. Ich habe Angst vor dem IS, und ich sehe die Kämpfer auch im Traum."

Safinaz, 11 Jahre:

"Meine Eltern, meine drei Brüder und ich sind vor dem IS in die Berge geflüchtet, nur meine Ohrringe habe ich mitgenommen. Acht Tage lang hatten wir nicht genug zu essen und zu trinken. Wir konnten nur das Wasser trinken, das wir auf dem Boden gefunden haben.

Meine Heimat fehlt mir. Ich freue mich, wenn ich Spielzeug habe und meine Lieblingsblume sehe. Später möchte ich Lehrerin werden."

Ahlam, 12 Jahre:

"Der IS hat meinen Bruder entführt. Ich vermisse ihn und wäre glücklich, ihn wiederzusehen. Nachts sehe ich meinen Bruder im Traum.

Tagsüber lerne ich oder spreche mit meinen Freunden, es wird jetzt auch wieder eine Schule für uns aufgebaut. Ich danke dir."

Raziya, 15 Jahre:

Zu Hause habe ich die achte Klasse besucht, Arabisch war mein Lieblingsfach. Im Augenblick habe ich keinen Schulunterricht mehr. Ich helfe meiner Familie oder unterhalte mich mit Freunden. Wir möchten nach Sindschar zurück und wieder eine Schule besuchen, dann wäre ich glücklich. Später möchte ich als Ärztin arbeiten - nicht so sehr aus finanziellen Gründen, sondern um Menschen zu helfen.

Adil, 14 Jahre:

"Außer meinen Kleidern habe ich nichts aus Sindschar mitgenommen. Drei Tage sind wir zu Fuß bis zur syrischen Grenze gelaufen, von dort wurden wir mit Autos hierhergefahren.

Tagsüber laufe ich nur rum und unterhalte mich mit meinen Freunden, zum Beispiel über die Tage, die wir in den Bergen verbracht haben. Meine Freunde hier machen mich glücklich, mir fehlt nur ein Freund, der vom IS entführt wurde."

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Animation

Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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