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US-Schülerinnen: Rausschmiss wegen "Vagina"

Eine Schule nahe New York hat drei 16-Jährige vom Unterricht suspendiert, weil sie bei einer Lesung das böse V-Wort aussprachen. Das war schwer zu vermeiden - die Schülerinnen lasen aus den berühmten "Vagina-Monologen". Eltern und Schüler sind empört, die Autorin ebenso.

Cross River - Ein einziges Wort bringt eine ganze Schule in Aufruhr. Lehrer reagieren verstört. Dieses Wort wollen sie an ihrer Schule auf keinen Fall dulden. Es lautet: Vagina.

Schülerinnen Hannah Levinson, Megan Reback und Elan Stahl (von links): Suspendiert wegen des V-Worts
AP Photo/ The Journal News, Ricky Flores

Schülerinnen Hannah Levinson, Megan Reback und Elan Stahl (von links): Suspendiert wegen des V-Worts

Drei US-Schülerinnen aus Cross River, einem Vorort von New York, haben das V-Wort bei einer Schulveranstaltung Ende letzter Woche öffentlich ausgesprochen. Vor Eltern, Schülern und Kindern. Die Folge: Die Zehntklässlerinnen wurden vom Unterricht suspendiert.

Vermeiden ließ sich das Wort allerdings nur schwer. Immerhin lasen Megan Reback, Hannah Levinson und Elan Stahl Auszüge aus den weltweit bekannten "Vagina-Monologen" der Theaterautorin Eve Ensler vor. Mit Lehrern hatten sie das vorher sogar abgesprochen - und die hatten zugestimmt. Nur das eine Wort, Vagina, sollten die drei Schülerinnen doch bitte vermeiden.

Beim "Open Mic Day" an der John Jay High School stellen sich Schüler mit einem Mikrofon auf die Bühne und lesen Texte vor. Ein Junge hatte selbst etwas geschrieben, der Football-Trainer deklamierte Shakespeare. Alles war friedlich, schön, harmonisch. Bis Megan, Hannah und Elan auftraten. Die entscheidende Passage lasen sie zu dritt: "Mein kurzes Kleid ist eine Flagge der Befreiung in der Armee der Frauen. Ich erkläre diese Straßen, alle Straßen, zum Land meiner Vagina."

Oops!

Rektor Richard Leprine zog prompt Konsequenzen und suspendierte das Trio: Die Schülerinnen müssen, getrennt voneinander, diese Woche einen Tag dem Unterricht fernbleiben, ihn aber an der Schule verbringen. Mit dieser symbolischen Strafe reagiere die Schulleitung nicht auf den Inhalt des Vortrags, sondern auf den Ungehorsam der Schülerinnen, so Leprine in einer Stellungnahme. Sie hätten sich einer Anordnung der Lehrer widersetzt und müssten nun die Konsequenzen tragen.

"Das ist mein Körper"

Die Schülerinnen sehen das ganz anders und verteidigten ihre Lesung. Sie können nicht verstehen, warum sie vor Publikum aus den "Vagina-Monologen" lesen, das Wort selbst aber nicht aussprechen durften: "Es ist nicht geschmacklos oder unangemessen, das Wort Vagina zu sagen", sagt Megan Reback, "es war wichtig für mich, es auf der Bühne loszuwerden." Sie hält es für sinnlos, wenn eine Schulleitung von ihr erwarte, nicht über ihren Körper zu sprechen - "es ist meiner", so Megan. Mitschülerin Hannah Levinson gibt freimütig zu, dass die drei bewusst die Lehrer-Anweisung übergingen. Sie ist überzeugt: "Wir haben das Richtige getan."

Die drei Schülerinnen sind nun so etwas wie Märtyrerinnen für die Sache der Frauen, für die Kunst- und Redefreiheit. Darauf hält man in den USA traditionell große Stücke - und doch gibt es immer wieder Streit etwa um Bücher, die aus Schulen und Bibliotheken verbannt werden. Auch der Fall in Cross River löste sogleich eine heftige Diskussion über die Zensur an öffentlichen Schulen aus - und über prüde Moralvorstellungen: Was soll schlimm daran sein, Geschlechtsteile beim Namen zu nennen? Und wie sonst, wenn nicht einmal mit den biologisch korrekten Wörtern?

Viele Eltern reagierten wütend auf die Suspendierung der Jugendlichen und sprechen von einem "zum Himmel schreienden Zensurversuch". Mitschüler laufen mit bedruckten T-Shirts und Postern durch die Schule, um gegen die Suspendierung zu demonstrieren.

Mittlerweile hat sich auch die Autorin der "Vagina-Monologe" zu Wort gemeldet. Die amerikanische Schriftstellerin Eve Ensler ist regelrecht begeistert über die kleine Rebellion der Schülerinnen: "Wir wollen doch, dass sich Kinder gegen Autoritäten stellen, die widersinnig sind." Der Fall zeige, wie sexuelle Aufklärung an US-amerikanischen Schulen funktioniere. "Es ist nicht gesund, was Kinder über ihren Körper beigebracht bekommen."

Die "Monologe"-Autorin jubelt

Vor über zehn Jahren hat Eve Ensler die "Vagina-Monologe" geschrieben. Sie führte über 200 Interviews, um herauszufinden, was Frauen über ihre intimste Stelle denken und warum sie eigentlich so wenig darüber reden. Das Buch, aus dem bald ein Theatertstück wurde, ist mal amüsant, mal verstörend. 13-jährige Mädchen und 70-jährige Frauen sprechen über ihre sexuellen Erfahrungen. Eine Interviewpartnerin berichtet über eine Vergewaltigung in Bosnien.

Das Buch hat weltweit für Wirbel gesorgt. Es wurde in über 40 Sprachen übersetzt, das Stück in Theatern auf der ganzen Welt aufgeführt. Auf das Publikum wirkt es irritierend. Und das soll es auch. Ensler will Frauen die Angst und Verlegenheit vor ihrem eigenen Körper nehmen. Offenbar mit Erfolg. Mittlerweile ist ein regelrechter Kult um die "Vagina-Monologe" entstanden. In den USA beteiligten sich Stars wie Alanis Morrissette, Calista Flockhart oder Whoopi Goldberg an Lesungen, in Deutschland Iris Berben, Hannelore Elsner und Katja Riemann. Der Valentinstag wurde schon zum "V-Day" ausgerufen.

Mit der Suspendierung der Schülerinnen in Cross River ist die V-Wort-Affäre noch nicht erledigt. Autorin Eve Ensler hat angekündigt, die Schule zu besuchen. Mit Lehrern, Eltern und Schülern will sie über den Vagina-Fall diskutieren. Die Ironie der Geschichte: In der High School steht das Buch sogar auf dem Lehrplan der 10. Klasse.

mer/jol/AP

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