US-Schule: Alle Lehrer wegen Unfähigkeit gefeuert

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Kaum die Hälfte der Schüler packt den Abschluss, in Mathe sind fast alle Nieten: Weil eine Highschool im US-Bundesstaat Rhode Island mehr Bildungsverlierer als Absolventen entlässt, hat die Schulbehörde kurzerhand das gesamte Personal entlassen. Nach dem radikalen Schnitt sind 74 Lehrer entsetzt.

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Hier geht's lang: Alle 74 Lehrer einer US-Schule vor die Tür gesetzt

Frances Gallo stand still, bis der letzte Name verlesen war. Vor ihr wuchs das Entsetzen: Hunderte Schüler und Lehrer waren am Dienstagabend in die Aula der Highschool des Städtchens Central Falls gekommen. Manche trugen die Schulfarben rot und blau - und keiner wollte es glauben. Gallo, Vorsitzende der Schulbehörde, hatte soeben dem Kontrollausschuss vorgeschlagen, alle Lehrer und Angestellten der Schule auf einen Schlag zu feuern. Und der Ausschuss folgte: Fünf Mitglieder stimmten zu, zwei dagegen.

93 Namen rief Sonia Rodrigues, stellvertretende Vorsitzende der Schulbehörde, in den Saal: 74 Lehrer und 19 weitere Mitarbeiter - gefeuert. "Sie sind ein Feigling, Sie sollten sich was schämen", schallte es zurück. Manche Lehrer weinten.

Es ist ein wohl einmaliger Vorgang: Die Schulbehörde hat das gesamte Kollegium der Central Falls Highschool entlassen, weil die Leistungen der Schüler zu schlecht sind.

Nur 48 Prozent der Schüler schaffen den Abschluss

Central Falls, eine Stadt mit rund 20.000 Einwohnern, die sich auf ihrer Web-Seite selbst als "Stadt mit einer glänzenden Zukunft" vorstellt, ist die kleinste und ärmste Stadt im Ostküsten-Bundesstaat Rhode Island: 41 Prozent der Kinder leben in Armut, die Arbeitslosenrate beträgt 13,8 Prozent. Die Highschool dient ihren rund 800 Schülern nicht gerade als Sprungbrett in ein besseres Leben. Nur 48 Prozent der Schüler schaffen den Abschluss, nur sieben Prozent der Elftklässler erfüllen die Anforderungen in Mathe.

Zum Vergleich: Im gesamten Bundesstaat verließen 2008 nach Angaben des Bildungsministeriums von Rhode Island rund 74 Prozent der Schüler die vierjährige Highschool mit einem Abschluss. Schon damals lag Central Falls weit unter dem Durchschnitt: Nur gut 52 Prozent gelang der Abschluss. Und seither ging es weiter bergab.

Aber was kann eine Schule leisten, wenn ihre Schüler in Armut leben, wenn für 70 Prozent Englisch die Zweitsprache und Spanisch die Muttersprache ist? Mehr als bisher, meint die Schulbehörde, meint der Bundesstaat Rhode Island und meint auch Arne Duncan, Bildungsminister der USA.

Radikale Kehrtwende

"Der jetzige Zustand muss sich verändern", sagte Duncan, begrüßte den radikalen Schritt und lobte die Behörde, die "das Richtige für die Kinder" getan hätte. Der Gouverneur von Rhode Island, Donald Carcieri, unterstützt die Entscheidung der Schulbehörde. Der Republikaner und ehemalige Mathelehrer nannte sie "mutig" und kritisierte den Lehrerverband als "Bremse" der Veränderung.

1991 hatte Central Falls den Betrieb der Schulen dem Bundesstaat übergeben. Die Stadt hält die Gebäude in Schuss, aber der Staat finanziert die Löhne. Nach Angaben von Frances Gallo gehört die Central Falls Highschool zu einer der sechs schlechtesten Schulen des Bundesstaates. Deborah Gist, Beauftragte für Bildung von Rhode Island, habe sie angewiesen, einen von vier Reformplänen auszuwählen, die der Bundesstaat für Problemschulen vorsieht. Sie habe sich nun für das Modell "Turnaround" entschieden - "Kehrtwende".

Zuvor hatte sie dem Lehrerverband eine sanftere Variante vorgeschlagen: Die Lehrer sollten mehr Zeit mit den Schülern verbringen und mehr Fortbildungen besuchen. Der Lehrerverband hatte das jedoch abgelehnt, weil keine Lohnerhöhung in Aussicht gestellt wurde. Gallo rief in die vollbesetzte Aula der Highschool, sie habe eine hundertprozentige Jobgarantie angeboten. "Und immer noch war die Antwort: Nein."

Lehrer wehren sich gegen die Vorwürfe

"Lügnerin!", schallte es zurück. "Sie wollten nicht verhandeln", sagte Jane Sessums, Vorsitzende des Lehrerverbands. Hope Evanoff, Französischlehrerin an der Highschool von Central Falls, sagte, es gehe nicht um Zeit und Geld. "Es geht um das Recht, über Arbeitsbedingungen zu verhandeln." Sie und ihre Kollegen seien zu Veränderungen bereit. "Aber wir wollen nicht dazu gezwungen werden. Wir sind Profis und verdienen es, als solche behandelt zu werden", so Evanoff. Der Reformplan sei vorgelegt worden, ohne dass wirklich Raum für Verhandlungen gegeben wurde.

Jane Sessums sagte, man nehme die schlechten Ergebnisse ernst. Zugleich verwies sie aber auf die Bedingungen, unter denen die Lehrer arbeiten: "Wir wollen nichts entschuldigen, aber Kinder, die in Armut leben, kommen mit vielen Problemen in die Schule", so Sessums zum "Providence Journal". "Wir stehen hier unter einer enormen Belastung", sagte George McLaughlin, Vertrauenslehrer an der Central Falls, der "New York Times".

Lehrer und Schüler der Highschool betonen den engen Zusammenhalt, in vielen Zitaten fällt der Begriff Familie, wenn sie die Atmosphäre an der Schule beschreiben. Frances Gallo wollte das nicht stehenlassen. "Wenn das eine Familie ist, wie steht man dann dazu, dass jedes Jahr die Hälfte der Familie verloren geht?", sagte die Vorsitzende der Schulbehörde und ergänzte: "Wir sind dabei, die Kultur an Central Falls zu verändern."

Doch in der Highschool selbst hält kaum jemand eine Veränderung der Kultur des Miteinanders für nötig. "Ich verlasse die Schule um 18 oder 19 Uhr, arbeite mit den Kids, lehre, erarbeite Stundenpläne, ermögliche interaktive Bildung. Das sehen die Leute nicht", sagte der Geschichtslehrer Frank DelBonis. Andere Lehrer verwiesen auf die hohe Fluktuation: Ein Drittel der Schüler verlasse jedes Jahr die Schule. Auch an der Spitze der Schule gab es zuletzt häufige Wechsel - fünf Direktoren in sechs Jahren.

Einer weiteren Schule droht ebenfalls eine Entlassungswelle

Der Schulbezirk hat den Lehrern Rat angeboten, wie es für sie nun weitergehen soll. Behördenchefin Gallo sagte, man sehe sich nun nach Partnern um, mit denen das neue Personal zusammengestellt wird. Möglich sei eine Kooperation mit der gemeinnützigen Organisation "Teach for America", die Top-Absolventen für zwei Jahre an Schulen in sozialen Brennpunkten vermittelt. In Deutschland gibt es seit letztem Jahr ein ähnliches Programm.

Jane Sessum, Vorsitzende des Lehrerverbands, will nun prüfen, ob gegen die Massenkündigung juristisch vorgegangen werden kann. Gallo hat 120 Tage Zeit, einen Plan zu entwickeln, wie Central Falls neu aufgestellt werden soll. Nach dem "Turnaround"-Modell ist es möglich, die Hälfte der gefeuerten Lehrer wieder einzustellen.

Dass im Bundesstaat Ernst gemacht wird in Sachen Qualitätsentwicklung an Schulen, musste auch eine Schule für Gehörlose in Warwick erfahren, der zweitgrößten Stadt in Rhode Island: Die Bildungsbeauftragte Gist teilte der Schule mit, dass alle 35 Lehrer nach dem Schuljahr entlassen werden, wenn sie nicht die erforderlichen Qualifikationen nachweisen können. Bei einer Überprüfung der Personalakten war aufgefallen, dass kein Lehrer die Anforderungen des "No Child Left Behind Act" erfüllt, ein Gesetz, das 2002 zur Verbesserung der öffentlichen Schulen eingeführt wurde.

Bis zum 1. Juni hat die Schulleitung Zeit, Nachweise über die Qualifikation ihrer Lehrer nachzureichen. Dann könnte den Lehrern von Warwick erspart bleiben, dass ihre Namen durch die Schulaula hallen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 272 Beiträge
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1. Super!
prenzberger 26.02.2010
Mein Halbbruder (Nachzügler) ist gerade in der achten Klasse. Die Lehrerinnen der beiden Fremdsprachen sind pädagogische Nieten und schaffen den Stoff des Lehrplans nicht. Er und viele seiner Mitschüler nehmen gemeinsam Privatunterricht, um den Anschluss nicht zu verlieren. Nun versuchen die Eltern, für das nächste Schuljahr andere Lehrer zu bekommen. Das Beamtentum für Lehrer ist überholt.
2. Innovationsbremse Beamtentum.
Parzival v. d. Dräuen 26.02.2010
Zitat von sysopKaum die Hälfte der Schüler packt den Abschluss, in Mathe sind fast alle Nieten: Weil eine High School im US-Bundesstaat Rhode Island mehr Bildungsverlierer als Absolventen entlässt, hat die Schulbehörde kurzerhand das gesamte Personal entlassen. Nach dem radikalen Schnitt sind 74 Lehrer entsetzt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,680200,00.html
Herrlich. Das wäre ein Modell für Deutschland gewesen - so vor 30 Jahren.
3. Titel
PeteLustig 26.02.2010
Zitat von sysopAber was kann eine Schule leisten, wenn für 70 Prozent Englisch die Zweitsprache und Spanisch die Muttersprache ist?
Parallelen zur unterdurchschnittlichen Abschlussquote Berliner Schulen mit einem Anteil von Schülern ausländischer Herkunft von 90% lassen sich nicht von der Hand weisen.
4. Ein wichtiges Signal
christoph. 26.02.2010
Ein wichtiges Signal ist so eine Aktion. Mein Eindruck ist, dass die USA, so viel es auch kritisch zu sagen gibt, in solchen Dingen weniger zimperlich sind als der deutsche Beamtenapparat. Vermutlich werden die Lehrer alle wieder eingestellt, aber trotzdem finde ich das gut.
5. ...
A-Schindler 26.02.2010
Zitat von sysopKaum die Hälfte der Schüler packt den Abschluss, in Mathe sind fast alle Nieten: Weil eine High School im US-Bundesstaat Rhode Island mehr Bildungsverlierer als Absolventen entlässt, hat die Schulbehörde kurzerhand das gesamte Personal entlassen. Nach dem radikalen Schnitt sind 74 Lehrer entsetzt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,680200,00.html
Sowas wäre auch für Deutschland was gutes, obwohl in meinen alten Schulen nur ein paar Leerkörper hätten gegen Lehrkörper ausgetauscht werden müssten. Unter der schlechten Bildung von damls muss ich noch heute Leiden.
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