Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Social-Media-Kontrolle: US-Verlag forscht Schülern hinterher

Schüler im Netz (Archivbild): Auf der Suche nach Prüfungsfragen sind auch Social-Media-Accounts nicht tabu Zur Großansicht
DPA

Schüler im Netz (Archivbild): Auf der Suche nach Prüfungsfragen sind auch Social-Media-Accounts nicht tabu

Ein US-Schüler twittert über eine Prüfung - und muss die Meldung auf Anweisung seiner Direktorin wieder löschen. Die hatte Druck von der Schulbehörde bekommen, nachdem ein Verlag den Account des Schülers ausspioniert hatte.

Die Arbeit war geschrieben, die Schule vorbei, und der Schüler der Watchung Hills Regional High School in Warren, New Jersey, tat, was Schüler nachmittags so tun: Er twitterte ein paar Zeilen zu einer Prüfungsfrage, die ihn besonders beschäftigt hatte.

Eine Nachricht mit Folgen, denn am nächsten Tag meldete sich die Schulleitung mit der dringenden Aufforderung, den Tweet zu löschen. Aufmerksam geworden war die Direktorin von der Schulaufsicht von New Jersey - und die wiederum war vom Schulbuchverlag Pearson informiert worden, der die entsprechende Prüfung zur Verfügung stellt.

Mit zwölf US-Bundesstaaten hat Pearson einen Vertrag abgeschlossen, dort führt er den PARCC-Test durch ("Partnership for Assessment of Readiness for College and Careers"). Die in diesem Jahr erstmals eingesetzte Prüfung dient der vergleichenden Leistungskontrolle und soll helfen, die weiteren Erfolgsaussichten der Schüler an Colleges und Hochschulen abzuschätzen. Zum Pearson-Auftrag gehört auch, den regulären Ablauf des Tests sicherzustellen - und dafür überwacht der Verlag offenbar auch das Social-Web und stieß so auf den Schüler-Tweet.

Keine Spionage, sondern "Monitoring"

Besorgte Lehrer und Eltern hatten sich beim Blog bobbraunsledger.com gemeldet, der den Vorfall öffentlich machte. Insgesamt habe es mindestens drei solcher Maßregelungen gegeben.

Spionage sei das nicht, sagt Pearson. In einer Stellungnahme spricht der Verlag lieber von "Monitoring" und begründet sein Vorgehen mit Gründen der Fairness gegenüber allen Schülern und Lehrern: "Wir wollen sicherstellen, dass die Testergebnisse glaubwürdig und valide sind." Einzelne Fragen oder Prüfungselemente dürften deshalb nicht in der Öffentlichkeit auftauchen: "Dann sind wir verpflichtet, die staatlichen Behörden zu informieren."

Deshalb verfolge man die öffentliche Kommunikation in sozialen Netzwerken sehr aufmerksam: "Die Social-Media-Seiten von Schülern sind öffentlich und enthalten oft Hinweise auf ihren Namen und/oder darüber, wo sie zur Schule gehen", heißt es in der Erklärung. Geht es dann um Inhalte der PARCC-Prüfung, informiere man die staatlichen Vertragspartner - und welche Konsequenzen sich dann für die Schüler ergäben, liege allein in der Verantwortung der Schulbehörden.

Doch die Schnüffeleien des Verlags stoßen auf heftigen Widerstand. "Niemand sollte betrügen, wir verurteilen jeden Betrug," sagte Randi Weingarten, Präsidentin der American Federation of Teachers (AFT), dem Magazin "Motherboard", "aber wie weit darf ein privates Unternehmen oder die Schulbehörde gehen?" Der Verlag und der Staat hätten Datenschutz und Privatsphäre der Schüler verletzt, sagt Weingarten.

Die AFT hat deshalb eine Onlinepetition gestartet, mit der Pearson aufgefordert wird, das Ausforschen von sozialen Netzwerken zu beenden. Innerhalb weniger Tage haben bereits über zehntausend Menschen unterschrieben.

him

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
cs01 24.03.2015
Ganz einfach, wer sich öffentlich äußert, muss damit rechnen gehört zu werden. Hätte man den Verlagen früher verboten, Zeitungsanzeigen zu lesen und das als Spionage bezeichnet?
2. Twittern ist aber nicht verboten
bansky 24.03.2015
So viel ich jetzt weiß (man verbessere mich, falls nicht der Fall), unterschreiben die Schüler aber keine Verschwiegenheitserklärung. Entsprechend ist ein Tweet mit der Frage völlig legal, oder. Was geht das den Verlag an. Dann muss jener das anders regeln, als die Social-Media-Portale zu scannen.
3. Bevor das große Bashing wieder losgeht:
westerwäller 24.03.2015
Auch in Deutschland unterliegen die Prüfungsaufgaben dem Urheberrecht der jeweiligen Kultusministerien der Länder. Diese gestatten es nicht, sie samt Lösungen - natürlich nach den Prüfungen (!) - frei zu veröffentlichen, sondern verkaufen sie gewinnbringend an Verlage, die daraus kleine Broschüren machen und sie verkaufen. Mit der Veröffentlichung von Fragen hätte der Schüler auch in Deutschland einen Verstoß gegen das Urheberrecht begangen und sich strafbar gemacht. Verrückt, aber ist so ...
4. Nicht Urheber- sondern Nutzungsrechte
infoseek 24.03.2015
Zitat von westerwällerAuch in Deutschland unterliegen die Prüfungsaufgaben dem Urheberrecht der jeweiligen Kultusministerien der Länder. Diese gestatten es nicht, sie samt Lösungen - natürlich nach den Prüfungen (!) - frei zu veröffentlichen, sondern verkaufen sie gewinnbringend an Verlage, die daraus kleine Broschüren machen und sie verkaufen. Mit der Veröffentlichung von Fragen hätte der Schüler auch in Deutschland einen Verstoß gegen das Urheberrecht begangen und sich strafbar gemacht. Verrückt, aber ist so ...
Das Urheberrecht liegt beim jeweiligen Autor der Aufgabe, die KuMis haben nur die Nutzungsrechte (juristische Personen können keine Urheber sein). Und sie verkaufen diese Nutzungsrechte gegen relativ kleines Geld an die Verlage. Das war früher tolerabel, um den Zugang zu kompakten Aufgabensammlungen zu ermöglichen. Heute ist das aber ziemlich daneben, weil die mit Steuergeld bezahlten Aufgaben korrekterweise kostenlos auf den KuMi-Seiten ins Netz gestellt gehören, statt die Schüler und Eltern zu zwingen, sie für teures Geld von gewinnorientierten Verlagen quasi zurückzukaufen und damit doppelt zu bezahlen. Darüberhinaus kann man sich mit einigem Recht fragen, ob die einzelnen Aufgaben tatsächlich "Werke der Literatur, Wissenschaft und Kunst" im Sinne des Urheberrechts sind - oder ob sich der Staat wieder einmal als Hüter längst obsoleter Geschäftsmodelle aufspielt.
5. Dieser Staat gehört den Geschäftsleuten
vantast64 24.03.2015
Vor 40 Jahren sah ich einen Western, in dem die Wagen der Händler von Indianern angegriffen wurden. Sehr spät kam die Kavallerie den Geschäftsleuten zur Hilfe. "Warum kommt ihr so spät, ihr seid doch dazu da, uns zu beschützen!" So ist es bis heute: Das Militär ist Handlanger der Ökonomie, vom Öl bis zum Coltan. Und es wird verständlich, wenn man bedenkt, daß selbst die FED privat ist und wem Amerika gehört. Die privaten Firmen haben das Sagen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks