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Verweigerer in Israel: Statt Zivildienst zwei Jahre Knast

Von Daniel Opper und Christina Stefanescu

Jugend in Israel ist mit 18 Jahren schlagartig vorbei. Dann müssen junge Männer und Frauen für mindestens zwei Jahre zum Militärdienst. Haggai Matar allerdings verweigerte aus Gewissensgründen – und kam dafür zwei Jahre ins Gefängnis.

Die ersten zwei Jahre seines Lebens als Volljähriger hat Haggai Matar hinter Gittern verbracht. "Es war eine harte Zeit im Knast, doch es gibt nichts zu bereuen", sagt Haggai heute. Er habe viele Briefe von Palästinensern bekommen. "Für sie war es wichtig zu sehen, dass es Menschen in Israel gibt, die ins Gefängnis dafür gehen, um gegen die militärische Besetzung ihrer Gebiete zu demonstrieren." Dieses Zeichen zu setzen sei es ihm am Ende wert gewesen.

Verweigerer Haggai Matar, 22: Nach zehn Minuten bei der Musterung verhaftet

Verweigerer Haggai Matar, 22: Nach zehn Minuten bei der Musterung verhaftet

"Seit seiner Gründung 1948 befindet sich unser Land im Ausnahmezustand", sagt Haggai. "Deswegen ist die israelische Gesellschaft vollkommen militarisiert. Die Armee ist überall und andauernd: In den Medien, in den Schulen, ja selbst unsere Politiker sind Ex-Generäle." Haggai ist 22 Jahre alt, für einige ist er ein Kämpfer, manche halten ihn für einen Helden. Doch für die meisten Israelis ist er ein Verwirrter, eine Art Anarcho, der seinem Land schaden will.

Rückblick. Am Morgen des 23. Oktober 2002 spielt sich eine ungewöhnliche Szene vor dem Musterungsbüro der israelischen Armee ab. Jugendliche demonstrieren und singen. Adam Keller von der Friedensorganisation "Gush Shalom" notierte damals: "Der rothaarige Jugendliche, der vorne geht, ist Haggai Matar, der heute Morgen einberufen wird. Etwa zehn Meter vor den Toren der Einrichtung stoppt eine Absperrung der Militärpolizei die Demonstration. Haggai sagt noch 'Tschüss' zu seinen Freunden... und geht durch das Tor."

Drinnen erklärt Haggai den Musterungsbeamten, er wolle verweigern. Seine Musterung dauert weniger als zehn Minuten. Die Verweigerung wird nicht akzeptiert. Haggai wird sofort verhaftet und in ein Militärgefängnis gebracht.

300 Schüler unterschrieben seine offene Verweigerung

Jugend in Israel ist kurz und intensiv, denn mit 18 ist sie schlagartig vorbei. Dann müssen junge jüdische Israelis, gleich ob männlich oder weiblich, für mindestens zwei Jahre zum Militärdienst. Zivildienst wie in Deutschland gibt es nicht, Frauen können aber unter gewissen Umständen einen Ersatzdienstleisten. Wer eingezogen ist, muss schlagartig erwachsen werden, denn Israel befindet sich nicht im friedlichen Europa, sondern mitten in einem der gefährlichsten Krisengebiete unserer Zeit. Für die meisten ist es deshalb vollkommen normal, zum Militär zu gehen. Es gibt nur wenige, die sich widersetzen. Sie riskieren, später im Beruf benachteiligt zu werden, denn jeder Arbeitgeber fragt zuerst, wo man gedient hat.

"Eine der größten Gefahren für unsere Gesellschaft ist ihre Militarisierung", findet Haggai. Er zweifelte zum ersten Mal am Sinn des Militärs, als er 15 Jahre alt war. "Damals, 1999, fuhr ich zum ersten Mal in die von unserer Armee besetzten Gebiete, in das Westjordanland und in den Gazastreifen. Ich sah die Situation der Menschen dort. Sie leben eingesperrt wie in einem großen Gefängnis. Ich begann mich zu fragen, warum man unsere Armee eine Verteidigungsarmee nennt."

Während seine Mitschüler ihre Jugend feierten, begann Haggai in seiner Freizeit Hilfskonvois zu organisieren. "Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich nicht in eine Besatzungsarmee eintreten könnte, wenn ich 18 werde", erinnert sich der 22-Jährige heute. Stattdessen gründete er gemeinsam mit Freunden eine Bewegung. Sie schrieben einen offenen Brief an die Regierung, dass sie sich weigern werden, in die Armee einzutreten. Zu Beginn unterschrieben 62, später insgesamt 300 Schüler. Sie wurden trotzdem eingezogen. Auf Haggais Verhaftung im Musterungsbüro folgte ein monatelanger Prozess.

Hartes Urteil zur Abschreckung

Die drei Richter blieben schließlich hart. Normalerweise werden Verweigerer nur vier Wochen lang in Beugehaft genommen. Doch Haggai und vier seiner Freunde, die den offenen Brief mit aufgesetzt hatten, wurden zu über zwei Jahren Gefängnis verurteilt. "Die Angeklagten machten ihre Verweigerung öffentlich, um so die Rechtfertigung für Operationen der Armee und die Moralität der Teilnahme in der Armee in Frage zu stellen", hieß es im Urteil. Nur ein Richter äußerte Zweifel, ob eine so lange Haftstrafe verhältnismäßig sei. "Ich denke, sie wollten ein Exempel an uns statuieren, weil wir uns so öffentlich der gängigen Meinung widersetzten und dafür viel Zuspruch ernteten", sagt Haggai. "Ich bin kein Pazifist, aber mir widerstrebt, was unsere Armee in den besetzten Gebieten tut."

Seit fast zwei Jahren ist Haggai wieder frei. Er jobbt in einem Buchladen in Tel Aviv. Doch die meiste Zeit setzt er seinen Protest gegen die Armee fort. "Heute Mittag war ich wieder am Rande der besetzten Gebiete um gegen die riesige Mauer zu demonstrieren, die unsere Armee dort baut", erzählt Haggai. Er hat sich der Organisation "New Profile" angeschlossen, die Gefangene betreut und Schüler berät, die verweigern wollen. "In Israel ist das sehr hart. Man muss entweder beweisen, dass man Pazifist ist oder gesundheitliche Probleme hat", so Haggai, "doch das sagt einem niemand." Für die meisten sei es vollkommen normal, mit 18 zur Armee zu gehen. Er wolle niemanden bekehren, aber Interessierten Alternativen zeigen.

Am Strand von Tel Aviv sitzt ein junges Pärchen im Sand. Sie essen Burger von McDonalds. Um die Hüften haben sie ihre Gewehre geschnallt. Vor ihnen spielen ein paar Kinder Wasserball. Nicht weit vom Strand, nicht weit von den Szenecafés der jungen Stadt liegt der "Platz der Könige", der seit einigen Jahren "Rabin Platz" heißt. Itzhak Rabin, der damalige Ministerpräsident Israels, hielt hier am 4. November 1995 seine letzte Rede. Es war eine Kundgebung für den Frieden mit den Palästinensern, der zum Greifen nah schien. "Ich war 27 Jahre lang Soldat. Ich kämpfte so lange, wie es keine Chance für den Frieden gab… Für Israel gibt es keinen Weg ohne Schmerzen. Aber der Weg des Friedens ist dem Weg des Krieges vorzuziehen," sagte Rabin.

Am Ende der Rede wurde er von Jigal Amir, einem ultrareligiösen Israeli, vor den Augen der über 100.000 Demonstranten erschossen.

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