Waisenkinder in Ruanda: Wir haben überlebt

Was machte der Genozid in Ruanda mit den Kinder, die überlebten? Matthias Thoelen und Isabell Wüst gewannen im Schülerzeitungswettbewerb des SPIEGEL ein Recherchereise in das Land. Im SOS-Kinderdorf sprachen sie mit jungen Menschen, die versuchen, zu verzeihen.

Kinderdorf in Ruanda: Leben mit den Narben des Völkermords Fotos
matthiasthoelen.com

Es gibt einen Satz, den Emmanuelle nicht vergessen wird. "Der Junge bekommt nichts zu essen, er wird eh bald sterben." Heute ist Emmanuelle 24 Jahre alt, studiert an einer Finanz- und Bankschule und lebt in Ruandas Hauptstadt Kigali. Er ist nicht besonders groß, trägt Jeans und Hemd. Er läuft zur Seite geneigt und hinkt mit seinem linken Fuß. Bei der Begrüßung bemerkt man seine zwei gelähmten Finger. Es fühlt sich ein wenig seltsam an, seine Hand zu drücken. Emmanuelle weiß das, aber er lächelt dieses Gefühl einfach weg.

Heute ist Emmanuelle wieder im SOS-Kinderdorf in Kigali, allerdings nur als Besucher. Zehn Jahre hat er hier gelebt, mit acht Jahren wurde er hier her gebracht. Von wem, weiß er nicht. Er setzt sich auf das Sofa und erzählt in gebrochenem Englisch, wie er sich an den Völkermord erinnert, während die Vögel draußen in der Mittagswärme zwitschern.

Damals, vor 17 Jahren, lebte er mit seiner Familie in der Südprovinz von Ruanda. Als die Hutu-Milizen in das Haus seiner Familie eindrangen, töten sie alle bis auf ihn. Hutu und Tutsi, die zwei großen Völkergruppen in Ruanda, hassten und töteten sich damals bereits seit einem halben Jahrhundert. der Frühsommer 1994 war der traurige Höhepunkt des Gemetzels, es starben zwischen 500.000 und 800.000 Tutsi - einer der größten Massenmorde seit dem Zweiten Weltkrieg.

"Der Junge bekommt nichts zu essen"

Nachdem sie auch seine Familie getötet hatten, schlugen die Milizen Emmanuelle, damals sieben Jahre alt, mit einem Hammer auf den Kopf und verletzen ihn am Arm und am Bein. Die Täter ließen ihn liegen, vermutlich dachten sie, er sei tot.

Ein Mann nahm den verletzten Jungen auf, doch Emmanuelle verließ nachts das Haus, um zum Heimatdorf seiner Mutter zu laufen. Er hoffte, Familienangehörige zu finden. Durch seine Verletzungen brauchte er drei Tage. Als er in dem Dorf ankam, war niemand da. Es wirkte wie ausgestorben.

Wieder bot ein alter Mann ihm Obdach. Niemand hatte bis dahin Emmanuelles Verletzungen behandelt. Seit einer Woche nicht. Eine Art Pfleger des alten Mannes, so erzählt Emmanuelle, habe dann den Satz gesagt, an den er sich noch heute erinnert: Er werde eh bald sterben, darum kriege er nichts zu essen.

Eine Woche später suchen Helfer nach Überlebenden des Massenmords und bringen Emmanuelle in ein Krankenhaus, später kommt er ins SOS-Kinderdorf. Emmanuelle sagt, er versuche, mit der Vergangenheit abzuschließen. Er habe den Hutu verziehen, obwohl ihn seine Verletzungen immer an den Genozid erinnern werden. "Wenn ich Kopfschmerzen habe, dann kommen auch die Erinnerungen wieder hoch, und ich fühle mich schlecht. Oder wenn ich meine Freunde sehe, die mit ihren Armen und Beinen Sachen machen können, die ich nicht kann, sehne ich mich danach, gesund zu sein."

Er träumt davon, später eine eigene Firma zu gründen und Kinder zu haben. Er lacht, wenn er davon erzählt, und in seinen Augen sieht man die Vorfreude auf all das, was noch auf ihn zukommt.

Vestine hat gesehen, wie ihre Eltern getötet wurden

Eine Autostunde von Kigali entfernt gibt es seit 1997 das zweite von vier SOS-Kinderdörfern in Ruanda. Jedes Haus hier in Byumba hat einen kleinen Garten, in dem die Familien ihr eigenes Gemüse anbauen, eine Terrasse, eine Küche, einen Wohnraum, ein Badezimmer, zwei Schlafräume und das Schlafzimmer für die Pflegemutter.

In einem von den insgesamt 15 Familienhäusern lebten früher auch Vestine, 23, mit ihrer Schwester Claudine, 18. Claudine hat gerade die Schule beendet, sie will Management studieren, heiraten und Kinder bekommen. Sie will unabhängig sein, das ist ihr wichtig. Vestine hat letztes Jahr ihren Bachelor in Wirtschaft gemacht und ist derzeit auf Jobsuche.

Als Vestine den Wohnraum des kleinen Gästehauses betritt, lächelt sie schüchtern. Ihre Stimme wird ganz leise, als sie erzählt, dass ihre Eltern getötet und ihre Schwester schwer verletzt wurden. Vestine war damals sechs und Claudine noch nicht ganz zwei Jahre alt, sie lebten mit ihren Eltern im Süden Ruandas.

Vestine musste mit ansehen, wie ihrer Mutter die Kehle aufgeschnitten und ihrer kleinen Schwester mit einer Machete das Gesicht in zwei Teile geschnitten wurde, quer über die Nase. Ihre Stimme ist kaum mehr zu verstehen, sie starrt auf den Betonboden und hat Tränen in den Augen.

Wie verzeiht man den Mördern seiner Eltern?

Verstines linke Hand wurde mit einer Machete abgehackt, den Stumpf versteckt sie so gut es geht unter ihrer Jacke. Die Narbe im Gesicht ihrer Schwester ist gut verheilt. Deutsche Medien berichteten damals über die Mädchen, ein deutscher Rentner finanzierte Claudine die Operationen. Zweimal kam sie deswegen nach Deutschland. Nur manchmal, wenn ihre Brille etwas verrutscht, sieht man die Narbe noch.

Pflegemutter Providence hat die beiden aufgezogen. Über der Tür im Wohnraum hängt eine gerahmte Collage. Sie klettert auf einen Stuhl und zeigt den Bilderrahmen stolz. Es ist eine Auszeichnung, eine Urkunde für Mütter, gebastelt von ihren nun erwachsenen Kindern. Sechs Einzelfotos von Jugendlichen und ein Foto von Providence in der Mitte, auf Kinyarwanda steht dort: "Danke, dass du so eine tolle Mutter bist." Sie wischt noch einmal mit der Hand über den etwas verstaubten Rahmen, klettert wieder auf den Stuhl und hängt die Collage zurück auf ihren Platz.

Vestine besucht ihre Mutter häufig, die zehn Kinder, die momentan bei Providence leben, sind wie Geschwister für sie. Alle rennen herbei und begrüßen sie herzlich, wenn Vestine kommt. Als Vestine im Wohnraum ihres alten Zuhauses sitzt, ist ihre Stimme nicht mehr leise. Sie lacht über ihre kleinen Geschwister, sie vergisst sogar ihren Arm unter der Jeansjacke zu verstecken.

Die beiden Schwestern wünschen sich Frieden für Ruanda, genau wie Emmanuelle. "Huti und Tutsi leben zwar zusammen", sagt Vestine, "aber es ist schwer, mit jemandem zusammen zu leben, der deine Eltern getötet haben kann."

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Zur Person
  • Isabell Wüst
    Die Autorin Isabell Wüst, 18, macht im Frühjahr in der Nähe von Münster ihr Abi. Wie es danach genau weitergeht, weiß sie noch nicht. Aber die Richtung steht fest: Journalismus oder ein anderer Medienberuf.
  • Andrea Bogicevic
    Matthias Thoelen, 22, macht dieses Jahr in Freising sein Abi. Derzeit fotografiert er Sozialwohnungen in und um München, zuvor arbeitete er in Irland und auf dem Balkan. Er möchte Politik studieren und weiter fotografieren.
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