Zivildienst in Japan: Killerwespenlarven zum Abendessen

Enten schlachten, Killerwespenlarven essen, Minustemperaturen ohne Heizung - klingt fast nach TV-Trash á la Dschungelcamp. Doch für Leander Rust, 22, war es der Ersatz für einen normalen Zivildienst, und er leistete ihn auf einem kargen Bauernhof in Japan.

Zivi in der Landwirtschaft: Säen, ernten und schlachten in Japan Fotos
Leander Rust

"Mein Tag begann um 6:30 Uhr. Dann schalteten meine Kollegen das Radio ein, aus dem jeden Morgen dieselbe Musik kam. Denn 6:30 Uhr ist in Japan die Uhrzeit für die kollektive Morgengymnastik. Schüler, Angestellte und Hausfrauen im ganzen Land bewegen sich zu demselben Lied. Es geht dabei nicht um Fitness - die ganze Übung dauert nur fünf Minuten. Es geht um die gemeinschaftliche Übung aller Japaner zur selben Zeit. Dann ging die Arbeit los.

Statt Zivildienst habe ich ein freiwilliges soziales Jahr in Japan gemacht, auf dem Land, in der Nähe der Siedlung Nishi-Nasuno, 200 Kilometer von der Hauptstadt Tokio entfernt. Bauern aus 19 verschiedenen asiatischen und afrikanischen Ländern sind dort untergebracht. Sie kommen aus Indien, Sri Lanka, Vietnam, Kambodscha oder Kenia und sollen lernen, wie sie Landwirtschaft nachhaltig betreiben können. Betreut werden sie von Freiwilligen wie mir und anderen jungen Menschen, hauptsächlich aus Japan.

Der Andere Dienst im Ausland
Der "Andere Dienst" dauert mindestens zwei Monate länger als der Zivildienst, also momentan elf Monate. Er muss vor Vollendung des 23. Lebensjahres angetreten werden und das friedliche Zusammenleben der Völker fördern. Die Tätigkeit soll in einer praktischen Arbeit im sozialen Bereich bestehen. Sie wird unentgeltlich und über einen staatlich anerkannten Träger abgeleistet.
Es gibt viele verschiedene Vereine, die Projekte in den unterschiedlichsten Ländern anbieten. Das Bundesamt für Zivildienst hat eine Liste mit den wichtigsten Anbietern erstellt. Die meisten Vereine haben eigene Webseiten, auf denen man häufig auch Erfahrungsberichte von ehemaligen Freiwilligen finden kann.
Im Gegensatz zum Zivildienst in Deutschland werden die Auslandsdienste nur selten bezahlt. In der Regel kommt der Trägerverein nur für Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung auf. Um die sonstigen Kosten zu finanzieren, muss man oft einen Förderkreis aufbauen. Das erfordert etwas Einsatz, ist aber durchaus machbar. Als Sponsoren eignen sich nicht nur die Familie und Bekannte, sondern zum Beispiel auch Bezirkspolitiker, ansässige Firmen oder gemeinnützige Vereine wie der Lions-Club.
Jeden Morgen von sieben bis acht gingen wir mit den Bauern raus aufs Feld. Das Projekt hat einen eigenen philosophischen Charakter. Die Arbeit auf dem Feld heißt "food, life, work" und es geht nicht einfach um Landarbeit. Wir sollten den Zusammenhang zwischen Arbeit, Leben und Essen sehen und ein Bewusstsein dafür bekommen. Ich habe gesät, gepflanzt, geerntet, gejätet, Kühe gemolken und Enten gefüttert.

Den Kaninchen musste ich das Genick brechen

Anfangs habe ich mir an den scharfkantigen Reisblättern Schnittverletzungen geholt und wurde von Stechmücken gebissen. Doch ich fand es toll, jeden Tag zwei Stunden in der Pampa zu sein. Ich habe eine Menge gelernt. Zum Bespiel, dass Weizen im Herbst gesät wird und man im Winter darauf herumtrampeln muss, damit die Pflanze sich nicht nur auf einen Keim konzentriert, sondern mehrere ausbildet.

Alles was wir gegessen haben, haben wir auch selbst produziert, nur der Reis, den wir angebaut haben, reichte nicht: Wir mussten ihn zukaufen. Ich habe auch Enten geschlachtet und Kaninchen. Als ich die Ente dann auf dem Arm hatte und ihr die Halsschlagader aufschneiden sollte, war das eine große Überwindung. Noch schlimmer war es mit den Kaninchen. Denen habe ich das Genick gebrochen. In der westlichen Welt ist man es so gewohnt, einen tiefgefrorenen Brocken Fleisch zu kaufen. Aber als ich die Tiere in meinen Armen sterben sah, wurde mir der Prozess des Tötens bewusst. Ich glaube, wenn ich jedes Tier, das ich esse, selbst töten müsste, ich würde Vegetarier werden.

Wir wohnten zusammen mit den Bauern im Männerhaus, einer Art Wohnheim. Mit einem Bauern aus Myanmar teilte ich mir das Zimmer, das acht Quadratmeter groß war. Eigentlich passten nur die beiden Betten rein und alles war sehr einfach. Im Winter wurde es so kalt, dass morgens meine Wasserflasche gefroren war und ich meinem Atem sehen konnte. Ich bin mit drei Lagen Skiunterwäsche und dicken Socken rumgelaufen.

Der Bauer hat das Tier einfach gehexelt

Abends kochten wir manchmal zusammen, wir hatten im Männerhaus eine kleine Herdplatte. Das Beste war ein Gericht aus Killerwespenlarven, das haben ein paar Bauern von den Philippinen gekocht. Die Wespen hatten eine ähnliche Konsistenz wie Shrimps, pures Eiweiß. Nur ab und zu war eine darunter, die schon weiter entwickelt war und einen Chitinpanzer hatte. Da musste man aufpassen, dass man sich nicht die Zähne ausbeißt. Einer der Bauern musste ins Krankenhaus, weil ein paar Wespen ihn angefallen hatten, als er das Nest mit einem Stock vom Baum schlagen und in einen Sack stecken wollte.

Ein anderes Mal gab es eine gekochte Krähe zum Abendessen. Diesmal war es ein Bauer aus Kambodscha, der sie auf dem Feld gefangen und mit ins Männerhaus gebracht hatte. Dazu gab es Gemüse und Kräuter. Sie schmeckte ein bisschen wie Hühnchen.

Ein bisschen ekelig war die Schlange, die uns ein indonesischer Bauer aufgetischt hat. Ich habe sogar gesehen, wie er sie mit der Hand erledigt hat. Wir gingen zusammen über ein Feld und da war dann plötzlich die Schlange auf dem Weg. Der Bauer ist in die Hocke gegangen und hat sie am Schwanz gepackt und einmal kräftig mit dem Kopf auf den Boden geschlagen. Ich weiß nicht mehr genau, welche Art von Schlange das war, aber ich glaub sie war schon ein bisschen giftig, so wie einige Schlangen in Japan. Der Bauer hat die Knochen nicht entfernt, sondern das Tier einfach zerhackt. Aber gewürzt war es gut, mit einer scharfen Currymischung und vielen Kräutern.

Nach dem Essen gab es meist Trommelkurse oder wir haben getanzt und Lieder eingeübt. Ich habe sogar einen Strickkurs belegt und kann jetzt einen Schal stricken. Auch japanisch habe ich gelernt. Vor allem habe ich mal aus einer ganz anderen Perspektive auf mein Leben geschaut und mich völlig ausgeklinkt. Das hat mir geholfen, herauszufinden, was ich will. Heute studiere ich Erneuerbare Energien in Stuttgart. Und zum Abendessen esse ich wieder ganz normale Dinge wie Vollkornbrot, Spätzle oder Pfannkuchen."

Aufgezeichnet von Friederike Ott

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Kommentar
Zephira 30.08.2010
---Zitat--- Ich glaube, wenn ich jedes Tier, das ich esse, selbst töten müsste, ich würde Vegetarier werden. ---Zitatende--- Ehrliches Statement. Konsequenter wäre es natürlich, das Morden nicht zu "outsourcen", sondern es gar nicht erst in Auftrag zu geben. Ansonsten ein interessanter Artikel :)
2. Jungelcamp stimmt wohl
Develin 31.08.2010
Zitat von sysopEnten schlachten, Killerwespenlarven essen, Minustemperaturen ohne Heizung - klingt fast nach TV-Trash á la Dschungelcamp. Doch für Leander Rust, 22, war es der Ersatz für eine normalen Zivildienst in einem Landwirtschaftsprojekt in Japan. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,702623,00.html
Ich wuerde ja gerne Wissen in welches Jungelcamp sich der Gute da ausgesucht hat. An das Japan, in dem ich seit einem Jahrzehnt lebe, erinnert es micht nicht im geringsten. Und ja, ich habe auch schon auf dem Bauernhof in Japan gearbeitet. Ist ja ein lustiger Artikel, aber er traegt zu einem Weltbild bei, dass mich immer wieder wundert. Die Unwissenheit der Europaer und gerade der Deutschen bezueglich Asien ist in etwa so erschuetternd wie die Klischees die wir ueber Amerikaner verbreiten.
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