Auslandsschulen: Fern von Deutschland, trotzdem deutsch

Von Benedikt Mandl

Der Ruf des deutschen Schulsystems ist seit dem Pisa-Fiasko schwer lädiert. Anderswo gilt "Bildung made in Germany" noch etwas: Weltweit exportieren über 100 Auslandsschulen die deutsche Sprache und Kultur, von Santiago bis Seoul.

Silhouette von Seoul: Knapp 100 deutsche Kinder drücken in Südkoreas Hauptstadt die Schulbank

Silhouette von Seoul: Knapp 100 deutsche Kinder drücken in Südkoreas Hauptstadt die Schulbank

"Wir wollten gern in den asiatischen Raum und Südkorea kennen lernen - ein Land, von dem man in Deutschland nicht einmal einen Reiseführer bekommt", sagt Arite Winkler. Die 35-jährige Lehrerin lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen seit einem Jahr in Seoul und unterrichtet dort an der Deutschen Schule.

Gegründet wurde die Schule 1976 auf Initiative deutscher Eltern, die beruflich in Südkorea tätig waren. Entsprechend stark ist noch heute die Ausrichtung des Lehrplans am deutschen Schulwesen. Die Schule betreut samt angeschlossenem Kindergarten knapp hundert zumeist deutsche Schüler ab drei Jahren. Sie ermöglicht Absolventen nach der zehnten Jahrgangsstufe den bruchlosen Umstieg in deutsche Gymnasien oder weiterführende internationale Schulen weltweit.

"Der Wechsel ins Ausland ist - zumindest beim ersten Mal - für jede Familie ein größerer Schritt", sagt Andreas Lock, dessen Kinder seit einem Jahr auf die Deutsche Schule Seoul gehen. "Wir haben uns im Vorfeld versichert, dass die Schule ein hohes Leistungsniveau hat und die Lehrpläne derart gestaltet sind, dass die Rückkehr nach Deutschland kein Problem wird." Lock ist mit der Arbeit der Schule sehr zufrieden. Sie habe ihm und seiner Familie geholfen, den Kulturschock nach dem Umzug besser zu verkraften und habe zu ihrer Integration im Gastland beigetragen.

Und er gibt sich auch hinsichtlich des akademischen Niveaus positiv überrascht: "Die Kinder waren einer hohen Lernbelastung ausgesetzt - höher als in Deutschland. Die Leistungen sind sehr gut und die Kinder empfinden die Schule trotz der hohen Belastung und des teilweise hohen Drucks als positiv und gehen gerne hin."

Das Budget des Außenministeriums schrumpft

Die Einrichtung in Seoul ist eine von insgesamt 117 Deutschen Schulen im Ausland, die aus Mitteln des Auswärtigen Amtes gefördert werden - von kleinen Botschaftsschulen in Afrika bis hin zu etablierten Privatschulen mit mehreren hundert Schülern. Das Ziel ist es, "die Begegnung mit Kultur und Gesellschaft des Gastlandes, die schulischen Versorgungen deutscher Kinder im Ausland und die Förderung der deutschen Sprache" zu unterstützen, so die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA).

1999 gab es dafür noch ein Budget von 195 Millionen Euro, in diesem Jahr ist es auf 170 Millionen Euro zusammengeschrumpft. Dabei sei die "Nachfrage nach deutscher Bildung ungebrochen", sagt Waldemar Gries vom Verband Deutscher Lehrer im Ausland. Laufend müssten in Asien, Mittel- und Osteuropa neue Schulen gegründet werden, während gleichzeitig der Geldhahn zugedreht werde. So sei die Zahl der Lehrer erheblich gesunken, zudem hätten die Lehrer 2001 Einkommenskürzungen von 15 Prozent zugestimmt. "Wir haben den Bodensatz erreicht", warnt Gries.

Insgesamt besuchen etwa 77.000 Schüler eine der Schulen, die von der ZfA betreut werden. 60.000 davon stammen aus den jeweiligen Gastländern - nach Auffassung des Lehrerverbandes ein klarer Beleg dafür, dass die Schulen auch einen wertvollen Beitrag zur Völkerverständigung leisteten. Lagos in Nigeria, Montreal in Kanada, Jakarta in Indonesien: In den Gastländern nähern sich die Schulen ihrer "deutschen Identität" mit unterschiedlichen Konzepten.

Mit den Leistungen der Deutschen Schule in Seoul ist die Amerikanerin Tiffany Jackson-Zunker, mit einem Deutschen verheiratet, zufrieden. Sie sieht aber einige Kritikpunkte und findet, das deutsche Schulsystem sei insgesamt sehr unflexibel und starr: "Es ist nicht sehr gut geeignet für Kinder, deren Leistungen klar über oder unter dem Durchschnitt liegen."

Kulturelle Brücken quer über die Kontinente

Für Jackson-Zunker ist Seoul nicht die erste deutsche Auslandsschule. Ihre Familie lebte zuvor in Pakistan, einer ihrer Söhne besuchte die Deutsche Schule in Karatschi, die dann wegen der schwierigen Sicherheitslage und aufgrund geringer Nachfrage geschlossen wurde. Doch auch in Seoul entschied sich die Familie für die Deutsche Schule - vor allem, um die Kinder deutsch und amerikanisch erziehen zu können: Sie selbst, so Jackson-Zunker, stehe für das amerikanische Element, die Schule und ihr Mann für das deutsche. "Und gemeinsam als Familie erschließen wir die Kultur unseres Gastlandes."

Die enge Orientierung am deutschen Schulwesen und die Sprache sind die Hauptgründe für die Wahl einer Deutschen Schule im Ausland. Manchmal kommen sehr persönliche Gründe hinzu. Auch Thomas Wendels Familie lebt seit etwa einem Jahr in Seoul, auch für sie nicht die erste Auslandsstation. Für Wendel war die allgemeine kulturelle Ausrichtung der Schule ein wesentliches Kriterium: "Wie die meisten 'Expatriats' arbeite ich sehr lange, die Kontakte zu meinem Sohn beschränken sich meist aufs Wochenende. Meine Frau ist Venezuelanerin. Wir leben in Korea. Wäre mein Sohn auf einer internationalen Schule, dann hätte er überhaupt keinen Zugang zur deutschen Kultur. Es wäre für mich nicht der Weltuntergang, dennoch ist es für unsere Vater-Sohn-Beziehung wichtig, einander zu verstehen - auch kulturell."

Von ganz anderer Dimension und Ausrichtung ist die "Deutsche Schule Santiago" (DSS) in Chile. Sie wurde schon 1890 von deutschen Auswanderern gegründet und unterliegt heute chilenischen Lehrplänen. Nur in einzelnen Klassen für "Muttersprachler" erfolgt eine Annäherung an deutsche Lehrpläne. Von den insgesamt 1600 Schülern sind auch nur knapp 600 deutsche Staatsangehörige. Und selbst deren Familien leben oft schon seit Generationen in Chile.

Deutsche Schule seit Generationen

Oft wird der Schulbesuch praktisch vererbt: "Meine Frau und ich sind beide Ex-Schüler der Deutschen Schule und haben sehr gute Erfahrungen gemacht", erzählt Conrado Stein. "Deshalb war es für uns immer klar, dass unsere Kinder eines Tages auch hier lernen würden." Der Chilene schätzt die Deutsche Schule als "demokratische Bildungsinstitution", in der deutsche Sprache, Kultur und Traditionen aufrechterhalten würden.

Chiles Hauptstadt Santiago: Deutsche Schule seit über hundert Jahren
Carsten Volkery

Chiles Hauptstadt Santiago: Deutsche Schule seit über hundert Jahren

Der Abschluss von Santiago entspricht im Gegensatz zu Seoul nicht einem deutschen, sondern dem chilenischen Sekundarabschluss. Und gerade das macht die Schule für deutschstämmige Chilenen attraktiv, selbst mehrere Generationen nach der Migration: "Jugendliche, die in dieser Schule einen Abschluss machen, haben später keine Probleme, in eine Universität einzutreten", meint Ellen Seemann, Mutter zweier Kinder an der DSS. "Ich selbst bin von deutscher Abstammung und wollte für sie eine freie Schule, die sowohl gute Disziplin als auch ein hervorragendes akademisches Niveau anbietet."

Bei allen Vorzügen deutscher Schulen im Ausland seien auch einige Risiken zu beachten, meint Tiffany Jackson-Zunker. Wie alle internationalen Schulen liefen sie oft Gefahr, ihre Schüler von der Kultur und Gesellschaft des Gastlandes abzuschirmen. "Die Vermittlung der deutschen Sprache und Kultur soll nicht bedeuten, dass andere Kulturen ausgeschlossen werden. Es ist wichtig, dass unsere Kinder offen sind für das Land, in dem sie leben."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite

Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...