Baptisten-Familien: Schulboykotteure wollen eigene Schule gründen

Aus religiösen Gründen weigern sich sieben baptistische Familien im Kreis Paderborn, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Nun gibt es kleine Fortschritte: Die Eltern lehnen die Schulpflicht nicht mehr rundweg ab und denken über eine eigene Schule nach.

In den nächsten Tagen wollen die Familien einen Antrag auf Gründung einer neuen Privatschule vorlegen. Sie hätten zugesagt, ihre Kinder nicht mehr zu Hause zu unterrichten, sagte eine Sprecherin der Bezirksregierung in Detmold. Allerdings lehnen die Eltern den Kompromissvorschlag des Landes, die insgesamt 15 Kinder in staatlich anerkannten Bekenntnisschulen in Nachbarkommunen unterrichten zu lassen, ab. Auch Gespräche mit dem Landesintegrationsbeauftragten Klaus Lefringhausen hätten sie nicht umstimmen können, so die Sprecherin.

Die Eltern sind streng gläubige Baptisten und mehrheitlich aus Kasachstan zugewandert. Sie lehnen für ihre Kinder den Besuch staatlicher Schulen bereits seit einigen Monaten ab, berufen sich auf ihre Glaubens- und Gewissensfreiheit und nehmen Anstoß vor allem am Unterricht in Religion und Sexualkunde. Nach ihrer Auffassung wird in den Grundschulen vor allem zu freizügig über Sex gesprochen; sie wollen ihre Kinder deshalb zu Hause unterrichten und dazu das Lehrmaterial von zwei Fernschulen nutzen (SPIEGEL ONLINE berichtete).

Auch Ermahnungen und Bußgelder konnten die Eltern nicht umstimmen. Bereits im Dezember hatte der Kreis in sieben Fällen Bußgeldbescheide verhängt; das Amtsgericht Paderborner verurteilte ein Elternpaar vor ein paar Tagen wegen des Verstoßes gegen das Schulpflichtgesetz zu einer Geldbuße von 500 Euro.

Der Unmut der Lehrer wächst

Nach Angaben der Zeitung "Neue Westfälische" wurden auch gegen zwei Verantwortliche des Vereins "Schule zu Hause" Bußgelder verhängt. Gegen die Geschäftsführerin ist zudem eine Strafanzeige bei der Paderborner Staatsanwaltschaft eingegangen. Lehrer werfen dem Verein Beleidigungen und Diffamierungen vor. Der Zeitung zufolge hatte die Geschäftsführerin Ingrid Günther unter anderem behauptet, die Kinder würden an den staatlichen Schulen in eine "freizügige Sexualpraxis" eingeführt, die ihre Intimsphäre verletze und ihre Menschenwürde missachte. Ähnlich äußerte sich auch Helmut Stücher, Gründer der "Philadelphia-Schule", die für Heimunterricht eintritt und die Paderborner Schulboykotteure offenbar unterstützt. Diese Fernschule ist staatlich nicht anerkannt.

In einem Schreiben an das Schulministerium hat der Hauptpersonalrat für die Grund- und Hauptschulen NRW das Land zum Handeln aufgefordert. Laut einer Umfrage des nordrhein-westfälischen Schulministeriums halten derzeit im Land insgesamt 26 Eltern ihre 42 Kinder von der Schule fern. Die Schulbehörden wollen ihr Vorgehen jetzt abstimmen. Im Paderborner Fall drohen den Eltern momentan keine Zwangsmaßnahmen. Die vor drei Wochen von den betroffenen Schulen verschickte schriftliche Androhung, die Kinder notfalls von der Polizei zum Unterricht abholen zu lassen, wird vorläufig nicht vollstreckt.

Ralph Fleischhauer, Sprecher des Schulministeriums in Düsseldorf, sieht einen kleinen Fortschritt im Zwist um die Schulpflicht: "Die Eltern sehen mittlerweile ein, dass sie ihre Kinder auf eine Schule schicken müssen und nicht zu Hause unterrichten dürfen", sagte er. Nun müsse der Antrag auf Schulgründung abgewartet werden. Religiöse Überzeugungen stünden zwar unter einem besonderen Schutz, dennoch müsse sich auch eine Ersatzschule der staatlichen Schulaufsicht unterstellen. "Schulpflicht ist unserer Ansicht nach ein Kinderrecht", stellte Fleischhauer die Position des Schulministeriums klar.

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