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09. Januar 2013, 15:46 Uhr

Ländervorschlag zum Schulsystem

Beseitigt das Bildungswirrwarr

16 Schulsysteme, verschiedene Schulbücher und Lehrpläne: Wer in ein anderes Bundesland umzieht, muss mit Bildungs-Kleinstaaterei kämpfen. Darunter leiden Eltern, Lehrer, Schüler. Ein neuer Staatsvertrag soll alles leichter machen - das wünschen sich zumindest drei Bundesländer und ernten Kritik.

Wenn Eltern umziehen von einem Bundesland ins andere, heißt das für die Kinder: neue Wohnung, neue Freunde, neue Schule, neue Lehrpläne, neue Anforderungen, manchmal ändert sich sogar die Form der Buchstaben, jedenfalls in Nuancen. Die Familien müssen sich in einem Bildungsdschungel zurechtfinden. 16 Bundesländer, 16 Schulsysteme.

Bayern, Niedersachsen und Sachsen versuchen jetzt, das zu verändern: Dazu legten die Kultus- und Wissenschaftsminister der drei Länder am Mittwoch in Berlin Eckpunkte für einen Bildungsstaatsvertrag vor. Er soll zukünftig die Mobilität von Familien und auch von Lehrern fördern und dabei eine gute Bildung sichern.

"Wir wollen sicherstellen, dass Familien mit Kindern aufgrund eines Umzugs innerhalb Deutschlands keine Nachteile erfahren, sondern am neuen Wohnort ihren zuvor eingeschlagenen schulischen Weg erfolgreich fortsetzen können", erklärten Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), Niedersachsens Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) und Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (parteilos).

Mit ihrem Vorschlag setzen sie sich unter anderem ein für gemeinsame Bildungsstandards für die Mittlere Reife, den Hauptschulabschluss und das Abitur sowie für die Teilnahme an länderübergreifenden Vergleichstests. Zudem sollen die Länder gegenseitig die Abschlüsse in der Lehrerausbildung anerkennen, auch der Lehreraustausch über Ländergrenzen soll einfacher werden. Denn nicht nur Familien kämpfen mit den unterschiedlichen Schulsystemen - auch die Lehrer: Wer in einem anderen Bundesland unterrichten möchte, muss meist kämpfen. Mit dem Staatsvertrag sollen junge Lehramtsstudenten künftig die Sicherheit erhalten, dass sie mit ihrem Abschluss unabhängig vom Bundesland unterrichten können, erklärte Niedersachsens Wissenschaftsministerin Wanka.

Spaenle: Staatsvertrag verbindlicher als Beschlüsse der KMK

Dieser Vorschlag ist nicht der erste Versuch, das zerfaserte deutsche Schulsystem vergleichbarer zu machen: Erst im vergangenen Herbst hatten die Kultusminister der 16 Bundesländer bereits bundesweite Bildungsstandards für zentrale Schulfächer vereinbart, ebenso die gegenseitige Anerkennung der verschiedenen Lehramtsabschlüsse. Bayerns Ressortchef Ludwig Spaenle betonte jedoch: Ein von den einzelnen Landesparlamenten getragener Staatsvertrag habe eine größere Verbindlichkeit als bloße Beschlüsse der Kultusministerkonferenz (KMK). Als Spaenle noch KMK-Präsident war, plädierte er bereits für einen Bildungsstaatsvertrag. Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth versicherte, der Weg zu gemeinsamen Standards könne flexibel beschritten werden.

In den kommenden Wochen wollen Bayern, Niedersachsen und Sachsen bei den anderen Bundesländern für den Vertrag werben. Das dürfte nicht überall so leicht werden: So sprachen mehrere SPD-regierte Länder von einem überflüssigen Wahlkampf-Manöver und verwiesen auf bereits bestehende Beschlüsse.

Auch die Opposition zeigte sich wenig begeistert: Die Initiative sei "eine Luftnummer", erklärte der forschungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Ernst Dieter Rossmann. Stattdessen sollten Union und FDP besser daran mitarbeiten, dass Kooperationsverbot von Bund und Ländern auch für Kita, Schule und alle Hochschulen aufzuheben. Der Grünen-Abgeordnete Kai Gehring nannte die Initiative eine "Nebelkerze". Die drei Unions-Kultusminister kämen als "letzte Bildungs-Mohikaner" daher, "welche das ineffiziente und ungerechte Kooperationsverbot offenbar zementieren wollen".

fln/AFP/dapd/dpa

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