Berliner Brandbrief: Schulleiter warnen vor Bildungs-Bankrott

Seit einem Lehrer-Hilferuf steht "Rütli" für gescheiterte Schulen. Mit einem ähnlich zornigen Brief schlagen nun Berliner Schulleiter Alarm: Sie warnen vor Ghettoisierung und dem "bildungspolitischen Aus" im Bezirk Mitte. Prompt erhalten sie eine Einladung ins Kanzleramt.

Die Methode Rütli macht Schule - und zwar bei den Berliner Schulleitern. Wegen der desaströsen Zustände an ihren Schulen haben 68 Direktoren einen Brandbrief verfasst, den sie unter anderem an Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) schickten. Sie warnen vor dem "bildungspolitischen Aus" im Bezirk Berlin-Mitte.

Rütli-Schule: 2006 unter Polizeischutz, seitdem hat sich viel getan
DPA

Rütli-Schule: 2006 unter Polizeischutz, seitdem hat sich viel getan

Darin beklagen die Leiter aller Schulen eine "Ghettoisierung" des Bezirks. Zu Mitte gehört zwar das schicke Berliner Regierungsviertel, aber auch Tiergarten und Wedding - Stadtteile "mit der höchsten Zahl an Intensivtätern", so die Direktoren. Der Migrantenanteil liege bei 90 Prozent, der Anteil von "sozial benachteiligten Familien" bei 65 Prozent, heißt es im Brief, der SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Die Direktoren schreiben über "Schuldistanz, Schulabbrecher, Analphabetentum" - und davon, dass ihre Schulen zu wenig Geld bekämen, um den Problemen zu begegnen, zu wenig Lehrer und zu wenig Hausmeister. So könnten sie ihren Bildungsauftrag nicht mehr erfüllen.

"Gute Schüler fliehen in Scharen aus dem Bezirk", erklären die Schulleiter, viele wechseln demnach an Privatschulen. Leere öffentliche Kassen und die finanzielle Not vieler Eltern führten zu der Notlage der Schulen, sagte Jens Großpietsch, Schulleiter der Heinrich-von-Stephan-Oberschule im Stadtteil Tiergarten.

Die Methode Brandbrief bewegt etwas in Berlin

Bereits im Dezember hatte die Direktorenrunde das Schreiben durch ihren Politikverteiler geschickt. Es ging unter anderem an Wowereit, an den Bezirksbürgermeister, an Bildungssenator Jürgen Zöllner und Finanzsenator Thilo Sarrazin (beide SPD). Doch erst am Anfang der Woche wurde es öffentlich.

Mit der Methode Brandbrief war es Berliner Lehrern schon einmal gelungen, die Öffentlichkeit auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Vor drei Jahren beklagten Lehrer der Neuköllner Rütli-Schule die wachsende Gewalt in dem Problemkiez und der Schule. Sie forderten gar, dass ihre Schule geschlossen wird, und traten damit eine wochenlange Debatte über das Schulsystem los und über die Integration von Schülern mit Migrationshintergrund. "Rütli" wurde zum geflügelten Wort für alles, was falsch läuft in der Schulpolitik.

Druck führt zu Gesprächsbereitschaft

Inzwischen gibt es zahlreiche Projekte, die die Schule in einem anderen Licht erscheinen lassen. Rund um die Skandal-Schule soll ein ganzes Dorf von Kitas, Jugendclubs und Freizeiteinrichtungen entstehen: der "Campus Rütli".

Auch diesmal erhöht das Briefeschreiben den politischen Druck: Sie ersten Politiker erklären sich zu Treffen bereit. "Senator Zöllner wird sich mit Vertretern der Schulleiter aus Mitte - wie Anfang des Jahres vereinbart - in zehn Tagen treffen", kündigt ein Sprecher an. "Die Schulleiter sprechen in ihrem Brief Probleme an, die grundsätzlich auch Senator Zöllner sieht." Auch Maria Böhmer (CDU), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, hat die Direktoren ins Bundeskanzleramt eingeladen. Einen genauen Termin gebe es aber noch nicht.

Die Opposition in der Hauptstadt reagierte mit Kritik am Senat. Wowereit müsse die Lehrer ernst nehmen und in Bildung und Erziehung mehr investierten, forderte Grünen-Bildungsexperte Özcan Mutlu. Die FPD sprach von einer "schallenden Ohrfeige" für den Senat. Die Vorsitzende der Bildungskommission der CDU, Eva-Maria Kabisch, warnte: "Es besteht die Gefahr des Absturzes ganzer Schulmilieus in unseren Problemkiezen."

Die Autoren des Briefes greifen jedoch ausdrücklich nicht frontal den Schulsenator und seine Pläne für eine Schulreform an. Künftig sind in der Hauptstadt, ähnlich wie in Hamburg, nur noch zwei Schulformen vorgesehen, nämlich das Gymnasium und eine weitere Schulform, in der Haupt-, Real- und Gesamtschule aufgehen sollen. Sie schreiben aber: "Die Debatte um Schulstrukturen allein löst keine finanziellen und gesellschaftlichen Probleme."

otr/dpa/ddp

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