Von Heike Sonnberger
570.140 Ausbildungsverträge wurden 2011 neu abgeschlossen - fast zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Das ist die gute Nachricht aus dem aktuellen Berufsbildungsbericht, den das Bundeskabinett am Mittwoch beschloss. Positiv klingt auch, zumindest für angehende Azubis, dass Unternehmen im vergangenen Jahr fast 30.000 Stellen nicht besetzen konnten. Im Jahr davor waren es nicht einmal 20.000. Selbst Betriebe in den alten Bundesländern fänden immer öfter keine passenden Bewerber, heißt es in dem Bericht. Für junge Menschen habe sich die Ausbildungslage also weiter verbessert - auch wenn immer noch jährlich Tausende nirgendwo unterkommen.
Als hoffnungsvolle Nachricht verkündet das Bildungsministerium von Annette Schavan (CDU) auch, dass erstmals weniger als 300.000 junge Menschen im sogenannten Übergangssystem landeten. Weil sie keine Lehrstelle fanden, besuchen sie Kurse an Berufsschulen und andere Fördermaßnahmen, die ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz steigern sollen.
Das System ist umstritten, teuer und reformbedürftig. Experten kritisieren schon lange, dass Jugendliche darin eine Warteschleife nach der anderen drehen, ohne einen Ausbildungsplatz zu finden. "Seit Jahren rührt Berufsbildungsministerin Schavan den Übergangssektor nicht an", sagte Kai Gehring, bildungspolitischer Sprecher in der Grünen-Bundestagsfraktion. Die Fördermaßnahmen kosten nach Schätzungen von Fachleuten jährlich mindestens vier Milliarden Euro.
Bei 86.000 Jugendlichen: Verbleib unbekannt
2010 landeten etwa 320.000 Jugendliche im Übergangsbereich, 2011 waren es noch rund 290.000. Diese Zahl sei "immer noch hoch", räumen die Autoren des Berufsbildungsberichts ein. Zudem habe ein Viertel der Jugendlichen, die in der Warteschleife landen, sogar einen Realschul- oder gleichwertigen Abschluss.
Die Jugendlichen, die im Übergangsbereich geparkt werden, konkurrieren Jahr für Jahr mit den aktuellen Schulabgängern um die vorhandenen Lehrstellen. Auch wenn sich der Ausbildungsstellenmarkt entspanne, stelle das weiterhin eine Herausforderung dar, heißt es in einer Fußnote des Berichts.
Außerdem tauchen in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit fast 86.000 Jugendliche auf, die sich einst erfolglos um eine Lehrstelle beworben haben und über deren Verbleib keine Informationen vorliegen. Für sie liefen keine Vermittlungsbemühungen mehr, und es bestehe das Risiko, "dass sie 'quasi unbemerkt' aus dem Bildungssystem herausfallen", heißt es im Bericht. Dazu kommen 11.550 aktuelle Bewerber, die zum Stichtag am 30. September 2011 noch "unversorgt" waren.
Nach wie vor gebe es zu viele Jugendliche, denen der Einstieg in Ausbildung - aus verschiedenen Gründen - bisher noch nicht geglückt sei, sagte Ministerin Schavan. Die Regierung will das ändern, unter anderem mit einer besseren Förderung und Orientierungshilfen für Jugendliche schon in der Schule.
Werbekampagne soll Image der dualen Ausbildung verbessern
Der Opposition reicht das nicht. "Auf den ersten Blick scheint die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt tatsächlich positiv zu sein", sagte Willi Brase, zuständig für berufliche Bildung in der SPD-Bundestagsfraktion. Doch Tausende stünden weiterhin ohne Ausbildungsplatz da. "Sie werden in das sogenannte Übergangssystem abgeschoben oder einfach als unversorgte Bewerberinnen und Bewerber in den Statistiken weitergeführt." Er forderte wie Grünen-Politiker Gehring, das Übergangssystem endlich zu reformieren.
In den nächsten Jahren werden sich die Probleme der Betriebe, geeignete Azubis zu finden, wohl weiter verschärfen. Bis 2025 werde die Zahl der nichtstudienberechtigten Schulabgänger um gut 18 Prozent sinken, schreiben die Autoren des Berufsbildungsberichts. Da ebenso die Zahl der Abiturienten zurückgehe, "stehen die Unternehmen vor großen Herausforderungen".
Die Regierung will den Fachkräftemangel unter anderem mit einer Werbekampagne abmildern, die seit November 2011 läuft. Ziel der Informationsoffensive "Berufliche Bildung - praktisch unschlagbar" sei es, die hohe Attraktivität der dualen Ausbildung und die vielfältigen Chancen beruflicher Weiterbildung einer breiteren Öffentlichkeit deutlich zu machen. "Wer heute eine duale Ausbildung beginnt, ist später am Arbeitsmarkt gefragt", sagte Schavan.
Die meisten Gymnasiasten teilen diese Auffassung offenbar noch nicht: Trotz doppelter Abiturjahrgänge in Niedersachsen und Bayern und der Aussetzung des Wehr- und Zivildienstes stieg die Nachfrage nach Lehrstellen unter Abiturienten im vergangenen Jahr lediglich leicht. Das sei darauf zurückzuführen, dass Abiturienten "nur zu einem geringeren Anteil an der Aufnahme einer dualen Berufsausbildung interessiert sind", heißt es im Berufsbildungsbericht. Es ist fraglich, ob sich das mit einer Werbekampagne ändern lässt.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Berufsausbildung | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH