Bestes Schülerzeitungsinterview: "Sterben hätten wir auch im Irak gekonnt"

Sie floh aus dem Irak und hoffte auf ein besseres Leben. Doch was sie in deutschen Flüchtlingsheimen erlebte, ließ Am Sayad Mahmood verzweifeln. Die Schüler Elisa Georgi, 18, und Rick Noack, 17, führten ein Interview mit ihr - und siegten damit beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb.

Ausgezeichnetes Interview: Das Leben in deutschen Flüchtlingsheimen Fotos

Frage: Frau Mahmood, beginnen wir in Bagdad. Wie ist es damals konkret dazu gekommen, dass Sie nach Deutschland geflohen sind?

Mahmood: Mein Mann wurde im Irak verfolgt. Er war zwar kein politischer Regime-Gegner, aber er hat sich sozial engagiert. Das ist ihm zum Verhängnis geworden. Im Irak konnten wir nicht mehr in Sicherheit leben. Wir hatten die Hoffnung zu diesem Zeitpunkt schon verloren, dass sich das Regime ändern würde.

Frage: Es ist ein großer und folgenschwerer Schritt, seine Heimat aufzugeben. Wie haben Sie diesen Prozess überstanden?

Mahmood: Es war sehr schwer für uns. Unsere gesamte Existenz war mit einem Mal verloren. Unser ganzes Leben mussten wir in einige kleine Koffer packen. Es war auch keine einfache Entscheidung: Einige unserer Verwandten waren nicht einverstanden mit unsere Entscheidung. Doch für uns stand fest, dass wir ausreisen.

Frage: Die Entscheidung an sich war also schon schwer - welche Probleme gab es bei der Umsetzung?

Mahmood: Als wir an jenem 29. August 1996 in Deutschland ankamen, da wussten wir: Es wird nicht einfach werden. Wir haben in der Zeit zwischen dem 29. August 1996 bis zum 1. Februar 1998 genau 22-Mal unsere gesamte Existenz ein- und ausgepackt, weil wir von einem Heim zum anderen geschickt wurden. Keiner aus meiner Familie konnte anfangs Deutsch. Zuerst schlugen wir uns mit meinen Englisch-Kenntnissen notdürftig durch, später lernten wir dann an der Volkshochschule Deutsch.

Frage: Wie hat Ihre Familie auf die Umstellung reagiert?

Mahmood: Für meinen Mann und meine Tochter war dieses Leben belastend. Doch viel schlimmer war es für unseren Sohn: Er musste unter den Umständen am meisten leiden. Denn er ist schwer behindert. Oft musste er weinen, auch wenn er die unmenschlichen Zustände nur passiv wahrnahm.

Frage: Wann wurde deutlich, dass auch er sich bewusst war, wie Sie behandelt wurden?

Mahmood: Ich erinnere mich da an eine konkrete Situation: Die Hygiene in den Flüchtlingsheimen war oft sehr miserabel. Besonders deutlich wurde das in einem Heim hier in Dresden. Wir bekamen damals den Schlüssel für das uns zugewiesene Zimmer. Der Heimleiter hatte uns noch Putzmittel übergeben mit dem Hinweis, wir hätten die Zimmer selbst zu reinigen. Ich öffnete die Tür und sah, dass die Möbel des Raums in der Mitte zusammengestellt worden waren. Dann sah ich den geöffneten Kühlschrank. Aus den Essensresten quollen Kakerlaken hervor. Ich stand in dem Zimmer, war sprachlos! Dann begann mein Sohn zu weinen. Es war schrecklich.

Frage: Von solchen schrecklichen Schilderungen haben wir bei unseren Recherchen auch von anderen Heimbewohnern gehört, die nicht genannt werden dürfen. Sie fürchten Repressalien der Heimleitung. Wie begründet ist diese Angst?

Mahmood: Es herrscht eine ständige Überwachung in den Flüchtlingsheimen. Das trifft zum einen auf die Heimleitung zu, aber auch auf die Flüchtlinge untereinander. Neid ist weitverbreitet. Die Leitung der Heime regelt das komplette Leben im Heim. Beispielsweise wurden uns Essenpakete zugestellt, in denen waren fast immer die gleichen Lebensmittel. Verstehen Sie mich bitte: Es geht nicht ums Essen sondern um die Diktierung, was man essen soll. Außerdem durfte man sich damals im Laufe des Asylverfahrens nicht weiter als 20 Kilometer von seinem zwischenzeitlichen Wohnort entfernen.

Frage: Aber diese Zustände haben sich doch inzwischen verbessert.

Mahmood: Das ist richtig. Inzwischen ist vor allem die Versorgung mit Lebensmitteln deutlich besser geworden. Es gibt inzwischen statt Essenspaketen Geld.

Frage: Sie sprachen vorhin auch von der Überwachung der Flüchtlinge gegenseitig. Wie muss man sich den Alltag in solch einem multikulturellen Heim vorstellen?

Mahmood: Zum einen ist das eine lehrreiche und interessante Erfahrung, mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen. Allerdings isoliert ein Heim die Flüchtlinge von ihrer Außenwelt. Es hemmt die Integration. So entstehen Streitigkeiten zwischen den Bewohnern. Ich habe zum Beispiel sehr oft die Heimküche gemieden, weil sich die Heimbewohner dort oft lautstark gestritten haben.

Frage: Wir haben in Archiven der Lokalzeitungen immer wieder Berichte über Konflikte in den Heimen hier in Dresden gefunden. Ist das Ausdruck der fehlenden Integration, von der Sie sprechen?

Mahmood: Ja, auf jeden Fall. In den 18 Monaten, in denen ich in den Heimen gelebt habe, gab es viele Streits. An einen erinnere ich mich noch ganz besonders gut: In dem Flüchtlingsheim in Kolm, das ungefähr sieben Kilometer von Niesky entfernt liegt, gab es einen Konflikt zwischen Bengalen und Leuten aus Sri Lanka, sie haben sich mit abgebrochenen Besenstielen und Messern bekämpft, abgebrochene Flaschen geworfen und mit Feuerlöschern um sich gesprüht. Die Polizei brauchte 20 Minuten, bis sie da war. Wir hatten Angst um unser Leben. Ich schrie damals wutentbrannt die Polizei an: "Sterben hätten wir auch im Irak gekonnt!"

Frage: Oft wird von CDU-Politikern das Argument bemüht, die Ausländer seien aggressiv. Sie ziehen daraus die Schlussfolgerung, man müsse das Leben der Ausländer in Deutschland schwer gestalten. Aber Ihren Erzählungen zufolge, scheint das ein Teufelskreis zu sein: Schlechte Behandlung führt doch erst zu Wut und Gewalt?

Mahmood: Vor allem hat sich Deutschland gemäß der Genfer Völkerrechtskonvention dazu bereit erklärt, Flüchtlinge aufzunehmen. Jedoch hat uns keiner eine Einladung geschickt. Wir können also nicht erwarten, mit rotem Teppich und offenen Armen empfangen zu werden. Aber dennoch als Menschen, deren Würde unantastbar ist. Manchmal denke ich, die Flüchtlinge werden wie Ungeziefer, wie der letzte Dreck angesehen. Das darf nicht sein. Wir sind keine Außerirdischen. Wenn jedoch die Heimleitung im Winter die Heizung abdreht, um Geld zu sparen, dann kommen Zweifel in mir auf, ob manche Deutsche das wirklich akzeptiert haben.

Frage: Der Ausländerrat Dresden hat eine Lösung für dieses Problem entwickelt, die in anderen deutschen Städten bereits erfolgreich angewandt wird. Statt in gewinnorientierten und von privaten Investoren betriebenen Heimen sollen die Flüchtlinge dezentral in Wohnungen untergebracht werden. Was halten Sie von dieser Lösung?

Mahmood: Das wäre auf jeden Fall ein großer Fortschritt. Die Integration würde leichter fallen, da man dann automatisch in einem normalen Umfeld mit Deutschen zusammenlebt. Das würde den Flüchtlingen die unmenschlichen Wohnbedingungen und die Konflikte ersparen. Allerdings gibt es auch hier Probleme: Denn die neuen Flüchtlinge brauchen viel Unterstützung bei der Eingewöhnung in Deutschland. Ganz alltägliche Fragen und Probleme tun sich dann auf: Wo ist der nächste Arzt? Welche Formulare muss ich ausfüllen? Unterstützung muss es also auf jeden Fall geben - gerade bei der dezentralen Unterbringung. Ein Ansprechpartner ist unerlässlich. Der Dresdner Stadtrat hat unter anderem wegen dieser Bedingungen vor kurzem einen Antrag auf dezentrale Unterbringung knapp abgelehnt, obwohl sich zahlreiche Initiativen dafür einsetzen und die Erfahrungen aus anderen Städten positiv sind.

Frage: Das Interesse der Politik an dem Thema scheint nicht allzu groß zu sein: Die Stadt Dresden weigerte sich im Januar einen Verantwortlichen für die Schwierigkeiten auf eine Podiumsdiskussion zu schicken. Wird die Bedeutung des Problems unterschätzt?

Mahmood: Viele Politiker sind sich der krassen Zustände nicht einmal bewusst, sie wissen nicht, was der Unterschied zwischen zentraler und dezentraler Unterbringung ist. Sie wissen nicht, was es heißt, auf engstem Raum zu leben. Sie haben keine Ahnung, was für eine Tortur es inzwischen für mich ist, an einem Heim jeglicher Art vorbeizugehen. Denn immer dann kommen die Erinnerungen wieder hoch. Ich mache manchmal große Umwege, um zu vermeiden, ein Heim sehen zu müssen. Leute von dort erkenne ich sofort an ihrem Geruch.

Frage: Es klingt so, als würden die Probleme in Deutschland überwiegen: Fühlen Sie sich in die deutsche Gesellschaft integriert?

Mahmood: Keine einfache Frage. Denn die Integration ist meiner Meinung nach ein Prozess. Das ist kein Zustand. Man muss sich jeden Tag erneut darum bemühen. Denn Vieles funktioniert nur, wenn auch der Wille und der Mut dazu da sind. Ich als muslimische Frau bin religiös und vertraue auf Gottes Hilfe. Gott streckt zwar keine Hand zu mir herab, aber ich begegne immer wieder Personen, die mir helfen und mich unterstützen. Gott spendet mir Mut - Tag für Tag.

Frage: War es folglich ein Fehler, aus dem Irak zu fliehen?

Mahmood: Nein, obwohl Irak meine erste Heimat ist, wo ich geboren wurde. Und auch, obwohl ich dort viele Verwandte und Freunde zurücklassen musste.

Frage: Vermissen Sie diese nicht?

Mahmood: Doch, doch, ich vermisse sie. Sehr sogar. Aber wenn ich heute vor der Wahl stünde, würde ich es wieder tun.

Josephine Runge
Der Beitrag von Elisa Georgi, 17, und Rick Noack, 17, erschien zuerst in der Schülerzeitung "Platonium" am Marie-Curie-Gymnasium in Dresden. Er wurde ausgezeichnet als bestes Interview beim Schülerzeitungswettbewerb des SPIEGEL - und die "Platonium"-Redaktion bekam auch den Preis für das beste Layout.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles zum Thema Schülerzeitungswettbewerb 2009/10
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Ausgezeichnet: Die besten deutschen Schülerzeitungen

Zur Person

Irak, 1996: Das Saddam-Regime unterdrückt das irakische Volk. Menschen werden gefoltert, bedrängt, vergewaltigt. Am Sayad Mahmood beschließt, mit ihrer Familie zu fliehen. Am 29. August 1996 landen sie um 5.45 Uhr auf dem Frankfurter Flughafen. Alles soll jetzt besser werden. Doch was folgt, ist eine Tortur. Heute, 14 Jahre später, engagiert sich Frau Mahmood im Dresdner Ausländerrat und kämpft für mehr Flüchtlingsrechte. Mit den Schülerzeitungs-Reportern Elisa Georgi und Rick Noack, beide 17, sprach sie über das Leben in deutschen Flüchtlingsheimen.

Fotostrecke
Junge Journalisten: Die besten Schülerzeitungen 2009


Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...