Besuch in der Psychiatrie: Sonja will nicht mehr leben

Weil eine andere junge Frau ihr den Freund ausspannte, wollte Sonja sich das Leben nehmen. In der Psychiatrie entscheidet ein Gerichtsvertreter darüber, ob sie bleiben muss. Egzona Hyseni begleitete für ihre Schülerzeitung den Richter - und traf eine Frau, die mehr existiert als lebt.

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Corbis

Psychiatrie: Wer sich selbst gefährdet, kann eingewiesen werden - auch gegen den Willen

Sonja* hält den Kopf gesenkt und hört dem Richter zu. Immer wieder schaut sie ihn an, das Gesicht vor Schmerz verzerrt, und protestiert gegen das, was er sagt und vorschlägt. Wenn sie spricht, bewegen sich ihre Wörter ohne Sprachmelodie auf einem einzigen Ton. Wenn sie aufblickt, halte ich den Atem an.

Sonja ist psychisch krank. Sie hat zweimal versucht, sich umzubringen, und wollte dem Tod in die Arme laufen. Deswegen ist sie in der Psychiatrie. Heute soll der Richter entscheiden, ob sie bleiben muss.

Die Psychiatrie ist ein Ort, der wie kaum ein anderer über Vorurteile definiert wird. "Die sind doch alle verrückt in der Klapse." Oft unausgesprochen, aber häufig gedacht. Aber kennen wir psychische Krankheiten und deren Folgen für die Betroffenen überhaupt? Kennen wir Personen, die unter einer solchen Krankheit leiden?

Kurz bevor ich die Psychiatrie betrete, weiß ich nicht, ob ich mich freuen oder fürchten soll. Freuen, weil ich etwas Neues erfahren werde. Fürchten, weil ich überfordert sein könnte. Es bleibt mir nicht viel Zeit, Sonjas Akte zu studieren. Eine Frau, Mitte 20, zwei Selbstmordversuche, depressiv, schizophren - das ist alles, was ich weiß.

Der Richter, der Sonja heute besucht, hat bereits das Gutachten eines Psychologen gelesen, will sich aber selbst ein Bild machen. Mit dabei ist Sonjas Anwalt. Erst danach entscheidet der Richter, ob die Frau gegen ihren Willen in der Klinik bleibt.

Ich fühle mich wie im Film

Mit den beiden betrete ich den Anhörungsraum. Überall stehen Blumen und helle Möbel. Ich finde es schön hier. Sonja sitzt in der Mitte. Sie streckt mir ihre Hand entgegen und nuschelt: "Hallo, ich bin Sonja." Ich bringe ein verhaltenes Grinsen zustande, irgendwie bin ich aufgeregt. Mein Gesicht zuckt unkontrolliert, ich kenne diese Frau nicht und trotzdem fühlt es sich gut an, so als könnte ihr ein Lächeln von mir das Leben retten. "Und ich bin Egzona, freut mich, dich kennenzulernen."

Neben Sonja steht ihre Betreuerin, eine Frau Ende 50. Sie schiebt ihre rote Hornbrille zurecht, immer und immer wieder. Ein paar Mal beugt sie sich zu ihrer Patientin hinunter und redet ihr gut zu. Für einen kurzen Augenblick glaube ich, Vertrautheit in Sonjas Gesicht zu erkennen.

Der Anwalt und der Richter befragen sie: "Warum wollten Sie sich das Leben nehmen?" - "Welche Tabletten haben Sie in jener Nacht genommen?" - "Haben Sie einen Abschiedsbrief hinterlassen?" Ein emotionales Thema behandeln die Beamten professionell emotionslos. Ich fühle mich wie im Film.

Schon oft habe ich traurige Menschen gesehen. Traurig, weil sie etwa ihre Lieblingshose mit Eis bekleckert haben oder weil ihnen ihr Hund entlaufen ist. Aber noch nie bin ich einer so gezeichneten Person begegnet. Sonja ist nicht traurig. Sie scheint nicht mehr zu leben, nur noch zu existieren. Ihr Körper sitzt da, hat aber keine Energie mehr.

Ich schäme mich, dass ich ihre Geschichte höre

Besonders schwer fällt es mir, Sonja anzublicken. Doch als ich es tue, sehe ich eine hübsche junge Frau, mit einer weiblichen Figur und modischer Kleidung. Die Strähnen ihrer glatten, braunen Haare fallen ihr manchmal ins Gesicht, sie streicht sie sorgfältig hinter ihre Ohren. Wenn sie mir den Blick zuwendet, schaut sie durch mich hindurch. Irgendwie schäme ich mich, dass ich ihre Geschichte höre.

Es übersteigt meine Vorstellungskraft, dass dieser Mensch nicht lächeln kann. Nicht einmal der Ansatz eines Lächelns. "Ich will hier weg", murmelt Sonja immer wieder. "Sie müssen verstehen, dass Sie eine erhebliche Gefahr für sich selbst sind", sagt der Richter. Danach verhält sie sich wie ein Kleinkind, dreht den Kopf weg, quengelt, jammert.

Sie sagt immer wieder: "Ich will nicht mehr." Vier- oder fünfmal will sie aufstehen, schiebt den Tisch weg. Ich zucke zurück. Mit Gewalt hält ihre Betreuerin sie fest. "Wenn Sie nicht mit uns reden wollen, fällt meine Entscheidung negativ aus." Danach spricht sie deutlich mehr. Sie steht unter Druck, sie will nach Hause. Sogar bei ihren Eltern wäre sie lieber als hier.

In meiner Naivität würde ich sie am liebsten umarmen und ihr sagen, dass das Leben schön ist. Aber sie kann sich nicht über einen Sonnenuntergang freuen. Das Lächeln, das ihr jemand gibt, nicht zurückgeben. Kleine Dinge, die das Leben lebenswert machen, sind für sie unsichtbar.

Als Sonja von dem Jungen erzählt, den sie sehr gemocht hat, glaube ich ein Lächeln zu sehen. "Er hatte dunkle kurze Haare. Irgendwie..." Sie zögert einen Moment, weiß nicht, ob wir ihre Liebe zu Daniel verstehen. "...sah er ein bisschen aus wie Markus Lanz. Daniel sah gut aus, war nett, charmant und er war einfach er selbst. Er war der tollste Mann, den ich je getroffen habe."

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Zur Person
  • Franziska Doll
    Die Autorin Egzona Hyseni, 17, hat mit ihrer Reportage aus der Psychiatrie in diesem Jahr den zweiten Platz beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb gewonnen. Sie besucht in Nürtingen das Gymnasium und betreut dort als Chefredakteurin die Schülerzeitung "Spongo".

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