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Nachwuchsoptimierung mit BWL: Warum Justin schlechter ist als Jakob

Ein Interview von

Bauklötzchen oder Frühchinesisch? Mit dem Scoring-Verfahren können Eltern verschiedene Kitas gegeneinander abwägen Zur Großansicht
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Bauklötzchen oder Frühchinesisch? Mit dem Scoring-Verfahren können Eltern verschiedene Kitas gegeneinander abwägen

Was Eltern von Betriebswirten lernen können, hat BWL-Professor Marko Sarstedt in einem Ratgeber zusammengefasst. Das Buch ist eine Kritik am gesellschaftlichen Optimierungswahn, der schon bei der karrierekompatiblen Vornamenswahl beginnt.

Zur Person
  • Marko Sarstedt
    Marko Sarstedt, Jahrgang 1979, ist Professor für Marketing an der Universität Magdeburg. Von ihm ist kürzlich das Buch "Optimiertes Babymanagement. Den Elternalltag mit betriebswirtschaftlichen Methoden perfektionieren" erschienen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Sarstedt, Sie haben ein Buch darüber geschrieben, wie Eltern ihren Nachwuchs mit betriebswirtschaftlichen Methoden optimieren. Warum sollten sich Eltern mit BWL beschäftigen?

Sarstedt: Weil junge Eltern sich jeden Tag mit Problemen konfrontiert sehen, die wir in ähnlicher Form in der Betriebswirtschaftslehre kennen. Auch Kinder sind ein Planungsproblem. Das ist mir bewusst geworden, als ich selbst Kinder bekommen habe. Da war es eigentlich nur konsequent, betriebswirtschaftliche Methoden auf das Familienleben anzuwenden.

SPIEGEL ONLINE: Geht man als Betriebswirt anders an seine Kinder heran?

Sarstedt: Zumindest habe ich mich manches Mal dabei ertappt, wie analytisch ich manche Dinge angehe. Bei der Einrichtung des Kinderzimmers habe ich einen Zeitplan gemacht, wann wir was bestellen müssen, um die verschiedenen Lieferzeiten auszunutzen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch beschreiben Sie die komplette ökonomische Durchoptimierung des Nachwuchses. Klingt ziemlich zynisch.

Sarstedt: Ist es letztendlich auch. Aber es denkt nur konsequent weiter, was längst passiert: Eltern versuchen, alles zu optimieren, was mit dem Kind zu tun hat. Ich wollte diese ökonomische Betrachtung so überspitzen, dass man sich fragt: Bringt das überhaupt etwas? Mein Buch ist auch als Kritik gedacht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel für den Optimierungswahn heutiger Eltern?

Sarstedt: Ich habe mal ein Elternpaar getroffen, das den Vornamen ihres Kindes danach ausgesucht hat, wie der sich mit einem möglichen Doktortitel verträgt. Da wurde mir erst einmal klar, wie vielschichtig man so eine Frage angehen kann. Im Prinzip haben wir in der BWL ja ein ganz ähnliches Problem, wenn wir Markennamen entwickeln. Da könnten sich Eltern theoretisch einiges abschauen.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Sarstedt: In der Marktforschung arbeiten wir sogenannte Brand Concept Maps aus, um herauszufinden, wie ein bestimmter Markenname ankommt. Dabei bittet man Vertreter der Zielgruppe um Auskünfte darüber, was sie mit dem Markennamen verbinden. Dieses Prinzip ist eins zu eins übertragbar auf den Vornamen eines Kindes. Wenn Eltern zum Beispiel großen Wert auf den schulischen Werdegang ihres Kindes legen, sollten sie überlegen, was die relevante Zielgruppe - also Lehrer - mit einem potenziellen Vornamen assoziieren. Man weiß, dass Grundschullehrer bestimmte Namen favorisieren. Ein Justin steht in ihrer Gunst schlechter als ein Jakob.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man den richtigen Namen hat - wie optimiert man den weiteren Bildungsweg?

Sarstedt: Zum Beispiel durch die karriereoptimale Wahl der Krippe. Dafür könnten Eltern auf das sogenannte Scoring-Verfahren zurückgreifen. Eine Krippe hat Eigenschaften, die man gegeneinander abwägt. Wie nah ist sie am Elternhaus? Wie ist die Ausstattung? Wie hoch ist der Akademikeranteil unter den Eltern und welche Extrakurse gibt es? Alle diese Eigenschaften belegt man mit einem Punktwert. Je nachdem, was einem besonders wichtig ist, ergibt sich dann eine Rangfolge der Krippen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt simpel. Ist BWL wirklich so banal?

Sarstedt: Eltern wenden mehr oder weniger bewusst bei jeder Entscheidung, bei der sie Alternativen abwägen müssen, Scorings an. Nur setzen sie sich nicht vor den Computer, um darüber Excel-Tabellen anzulegen. Aber es gibt andere Aspekte der Kindererziehung, die überhaupt nicht banal sind. Zum Beispiel die optimale Tour für den Kinderwagen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Sarstedt: Stellen Sie sich vor, Sie haben mehrere Stationen, die Sie mit dem Kinderwagen anfahren wollen: Krippe, Supermarkt, Spielplatz, Bäcker... Bei nur 15 Stationen gibt es über 43 Milliarden verschiedene Möglichkeiten, in welcher Reihenfolge Sie diese 15 Punkte anfahren können. Das sind so komplexe Probleme, die man nur mit hohem Rechenaufwand lösen kann. In der Logistik beschäftigt man sich jeden Tag damit. Sehr faszinierend und überhaupt nicht trivial!

SPIEGEL ONLINE: Aber sehr weit hergeholt. Welche Eltern bestimmen denn auf diese Weise die optimale Kinderwagenroute?

Sarstedt: Ich behaupte nicht, dass das besonders praktikabel ist. Letztlich sollen diese Zuspitzungen ein Appell zu mehr Gelassenheit sein. Die Planbarkeit bei Kindern ist nahe null, und das Verhältnis von Aufwand zu Nutzen solcher Optimierungsanstrengungen eher überschaubar.

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1.
ancoats 28.04.2015
Frage: "Ist BWL wirklich so banal?" Antwort: "Offenbar ja." Ich hoffe mal, in besagtem Buch steht Substanzielleres als das, was Herr Sarstedt hier zum Besten gibt. Zum Beispiel die erwähnte Kritik am Optimierungswahn.
2. Karrierekompatibler Vornamen
Eisinuk 28.04.2015
Als wir in den 80er Jahren unserem Sohn einen Namen gaben, ist es uns erst im Kindergarten bewusst worden, dass es ein Modenamen ist, denn in seiner Gruppe waren zwei weitere Jungen mit dem gleichen Vornamen. Auch sein gleichaltriger Cousin, der 300 km weg lebt, hatte den gleichen Vornamen. Von diesem Tag an riefen wir ihn mit seinem zweiten Vornamen und es hat seiner Karriere nicht geschadet.
3. steril, aber funktionell
butzibart13 28.04.2015
So kalt und nüchtern es klingen mag, vielleicht wäre ein Fach "Alltagslogistik", dass sich mit der Optimierung oder besser dem Kampf gegen den Chaos im Haushalt widmet, in der Schule angebracht.
4.
marthaimschnee 28.04.2015
Wobei sich zB bei den Vornamen die Frage stellt, ob eine Schlechterstellung von Justin denn nur Ursache oder Wirkung ist. Denn irgendwoher muß das Vorurteil gegenüber solchen Namen ja auch kommen. Und an der Stelle ist die Ursache vermutlich, daß solche Namen vorwiegend aus den bildungsschwächeren, Populärschund-beeinflußten Schichten kommt. Und daß Bildung in kaum einem anderen Land vom Elternhaus abhängt, als bei uns, ist ja inzwischen ein Fakt. Es ist also durchaus überdenkenswert für zB Akademiker, ob sie ihrem Kind einen Namen geben, der auf ein bildungsfernes Niveau des Elternhauses schließen läßt und es damit praktisch möglicherweise schon aufs Abstellgleis befördert. Die damit verbundene Stigmatisierung eines Kindes über den Namen kann das natürlich keinesfalls rechtfertigen, aber das ist das Problem des Bildungssystems und ein völlig anderer Mißstand. Der Hang zur Durchökonomisierung ist jedoch auf Seiten der Konsumenten eine Folge der von oben aufgezwungenen Richtung (Mobilität, Flexibilität, Konkurrenzkampf), und definitiv keine Ursache dafür. Oder wie immer: Der Fisch stinkt vom Kopf her!
5. Jetzt bekommen die Männer Kinder!
lvkwge 28.04.2015
Herr Sarstedt hat Kinder bekommen ("...als ich selbst Kinder bekommen habe.")? Toll, bei mir hat's nur zum Vater werden gereicht. Interessant, was für Flitzpiepen der Spiegel regelmäßig zu Wort kommen lässt.
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