Von Christoph Titz
Menschen lieben Listen. Wer steht oben, wer unten, wer hat sich verbessert, wer ist abgeschmiert. Wer sicher sein will, dass viele hinschauen, der ist mit einer Liste gut bedient. Das weiß auch Maybrit Illner. Eine der liebsten Listen der Deutschen ist die alle drei Jahre erscheinende Pisa-Studie, Lernzielprobe der 15-Jährigen in 15 Industrie-Ländern. Ein Granatenthema, weil es dabei um das Beste geht, was unser Land hat: Kinder und ihre Bildung, der Rohstoff für Deutschland - Phrasen, die noch immer nicht tot gedroschen genug sind, um nicht in der Anmoderation von "Maybrit Illner" vorzukommen.
Das nächste Pisa-Ergebnis, mit Schrecken oder ohne, ist noch weit weg. Erst Ende 2010 werden die Ergebnisse der neuen Studie veröffentlicht. Weil aber gerade unter dem Titel "Klasse '09" die ZDF-Bildungswoche stattfindet und Bildungsthemen an sich wohl nicht reißerisch genug sind, hat die Talkerin ihr Thema aufgepimpt: "Eltern in Pisa-Panik - Gute Bildung nur noch für Reiche?"
Von Pisa allerdings sollte in der siebenköpfigen Runde konsequent keine Rede sein. 3000 Privatschulen gibt es schon in Deutschland, jede Woche kommt eine dazu, fast jeder zehnte Oberschüler besucht ein Privatgymnasium. "Skandal oder Notwehr?", feuerte Illner los.
Englische Privatschulen? Gruselig!
Zu heftigen Kontroversen aber kam es nicht. "Tatort"-Kommissarin Sabine Postel erschien gar als Fehlbesetzung. Zwar geht ihr Sohn auf eine englische Privatschule, aber dafür schämte sie sich fast ein wenig. Der Sohn selbst habe das gewollt. Privatschulen als Ausweg aus der Schulmisere? Niemals, meint Postel, was alle reihum wiederholen. Öffentliche Schulen brauchen mehr Geld, mehr Lehrer, kleinere Klassen. Und englische Verhältnisse seien "zum Gruseln", so weit dürfe es hierzulande nie kommen.
Dass Enja Riegel, 69, heute selbst eine Privatschule leitet, will sie nicht als Privatschulempfehlung verstanden wissen: "Ich mache an meiner neuen Schule nichts, was eine öffentliche Schule nicht auch kann." Sie weiß, wovon sie spricht. Bis vor sechs Jahren leitete sie die von Fachleuten gepriesene staatliche Helene-Lange-Schule in Wiesbaden.
Vor allem ärgert Riegel, dass gerade diejenigen, die selbst nichts für die Bildung zahlen können, die schlechtesten Schulen vor der Haustür haben. Was tun mit Kindern aus Problembezirken, fragte sich die Runde besorgt.
Was tun, wenn Eltern nie in der Schule waren?
Studien belegen es seit Jahren: Weil bei den Armen die Bildung oft wenig gilt, kümmern sie sich nicht darum, ihre Kinder auf guten Schulen unterzubringen. So bleiben sie im sozialen Ghetto. Betuchtere und gebildetere Eltern sind daraus längst geflohen - und sei es nur durch einen Ummeldetrick.
Josef Kraus, Gymnasialdirektor und Chef des Deutschen Lehrerverbands, nennt die, die übrig bleiben, umständlich "eine bestimmte Sozialklientel" - und meint doch Migranten und Transferleistungsempfänger. Eine Unterschicht, die er in seiner bayerischen 11.000-Seelengemeinde Ergoldsbach gar nicht kennt. Im Berliner Problembezirk Neukölln von Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) aber gehören 75 Prozent der Eltern diesem Milieu an. Nur eine Handvoll schaffe es in die "Fluchtburgen für bildungsorientierte Eltern", in Buschkowskys Bezirk sind das zwei religiöse Privatschulen. Aber, so Buschkowsky: "Was tun mit Eltern, die nie eine Schule von innen gesehen haben?" Aus unterschiedlicheren Welten als der des Problemkiezbürgermeisters und der des Lehrerverbandschefs Kraus konnte man die Diskutanten kaum in die Runde holen.
Keine Chance für die Kumpels auf der Hauptschule
Dazwischen der ehemalige Hauptschüler Emre, der es mit Büffeln und Hilfe seiner eben nicht desinteressierten Eltern wohl zur Hochschulreife schaffen wird. NRW-Sozialminister Armin Laschet (CDU) sprang dem 16-jährigen Deutsch-Türken vor Begeisterung fast auf den Schoß, wollte dann aber, während er noch zu Emre rüberlächelte, doch lieber nicht über Schulstrukturen reden. Dabei hatte der Junge kurz zuvor zum dritten Mal betont, dass ihm und seinen Kumpels auf der Hauptschule einfach niemand eine Chance gegeben hatte.
Vereinnahmt wurde "der gute junge Mann" von allen. Auch Lehrerverbandschef Kraus wollte mit Emres Ausnahmeerfolg das sterbende dreigliedrige Schulsystem rechtfertigen - und ignorierte eisern, dass Emre nicht wegen, sondern trotz seiner frustrierenden Hauptschulzeit erfolgreich war. Dabei wirkte Kraus manchmal, als könnte er seine staubigen Sätze schon selbst nicht mehr hören.
Enja Riegel, meist ganz vorn auf ihrer Stuhlkante, sagte über Emre Sätze, die zeigten, warum sie auch mit fast 70 noch eine gute Pädagogin ist: "Man hätte bei ihm Talente erkennen und ihn auf ein Niveau bringen können, mit dem er nie hätte auf die Hauptschule gehen müssen." Da schaute Emre glücklich und Riegel hatte vorgemacht, wie man junge Menschen mit wenigen Worten motivieren kann.
Pisa? Privatschulen? Flucht der Bildungsbürgerlichen vor Schmuddelschulen? Alles Dinge mit viel Zündstoff. Doch die Diskussion versandete ob unklarer Aufgabenstellung dort, wo Bildungsstreits im Fernsehen immer enden: Bei Strukturdebatten. CDU-Mann Laschet und Lehrervertreter Kraus befürworten das althergebrachte dreigliedrige Schulsystem - der Rest der Runde ist für ein Zweisäulenmodell aus Gemeinschaftsschule und Gymnasium. Ein Modell, das Sachsen den Pisa-Erfolg brachte und darum erst in Berlin von Rot-Rot und jetzt in Hamburg von Schwarz-Grün in ähnlicher Form ausprobiert wird. Beide Stadtstaaten zeigen, dass moderne Bildungspolitik keine Frage politischer Farbenlehre ist.
Illners Runde zeigte immerhin eins: Das Aschgrau der fünfziger Jahre taugt nicht für die Schule von Morgen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH