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Bildungsdebatte: Schavan mahnt Länder, das Schulchaos zu beenden

Wenn Eltern in ein anderes Bundesland umziehen, verzweifeln sie oft: neue Lehrpläne, neue Schulformen, neue Anforderungen - das deutsche Schulchaos. Jetzt hat Bildungsministerin Schavan (CDU) von den Ländern verlangt, endlich an einem Strang zu ziehen. Es wird ein frommer Wunsch bleiben.

Reformobjekt Schule: Jedes Bundesland macht, was es will Zur Großansicht
DPA

Reformobjekt Schule: Jedes Bundesland macht, was es will

Mehr Gemeinsamkeit in der Bildungspolitik hat sich Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) von den Bundesländern gewünscht. Beim Umzug von einem Bundesland in ein anderes dürfe es keine "Mobilitätshemmnisse" mehr geben, sagte sie bei der Bundestagsdebatte um den nationalen Bildungsbericht.

Schavan meint damit das Schulchaos, unter dem Eltern und Kinder leiden, wenn sie von einem Bundesland ins andere ziehen. Dann ändern sich Anforderungen, Schulbücher und -formen. Die Familien müssen sich zurechtfinden in einem Bildungsdschungel: 16 Bundesländer gestalten ihre 16 Schulsysteme so, wie es ins jeweilige politische Bild passt. Landespolitiker verteidigen diese Unabhängigkeit immer wieder, zuletzt Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle im Interview.

"Nicht länger über Kooperationsverbot lamentieren"

Schavan hofft nun, die Länder zur Zusammenarbeit überreden zu können. Am Donnerstag sagte sie im Bundestag, Erfolge gebe es immer dann, wenn Bund und Länder gemeinsam vorgingen. Als Beispiel nannte sie den Ausbau von Kitas und Ganztagsschulen sowie die Schaffung von mehr Studienplätzen.

Thüringens Bildungsminister Christoph Matschie (SPD) hält davon nicht sonderlich viel. Er forderte vom Bund mehr Geld für die Bildung. "Immer neue Sonderprogramme für bestimmte Problemfälle sind keine Lösung", sagt er. Auch falle es den Ländern immer schwerer, ihren Finanzanteil an solchen Sonderprogrammen aufzubringen.

Es ist das übliche Hin und Her: Der Bund will mitreden; die Länder wollen Geld, am liebsten, ohne den Bund mitreden zu lassen. Doch Finanzhilfen des Bundes werden seit 2006 durch das "Kooperationsverbot" erschwert bis verhindert: Es schließt Zahlungen des Bundes "für bedeutsame Investitionen der Länder und Gemeinden" dort aus, wo allein die Länder die Gesetzgebungskompetenz haben.

Zu den Kritikern dieses Gesetzes gehört die Grünen-Abgeordnete Priska Hinz. Sie forderte von Union und SPD, "nicht länger über das Kooperationsverbot in der Bildung zu lamentieren, sondern endlich für seine Abschaffung einzutreten". Mit der Grundgesetzänderung von 2006 sei ein falscher Weg eingeschlagen worden.

Der Linke-Fraktionschef Gregor Gysi sagte, es sei nicht mehr zu vermitteln, warum es in der Bundesrepublik 16 verschiedene Schulsysteme gebe.

Mittelschule, Mittelstufenschule, Oberschule - es wird chaotischer

Doch die Ländern tun derzeit ihr Bestes, das Chaos noch zu vergrößern: In Bayern begann in diesem Schuljahr mit der Mittelschule eine neue Schulform. In Hessen stellte Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) am Dienstag ihre Reform vor - dazu gehört die Mittelstufenschule, ebenfalls ein neuer Typ Schule. In Niedersachsen ist die Einführung der Oberschule geplant.

Als gelte es, die Vielfältigkeit in Deutschlands Bildungssystem zu vergrößern, geht jedes Land seinen eigenen Weg. Und das, obwohl die Kultusminister das Grundproblem teilen: Der Geburtenrückgang und die Abwanderung vom Land bedeuten für die bei Eltern unbeliebten Hauptschulen das Aus. Die neuen Schultypen sollen sie ersetzen.

Und zuletzt steigerte Schleswig-Holstein die Unübersichtlichkeit in der Bildungsrepublik: Als erstes Bundesland kehrt es zurück zum Abitur nach neun Schuljahren. Mit den Stimmen der schwarz-gelben Koalition beschloss der Landtag am Mittwoch, dass Gymnasien selbst entscheiden können, ob sie beim Turbo-Abitur nach acht Jahren (G8) bleiben - oder ob sie, wie früher, die Reifezeugnisse erst nach Klasse 13 verteilen.

Das Gesetz ermöglicht auch ein Nebeneinander beider Formen an einer Schule. Alle Bundesländer - bis auf Rheinland-Pfalz - haben flächendeckend die Gymnasialzeit von neun (G9) auf acht Jahre (G8) verkürzt. Nordrhein-Westfalen ermöglicht es Gymnasien, bei einem Schulversuch zu G9 zurückzukehren. 13 Gymnasien haben dies für das Schuljahr 2011/2012 beantragt.

otr/bim/dpa

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Karlsruhe übernehmen Sie!
Friedrich Hattendorf 27.01.2011
De facto wird doch die im Grundgesetz garantiere Freizügigkeit - zumindest für die Eltern schulpflichtiger Kinder - ausser Kraft gesetzt.
2. Wünschenswert wäre es...
leonardo01 27.01.2011
Zitat von sysopWenn Eltern umziehen in ein anderes Bundesland verzweifeln sie oft: neue Lehrpläne, neue Schulformen, neue Anforderungen - das deutsche Schulchaos. Jetzt hat Bildungsministerin Schavan (CDU) von den Ländern verlangt, endlich an einem Strang zu ziehen. Es wird ein frommer Wunsch bleiben. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,742010,00.html
Wünschenswert wäre besonders aber ein innerdeutsches System mit einheitlichen Bildungsstandards und wirklich vergleichbaren Abschlüssen. Das wird aber nie kommen, denn die Bundsländer, die derzeitig das Niveau hoch halten, werden sich nicht auf die Niederungen anderer Bundesländer herablassen. Umgekehrt werden die, die all denen das Abiturzeugnis nachwerfen, die nicht bei 3 weg sind, sich nicht darauf einlassen, dass das Bildungsniveau angehoben wird. Denn das würde ja zu Lasten der Abiturientequote gehen und die Wut aller Eltern und damit Wähler auf sich ziehen, die auch jedes unterdurchschnittlich begabte Kind noch zum Abitur geführt werden sehen wollen.
3. Es ist absurd, in dem kleine Deutschland
Seifen 27.01.2011
eine politsche Struktur zu schaffen, die, wenn überhaupt, im Mittelalter mal modern war. Da musste der Landesfürst einen berittenen Boten mit einer Nachricht über Land schicken. Heute geht das per E-Mail in Sekunden. Schafft endlich die Politheinis in den Ländern ab. Dann wird es auch besser und billiger, nicht nur mit dem Schulsystem
4. ...
Mathe-Freak 27.01.2011
Unnötige Aufregung... Jeder hält sein System für das Beste, und somit wird sich nie was ändern.
5. Falsche Zuständigkeiten
bafibo 27.01.2011
Es ist gar nichts dagegen zu sagen, wenn die Länder die Hoheit über die Universitäten usw. behalten - hier kann sich schließlich jeder Student selbst aussuchen, wo er studieren möchte. Aber die Kleinstaaterei auf dem Schulsektor ist für die Schulkinder und deren Eltern, seit Jahrzehnten ein einziges Elend. Man kann nicht mal behaupten, unter den Ländern bestünde in dieser Hinsicht ein Wettbewerb - Schulpolitik wird rein nach Kassenlage und ideologischer Einstellung gemacht, da auch niemand ernsthafte Vergleiche zwischen verschiedenen Schulausgestaltungen vornimmt. Nicht mal die PISA-Prüfungen finden flächendeckend statt, so daß sämtliche Ergebnisse, jedenfalls sobald man Auskunft über kleinere Teilaspekte haben will ("männliche Jugendliche vom Land mit Migrationshintergrund), im Bereich des Zufalls liegen.
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