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Schul- und Ausbildungsabbruch: Voller Zuversicht das Ziel verfehlt

Da winken sie: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten beim Bildungsgipfel 2008 Zur Großansicht
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Da winken sie: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten beim Bildungsgipfel 2008

Eine "Bildungsrepublik" wollte Kanzlerin Merkel schaffen - mit deutlich weniger Schul- und Ausbildungsabbrechern. Die Ziele dürfte sie verfehlen, trotzdem gibt sich die Regierung optimistisch.

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Mehr Geld für Bildung, mehr Krippenplätze für Kleinkinder, mehr Studenten, weniger Schul- und Ausbildungsabbrecher: Was Bund und Länder vor sieben Jahren auf ihrem Bildungsgipfel in Dresden verabredeten, sollte ein großer Aufbruch werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündete gar, Deutschland bis 2015 zu einer "Bildungsrepublik" machen zu wollen.

Seither hat die Kanzlerin sich kaum noch zum Thema geäußert. Und erreicht sind viele der Ziele nur ansatzweise. Dennoch ist die Bundesregierung sicher, sie sei auf dem richtigen Weg. Das zeigt ihre Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag - die sich in vielen Punkten anders liest als eine Zwischenbilanz, die der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kürzlich vorlegte. (Hier lesen Sie die DGB-Studie, hier die Darstellung der Bundesregierung).

Vor allem in zwei Punkten hinkt Deutschland den Dresdener Zielen hinterher:

  • Den Anteil der Schulabbrecher wollten Bund und Länder von 8 Prozent auf 4 Prozent halbieren. Der Schulabbrecheranteil ist tatsächlich stark gesunken: 5,7 Prozent waren es im Jahr 2013. Dass das 4-Prozent-Ziel in diesem Jahr noch erreicht wird, sei allerdings "kaum zu erwarten", urteilt der Essener Bildungsökonom Klaus Klemm in der DGB-Studie. Die Bundesregierung sieht das positiver: Es sei "bereits mehr als die Hälfte der angestrebten Reduzierung erreicht, was belegt, dass die eingeleiteten Maßnahmen Wirkung zeigen".
  • Sehr hoch ist weiterhin der Anteil der jungen Erwachsenen ohne Berufsausbildung. Auf dem Bildungsgipfel verabredeten Bund und Länder, die Zahl von 17 auf 8,5 Prozent zu halbieren. Zuletzt lag der Anteil der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss 2013 mit 13,8 Prozent noch deutlich über der Zielmarke. Die angestrebte Halbierung sei "nicht in Sicht", so das DGB-Gutachten. In der Antwort der Bundesregierung klingt es eher nach: viel erreicht, noch etwas zu tun. Es habe "signifikante Fortschritte in diesem Handlungsfeld gegeben, die es auszubauen gilt".

Der hohe Anteil der Menschen ohne Berufsabschluss zeigt: Das von der Politik oft gelobte System der Berufsbildung in Deutschland ist längst nicht immer so gut wie sein Ruf. Die DGB-Studie rechnet vor, dass auch 2013 noch 258.000 junge Menschen im Übergangssystem waren - also diverse Kurse und Maßnahmen durchliefen, die nicht zu einem Ausbildungsabschluss führen. Im Übergangssystem landen vor allem Jugendliche, die keinen oder nur einen schlechten Schulabschluss vorweisen können.

Aber auch, wer eine Lehrstelle in einem Betrieb bekommen konnte, schließt die Ausbildung noch nicht unbedingt ab: Gut 30 Prozent aller Ausbildungen enden ohne Abschluss, hatte der Bildungsbericht 2014 festgehalten (hier finden Sie das Dokument). Von denjenigen, die keinen oder allenfalls einen Hauptschulabschluss haben, brechen mit 38 Prozent überdurchschnittlich viele ihre Berufsausbildung ab.

Eine Erklärung für den hohen Schulabbrecheranteil findet sich auch im deutschen Umgang mit behinderten Schülern: 72 Prozent besuchen noch immer eine Sonderschule, nur 28 Prozent gehen auf eine Regelschule. Gerade die vielen Sonderschüler treiben die Abbrecherstatistik in die Höhe: Drei von vier Sonderschülern machen keinen Abschluss. 2008 machten Absolventen der Sonderschulen rund die Hälfte aller Schulabbrecher aus, hatte die Bertelsmann-Stiftung errechnen lassen.

Für die Ausgrenzung von Schülern mit Behinderung wurde Deutschland am Freitag erst von der Uno kritisiert. Einige Bundesländer, schreibt die zuständige Monitoringstelle der Uno, "halten an der Doppelstruktur Regelschule und Sondereinrichtung ausdrücklich fest." (Den Bericht finden Sie hier.)

Somit wäre mehr Inklusion - also ein Ausbau des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Behinderung - ein Hebel, um den Abbrecheranteil weiter zu senken. Doch die Bundesregierung, die den Bildungsgipfel 2008 initiiert hatte, weist darauf hin, dass sie dafür nicht zuständig ist. "Schulbildung liegt nach der Zuständigkeitsverteilung des Grundgesetzes im Verantwortungsbereich der Länder", schreibt sie in der Antwort auf die Nachfrage der Grünen-Fraktion nach dem hohen Abbrecheranteil unter den Sonderschülern. "Es obliegt daher den Ländern, Maßnahmen zur Reduzierung des Anteils der Schulabgänger ohne Abschluss an Förderschulen zu ergreifen."

Eine bessere Zusammenarbeit in Bildungsfragen hatten Bund und Länder im Herbst zwar vereinbart. Das sogenannte Kooperationsverbot wurde gelockert - jedoch nur im Hochschulbereich. Also ausgerechnet in dem Bereich, in dem zumindest die Ziele des Dresdener Gipfels erreicht sind: Auf 40 Prozent wollten die Bundesregierung und die Länderchefs die Studienanfängerquote steigern. Inzwischen studieren 46,2 Prozent eines Altersjahrgangs.

Zusammengefasst: 2008 haben Bund und Länder Ziele für die Bildungspolitik verabredet. Unter anderem wollten sie den Anteil der jungen Menschen ohne Schul- und Berufsabschluss bis 2015 halbieren. Doch zuletzt lag der Anteil der Schulabbrecher bei 5,7 Prozent statt bei 4 Prozent, der Anteil der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss bei 13,8 Prozent statt bei 8,5 Prozent. Trotzdem äußert sich die Bundesregierung in der Antwort auf eine Parlamentsanfrage nun zuversichtlich.

bkr

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1. .
Jotrocken 31.03.2015
Solange das Merkel ausschließlich darum bemüht ist, das Niveau an den Schulen, insbesondere an den Gymnasien, immer weiter runter zu schrauben, damit immer mehr Schüler auf das Gymnasium gehen können, wird sich nichts verbessern. Gute Nacht Deutschland!
2.
Hesekiel 31.03.2015
Ich habe selbst an einer Foerderschule seinerzeit Zivildienst geleistet, und mitnichten jeder Foerderschueler ist das, was sich ein Durchschnittsbuerger unter "behindert" vorstellt. Von den koerperlich beeintraechtigten Schuelern gingen die allermeisten danach in betreute Projekte (Stichwort beschuetzende Werkstaetten), diese Gruppe duerfte in der Statistik eigentlich nicht derart ins Gewicht fallen. Ein grosser Teil der Foerderschueler war darueber hinaus "lernbehindert" und selbst in kleinen Gruppen oder Einzelfoerderung nicht in der Lage, ueberhaubt Leistung auf entsprechendem Hauptschulniveau zu erbringen. Die Gruende dafuer sind mit Sicherheit individuell, ich wage aber zu bezweifeln, dass sich in dieser Gruppe ein signifikanter Anstieg der Abschluesse durch Inklusion erreichen laesst. In sofern waere eine Statistik hilfreich, die den Werdegang von Foerderschuelern nach Behinderungsart darstellt.
3. Die unendliche Geschichte...
darkace82 31.03.2015
die sich deutsches Bildungssystem nennt. Ewiges herumdoktern, völliges sinnfreies festhalten am Föderalismus System, marode Schulen und eine Lehrer Ausbildung von vor 100 Jahren. Dazu Dauer-bashing der ach so faulen Lehrer (Beamte, igitt) und fertig ist der Cocktail. Bildung ist der einzige "Rohstoff" den Deutschland hat. und der wird auf dem Altar eitler landespolitker und unfähiger Parteien geopfert.
4. Es kann nicht sein, dass das Ei klüger ist als die Henne,
paulkramer 31.03.2015
und deshalb muss Merkel sehr darauf achten, das Bildungssystem immer weiter runter zu schrauben, und wenn es das einzige ist, von dem man später sagen kann, dass es ihr gelungen ist. Mittlerweile ist der Gymnasialabschluss der Regelschule auf das Niveau zwischen Grundschul- und Realschulabschluss zu DDR-Zeiten abgesenkt worden und die Bemühungen gehen weiter, dass Zuwanderungen aus Bereichen südlich des Mittelmeeres mit vierjähriger Schulpflicht nicht überfordert werden.
5. ...
Newspeak 31.03.2015
Merkel "wollte" nie etwas, außer Kanzlerin zu sein. Wann hört die Presse auf, Behauptungen einfach nur wiederzugeben, statt zu hinterfragen? Nebenbei, als Nachwuchswissenschaftler, der kaum noch eine Chance hat, mit befristeten Verträgen und Wissenschaftszeitvertragsgesetz unterzukommen (quasi ein Berufsverbot wie bei den Nazis), könnte ich jedem, der etwas von "Bildungsrepublik" schwafelt, direkt eins in die Fresse schlagen.
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